Auf dem roten Teppich

Ice Ice Baby - Frieren auf dem roten Teppich

Der Berliner Winter ist lang und unangenehm. Leider ist eine Pause vom roten Teppich in den kalten Monaten nicht vorgesehen.

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Finden Sie das Winterwetter in Berlin auch so unerträglich wie ich? Kälte, Dunkelheit und Regen, Regen, Regen. Ich bin dafür einfach nicht gemacht. Und vor allem: Ich kann so nicht arbeiten! Der Winter führte bei mir in der vergangenen Woche zu einer regelrechten Sinnkrise. Alles fand ich furchtbar an meinem Job, nachdem ich wieder einmal stundenlang bei Frost und Nieselregen am roten Teppich vor dem Zoo Palast gestanden hatte. Und das alles dafür, dass der werte Stargast Elyas M’Barek sich nur ein paar schmallippige Sätze abquälte. Frederick Lau und Palina Rojinski wollten erst gar nicht am hinteren, stiefmütterlichen Print-Ende der Pressline stehen bleiben, während ich meine Zehen schon nicht mehr spürte und das Halten des Stiftes mit klammen Fingern zur Herausforderung wurde.

Klar, die prominenten Premierengäste haben es auch nicht leicht. Meine Montur aus Wintermantel, Mütze, Handschuhen und Wollsocken ist immerhin erst nach 45 bis 60 Minuten durchgefroren. Bei den hauchdünnen Couture-Kleidern der Damen auf der anderen Seite sieht das schon ein wenig anders aus. Sie friere immerhin in Gucci, es gebe Schlimmeres, erzählte mir neulich Liv Lisa Fries bei der Premiere der dritten Staffel „Babylon Berlin“. Ich gebe zu, das wäre auch mir ein angemessener Trost. Aus Liebe kann man vieles, aus Eitelkeit alles ertragen, nicht wahr?

Nicht viel besser ist es im Winter – oder noch schlimmer: nachts im Winter – an einem Filmset. Nirgendwo ist die Ugg-Boots-Dichte höher, der Teekonsum exzessiver und der Michelin-Männchen-Mantel gefragter. Alles dauert lange, die meiste Zeit verbringt man mit Warten, während sich Kälte und Müdigkeit in die Knochen fressen und man sich fragt, warum um alles in der Welt man nichts Vernünftiges gelernt hat. Besonders unangenehm können historische Stoffe werden, wenn das Wetter nicht mitspielt. Jesuslatschen im Schnee? Mittelalterliches Gewand bei Minusgraden? Glamouröses Hollywoodlife sieht irgendwie anders aus.

Und Drehtage sind teuer, deshalb gilt eine Erkältung bei den Hauptdarstellern meist nicht als Ausrede für einen Tag im Bett. Aber auch in Interviews saßen mir Bastian Pastewka, Muriel Baumeister oder Mateo von Culcha Candela schon in erbarmungswürdigem Zustand gegenüber. Darauf erst mal ein Glas Aspirin Complex. Cheers! Auch Bob Geldof wurde bei seinem Berlin-Besuch in der vergangenen Woche vom deutschen Winter dahingerafft. Immerhin konnte der Ire noch darüber lachen, während er tapfer das neue Album der Boomtown Rats vorstellte. Er könne einen neuen Kopf gebrauchen, sonst gehe es ihm gut. Vermutlich habe er sich das Coronavirus eingefangen.

Jammern auf hohem Niveau werden Sie jetzt vielleicht denken. Was ist schon ein bisschen Frieren und Schnupfen im Tausch gegen Glanz, Gloria, Ruhm und Reichtum? Nun, mit dem Gefühl von Ruhm und Reichtum kenne ich mich nicht aus, aber wenn ich in solchen frostigen Momenten an Champagner, Abendkleider und rauschende Partys denke, hätte ich doch lieber einen Kamillentee und eine Wärmflasche.

Um an dieser Stelle noch ein bisschen mehr Mitleid für mich, meine Kollegen und die gesamte Filmbranche zu erhaschen, möchte ich darauf hinweisen, dass die Berlinale uns allen noch bevorsteht. Beim Gedanken daran verspüre ich schon jetzt ein leichtes Kratzen in der Halsgegend. Filmfestspiel-Erprobte wappnen sich schon vorher mit allerlei Geheimtipps gegen die Berlinale-Grippe, die auf den Empfängen verschwörerisch ausgetauscht werden. Iris Berben trinkt keinen Alkohol und geht früh ins Bett, Nico Hofmann nimmt prophylaktisch Vitasprint, ich fahre seit Jahren direkt im Anschluss in die Sonne. Wenn ich zurückkomme, sieht die Welt immer schon ganz anders aus. Denn glücklicherweise ist selbst in Berlin nicht immer Winter.