Immer Hertha

Salomon Kalou ist einer wie keiner

Salomon Kalou hat Hertha nicht nur als Fußballer geprägt, sondern auch als Typ. Nun geht der Ivorer – und hinterlässt eine Lücke.

Jörn Lange zieht Bilanz zu Kalous Zeit bei Hertha.

Jörn Lange zieht Bilanz zu Kalous Zeit bei Hertha.

Foto: Andreas Gora/dpa; Reto Klar (Montage)

Berlin. Es ist schon kurios: Da setzt Hertha endlich die Segel, um eine Hausnummer in Europa zu werden, doch der einzige Profi mit internationaler Strahlkraft geht von Bord. Salomon Kalou wird Berlin in diesem Winter verlassen, weil er nun mal das machen will, was er liebt: Fußball spielen. Bei Hertha kam der 34-Jährige zuletzt nicht mehr zum Zug, also sucht er nun das, was auch Hertha als Klub versucht – einen neuen Anfang. Ein nachvollziehbarer Schritt, das allemal, aber zugleich ein sehr bedauerlicher. Denn Kalou tat Hertha nicht nur als Fußballer gut, sondern vor allem als Typ.

Gut fünf Jahre ist es her, dass der Ivorer in der Hauptstadt aufschlug. Das ließ aufhorchen – ein Champions-League-Gewinner bei Hertha, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Zudem passte der Transfer gut zur damaligen Aufbruchsstimmung. Nach turbulenten Jahren mit den Abstiegen 2010 und 2012 ging der Blick im Sommer 2014 nach oben, und dann gelang Manager Michael Preetz auch noch das Kunststück, einen Spieler mit internationalem Renommee zu ködern. Zum Schnäppchenpreis von knapp drei Millionen Euro wohlgemerkt.

Auf das emotionale Hoch folgte jedoch alsbald das sportliche Tief. Hertha schlitterte in den Abstiegskampf, und Kalou verkam unter Trainer Jos Luhukay zum Spieler zweiter Wahl. Nachfolger Pal Dardai vertraute indes von Anfang an auf die Klasse Kalous und bekam im Gegenzug zuverlässig Tore. Der Angreifer verlässt Berlin als fünftbester Bundesliga-Torschütze der Klubgeschichte.

Kalous Charakter imponiert

Ballsicherheit, Spielverständnis, Raffinesse – es gibt vieles, was man am Fußballer Kalou bewundern kann. Am meisten imponiert hat mir jedoch sein Wesen, sein Charakter. Dass er einst Teil des Star-Ensembles beim FC Chelsea war, hat er nie nach außen gekehrt, genauso wenig wie den Triumph beim Afrika-Cup mit der Elfenbeinküste. Keine Allüren, keine Hochnäsigkeit, stattdessen gab sich Kalou offenherzig und nahbar, begegnete seinen Mitmenschen freundlich und respektvoll, lebte so Werte vor, die in der Glitzerwelt des Fußballs leicht auf der Strecke bleiben.

„Fußball ist nicht das ganze Leben“, hat Kalou mir mal gesagt. Damals unterhielten wir uns über „Der geliebte Elefant“, eine Dokumentation über seinen Lebensweg. Jener führte ihn von Abidjan, wo er als Kind ohne Schuhe kickte, bis in den Londoner Fußball-Jetset. Wie wahrscheinlich ist so etwas schon?

Kalou hat es trotzdem geschafft. Mit Talent, harter Arbeit, einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst, Demut und Zuversicht. Eigenschaften, die er sich immer bewahrt hat, mit denen er bei Hertha zu einer Art Entwicklungshelfer wurde. Ich erinnere mich, wie er nach seinem legendären Turban-Hattrick in Hannover im November 2015 in den Katakomben stand und davon sprach, dass Hertha das Zeug hätte, international zu spielen. Steile These, dachte ich mir. Anderthalb Jahre später starteten die Berliner in der Europa League.

Unvergleichliche Kalou-Momente

Solche und ähnliche Kalou-Momente habe ich zuhauf im Kopf. Von spektakulären Sololäufen gegen Gladbach oder Frankfurt über Fußballschuhe, die er einem Jungen aus der Elfenbeinküste in Berlin am Trainingsplatz schenkte, bis hin zum ersten Heimspiel nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz 2016. Damals war Kalou der einzige Profi, der die Tragweite des Moments erkannte und über den Sport hinaus dachte. „Dieser Sieg“, sagte er, „war für ganz Berlin. Es ist wichtig zu zeigen, dass wir und alle Berliner keine Angst haben.“ Einer von vielen Belegen dafür, wie gut Kalou Hertha zu Gesicht stand.

Auch als der Klub im vergangenen Sommer auf Promo-Reise in den USA weilte, gab Kalou den Vorturner, meisterte die vielen Medientermine so weltgewandt wie ein Botschafter. Heute starten die Berliner erneut in die USA, diesmal ins Trainingslager, und diesmal ohne Kalou. Stattdessen werden bei Hertha aktuell andere große Namen diskutiert, Verstärkung mit internationaler Klasse soll kommen. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen ein ähnlich gutes Händchen beweisen wie einst mit Kalou.