Kolumne Immer Hertha

Hertha im Trainingslager: Was steckt hinter der Show?

Im Trainingslager in den USA sind die großen Ziele des Klubs allgegenwärtig. Nun müssen den Worten Taten folgen, meint Jörn Lange.

Jörn Lange hat Hertha in die USA begleitet.

Jörn Lange hat Hertha in die USA begleitet.

Foto: Sören Stache/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Berlin. Das erste Mal ist nicht immer prickelnd. Heerscharen von Teenagern machen diese Erfahrung seit Generationen, und auch ich wurde in dieser Woche wieder daran erinnert. Während Herthas Trainingslager in Orlando/Florida nutzte ich die Gelegenheit, zum ersten Mal in meinem Leben ein NBA-Spiel live in der Halle zu sehen. Nicht weniger als die Erfüllung eines Kindheitstraums – die besten Basketballer der Welt aus nächster Nähe zu erleben, war immer ein Sehnsuchtsziel. Als es nun so weit war, hielt sich die Begeisterung allerdings in Grenzen.

Die Teams waren nicht besonders prickelnd, das Spiel zudem recht öde und zu allem Überfluss bekam ich auch noch Kopfschmerzen. Kein Zufall, sondern das Resultat der jahrmarktartigen Dauerbeschallung. Abenteuerlich angezogene Tänzerinnen und Tänzer, Männer auf gigantischen Stelzen, Trommel-Truppen, Maskottchen, marktschreierische Moderatoren, Lichtershow und eine Leuchtreklame, die eigentlich eine Sonnenbrille erfordert – was in den Auszeiten und Viertelpausen geboten wurde, brachte mein zentrales Nervensystem an seine Grenzen. Spätestens im vierten Viertel war die Reizüberflutung perfekt. Ans Spiel selbst habe ich kaum noch Erinnerungen. Die künstlich erzeugte Euphorie hat den Sport überlagert.

Stimmung um der Stimmung willen, egal wie mau die Partie auch sein mag – ist es das, was begeistert? Wer kein großes Interesse an Basketball hat, mag das unterhaltsam finden, alle anderen dürften ein krasses Missverhältnis zwischen Show und Substanz empfinden.

Vollmundige Ankündigungen von Klinsmann und Windhorst

Was das alles mit Hertha BSC zu tun hat? Gar nicht so wenig, stellt sich bei den Berlinern doch ebenfalls die Frage, wie viel von ihrem mutigen Getrommel Show ist und wie viel Substanz dahinter steckt. Solch vollmundige Ankündigungen wie jene von Investor Lars Windhorst und Trainer Jürgen Klinsmann hat man im deutschen Fußball lange nicht gehört. Im Eiltempo nach Europa, Champions League, „Big City Club“ – so etwas müssen Fan-Nerven erstmal aushalten.

Ob das Geld von Investor Windhorst dafür wirklich reicht und dem früheren Sommermärchen-Macher Klinsmann tatsächlich ein weiterer Coup gelingt? Die Skepsis kickt mit, auch bei Todd, einem amerikanischen Hertha-Fan, der in Orlando jeden Tag am Trainingsplatz stand. „Eigentlich lebe ich in Texas“, erzählte Todd, Anfang 30, Baseballkappe und Hertha-Pullover, „aber ich verbinde das Trainingslager mit einem Besuch bei meinen Eltern.“ Jene wohnen immerhin in Florida, doch die Fahrt zum Trainingsgelände dauert trotzdem fast eine Stunde. Für Todd kein Hindernis. Seit ein Freund ihn während eines Berlin-Besuchs mit ins Olympiastadion nahm, ist er Hertha verfallen.

Klinsmann gab auch in den USA den Reformer

Als Amerikaner hat er allerdings auch ziemlich genau mitbekommen, wie Klinsmann als Nationalcoach der USA gewirkt hat. Von 2011 bis 2016 gelangen dem Wahl-Kalifornier zwar einige beachtliche Resultate, die ganz großen Ziele erreichte er jedoch nicht. 2011 sprach Klinsmann davon, das Halbfinale der WM 2018 erreichen zu wollen. Beim Turnier in Russland waren die USA dann nicht mal dabei, erstmals seit 1986. Ein Desaster, an dem Klinsmann mit dem verpatzten Quali-Start seinen Anteil hatte.

Natürlich gab der Ex-Profi auch in den USA den Reformer, so war es gewollt. Dass er manch radikale Entscheidung traf, etwa Volksheld Landon Donovan aussortierte, wurde lange akzeptiert. Klinsmann bekam alle Freiheiten und mehr Geld zur Verfügung gestellt als jeder seiner Vorgänger. Bei seiner Entlassung stand das Nationalteam wieder dort, wo es schon 2011 gestanden hatte. Und rutschte danach sogar weiter ab.

Dass es bei Hertha ähnlich kommt, ist damit natürlich nicht gesagt. Den Klinsmann-Skeptikern gegenüber stehen Tausende Anhänger, die es feiern, dass bei Hertha endlich groß gedacht wird. Klinsmanns ambitionierten Ansatz schon jetzt zu verlachen, wäre genauso unangebracht, wie seinen Verheißungen unkritisch zu folgen. Am Ende braucht es einen gesunden Mix – so, wie es auch dem NBA-Spektakel gutgetan hätte.