Auf dem roten Teppich

Ich verzichte, also bin ich

Während sich Normalsterbliche mit der Fastenzeit plagen, haben Prominente beim Thema Detox längst ein ganz neues Level erreicht.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Und, auf was verzichten Sie in dieser Fastenzeit? Alkohol, Schokolade, Kohlenhydrate? Oder gehören Sie zu den Menschen, die es einfach durchziehen mit dem Hedonismus? Ohne Reue von Weihnachtsbraten bis Osterlamm! Immer rein in die Figur! Was das Essen angeht, kann ich das sogar verstehen. Nach Fashion Week und Berlinale gebündelt am Jahresanfang versuche ich mich gerade aber in 40-tägiger Alkoholabstinenz. Mal gucken, ob es noch geht. Sicher ist sicher.

Ein bisschen ist der Verzicht zwischen Aschermittwoch und Ostern in meinem Umfeld allerdings aus der Mode gekommen. Stattdessen macht man heute Dry January oder Veganuary. Bedeutet im Prinzip das Gleiche, klingt aber viel hipper. Nach Lifestyle statt nach Entsagung, nach Hollywood statt nach Vatikan, nach Selbstbestimmung statt nach Katechismus. Paul McCartney, Joaquin Phoenix, Jana Pallaske, Kaya Yanar und Ralf Moeller machen auch mit und ernähren sich einen Monat lang komplett vegan, erfuhr ich aus einer Pressemitteilung. Zur Passionszeit sind bei mir bisher noch keine solcher Aussendungen eingetroffen. Dabei hätte die Mutter aller Detoxprogramme doch durchaus PR-Potenzial. Als Prominenter kommt man heute schließlich ohne Verzicht überhaupt nicht mehr aus. Und Klassiker wie Low Carb, FDH oder Weight Watchers sind hier nur etwas für Anfänger.

Vegan, zuckerfrei oder Total Detox - die Wahl der Qual

Ruth Moschner beispielsweise ist ein Fan von „Total Detox“. Bedeutet in ihrem Fall ganz einfach: Fasten. Wahlweise zwischen 24 Stunden und vier Wochen. Die Moderatorin ernährt sich dann nur von Rohkost, Buchweizenpancakes oder Carob-Chiapudding und verspricht sich davon glattere Haut, bessere Laune und eine stabile Gesundheit. Praktischerweise nachzulesen in ihrem jüngst erschienenen Buch.

Kollegin Anastasia Zampounidis lebt nach eigenen Angaben seit zwölf Jahren komplett zuckerfrei. Ich wiederhole: ZWÖLF! Empfohlen hat ihr das Konzept eine Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin, die sie ursprünglich wegen ihrer Verspannungen aufgesucht hatte. Selbstredend sind die Beschwerden mittlerweile verschwunden. Genau so wie Heißhungerattacken und – wenn man sich die 51-Jährige so anguckt – auch der Alterungsprozess. Zwischenzeitlich beriet Zampounidis ein Restaurant in Berlin und hat zum Thema mehrere Bücher veröffentlicht. Wie schön, wenn mit dem gesunden Lebensstil noch ein veritables Geschäftsmodell verbunden ist.

Ähnliche Ratgeber und Produktlinien gibt es auch von Anna Schürrle, Ursula Karven, Detlef D! Soost und Charlotte Würdig. Verzichtet wird auf tierische Produkte, Gluten, Fructose, Süßes, Fettiges, Alkohol oder einfach nur auf Stress. Alles natürlich ganz ohne Hungern. Achtsamkeit lautet das Zauberwort. Zur Gelddruckmaschine perfektioniert hat diese Praxis Gwyneth Paltrow. Die 47-Jährige lud kürzlich ihre Freundinnen Kate Hudson und Demi Moore zur No-Make-up-Party. Die perfekte Werbung für ihr Gesundheitsimperium Goop. 2008 gründete Paltrow das Lifestyleportal, unter dessen Dach sie Beauty- und Wellnessprodukte aller Art vertreibt. Darunter auch die legendäre „This Smells Like My Vagina“-Kerze. Ein zentraler Punkt des Geschäfts ist allerdings der Verzicht. Pardon: Detox.

Leider lässt sich nicht abstreiten, dass Gwyneth, Ruth und Anastasia in der Tat ziemlich fabelhaft aussehen. Ich habe mit mir selber noch nicht final ausdiskutiert, ob es das wirklich wert ist. Wenn ich mir meine Augenringe nach der Berlinale so angucke, tendiere ich zu „ja“. Meistens hoffe ich aber, dass einfach viel Hokuspokus dabei ist. So wie bei der veganen Influencerin, die neulich beim Fischessen erwischt wurde. In meiner Fastenzeit wird es also ein paar Jokertage geben – schon aus beruflichen Gründen. Und man muss es ja auch nicht übertreiben.