Auf dem roten Teppich

Das Interview, das ich nie geführt habe

Was passiert, wenn Promis und Presse andere Vorstellungen davon haben, wie ein Gespräch verlaufen sollte, beobachtet Annika Schönstädt.

Annika Schönstädt ist Promi-Reporterin.

Annika Schönstädt ist Promi-Reporterin.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Mein Name ist Annika Schönstädt, und ich bin Promi-Reporterin. Seit fast zehn Jahren schreibe ich über Klatsch und Tratsch, Unterhaltung, Gossip – wie auch immer Sie es nennen wollen. Die Seiten in der Zeitung, die nie jemand liest – außer vielleicht heimlich beim Friseur – und über deren Inhalte trotzdem jeder bestens informiert ist. Die Art von Journalismus, für die man keine Preise gewinnt und die Kollegen zu Formulierungen wie „Teppich-Luder“, „Chichi-Seite“ oder „Leute-Mädchen“ inspiriert.

Aber keine Sorge, ich würde mit niemandem aus dem seriösen Fach tauschen wollen. Denn sie haben ja recht. Auf meinen Arbeitsterminen gibt es Champagner, im besten Fall dargereicht in Form von Pyramiden. Statt acht Stunden im Büro darf ich Premieren, Preisverleihungen und Galadinner meinen Alltag nennen. Und eines Tages kommt garantiert der Moment, in dem ich den VIP treffe, von dem auch der größte Spötter hinter verschlossenen Türen träumt. Auf privaten Partys bin ich außerdem die Small-Talk-Königin. Wie sie denn so sind, die Stars, wollen die anderen dann wissen. Wer sich hinter den Kulissen so richtig daneben benimmt und was das schrägste Interview war, das ich jemals geführt habe.

Dieter Hallervorden putzt sich lieber die Brille

Tatsächlich habe ich bisher nur zwei Mal Interviews vorzeitig beendet. Weil, diplomatisch ausgedrückt, meine Vorstellung vom Verlauf des Gesprächs nicht mit der des Gegenübers kompatibel war. So wie zuletzt bei Dieter Hallervorden, dessen unüblicher Aufforderung, die Fragen vorab einzureichen, ich nicht nachgekommen war. Nur dank der Überredungskünste eines PR-Mitarbeiters war der Schauspieler doch noch zu einer Audienz bereit. Er sei ein solches Verhalten nicht gewohnt und im Übrigen nicht verpflichtet, mit mir zu sprechen, ließ er mich gleich im ersten Satz wissen.

Das Kompliment konnte ich gern zurückgeben. Sie können sich vorstellen, wie exzellent wir uns danach verstanden haben. Dieter Hallervorden ignorierte die meisten meiner Fragen und zog es vor, stattdessen seine Brille zu putzen. Zum Abschied gab er allen Anwesenden die Hand – außer mir. In dem Film, über den wir uns ursprünglich unterhalten wollten, spielt Hallervorden übrigens einen verbitterten alten Mann, der mit seiner Art sein ganzes Umfeld vergrault.

Von Otto keine Spur

Das absurdeste Interview war allerdings eines, das ich gar nicht erst geführt habe. Im vergangenen Jahr wurde Otto Waalkes 70 Jahre alt und veröffentlichte aus diesem Anlass seine „Ottobiografie“. Der Komiker ist ein Held meiner Kindheit. Eine von meinem Vater an uns weitergegebene Kassette aus den 70er-Jahren wurde von meiner Schwester und mir wie ein Heiligtum behandelt. Natürlich wollte ich ein Interview führen! Und ich hatte Glück. Otto Waalkes wollte in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden aus seinem Buch lesen. Vorab war ein Treffen vereinbart.

Als ich dort ankam, war Otto noch nicht da. Er habe sich im Hotel noch einmal hingelegt, hieß es von der Dame aus dem Verlag und einem mitgereisten Freund des Künstlers, dem Schriftsteller Bernd Eilert. Die Zeit schritt voran, Otto tauchte nicht auf. Man könne ja schon einmal anfangen, fand Eilert. Wie er sich das denn vorstelle, ein Interview ohne den Interviewten, fragte ich verwundert. Er kenne Otto Waalkes seit Jahrzehnten auswendig und überhaupt, ließ mich der Mitautor der Biografie wissen. Ob nun er die Fragen beantworte oder Otto, das mache doch wirklich keinen Unterschied. Ich habe das Angebot abgelehnt. Der Dame vom Verlag war die Situation sichtlich unangenehm.

Zum Geburtstag, einige Wochen später, erschienen zahlreiche Interviews mit Otto Waalkes. Ich habe mich beim Lesen jedes einzelnen gefragt, welches davon er wirklich selbst gegeben hat.