Meine Woche

Die SPD wird gebraucht - aber nicht so

60 Prozent der neuen Lehrer, die am Montag in Berlin starten, sind Quer- und Seiteneinsteiger.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, schreibt über Berliner Landespolitik.

Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, schreibt über Berliner Landespolitik.

Foto: dpa/Reto Klar/Montage: BM

Berlin. Morgen, am Montag, beginnt in Berlin schon wieder die Schule. Ich bedauere die Kinder und Jugendlichen ein bisschen, denn es ist gerade mal Anfang August, die heiße Jahreszeit also noch nicht vorbei. Aber so ist das in einem föderalen System, da können und sollten nicht alle Bundesländer zeitgleich die Familien in die Sommerferien schicken, denn dann dürfte es an Ost- und Nordsee, im Allgäu oder am Bodensee richtig schwierig werden, eine hübsche Ferienunterkunft zu finden. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erklärte jetzt zwar, dass sie sich für spätere Ferien einsetzen wolle, aber ich glaube, weniger die Ferienzeit als vielmehr die Lage an den Berliner Schulen ist das Problem.

Quereinsteiger wurden von der Not- zur Dauerlösung

Traditionell lädt Scheeres kurz vor Beginn des neuen Schuljahres zur Pressekonferenz. Und wieder einmal – ja, auch das ist fast eine Tradition in Berlin geworden – hat sie schlechte Nachrichten dabei. Rund 2700 Lehrer fangen neu an, aber von diesen sind 60 Prozent sogenannte Quer- und Seiteneinsteiger. Also keine regulär ausgebildeten Lehrer. Was einmal als Notlösung in Berlin begonnen hat, ist zu einem Dauerzustand geworden. Weil Berlin wie alle anderen Bundesländer angesichts der steigenden Schülerzahlen dringend Lehrer sucht und zu wenige findet. Weil Berlin – anders als die anderen Bundesländer – nicht verbeamtet.

Ein Konzept, wie man diesen Zustand ändert, gibt es nicht. Viel zu spät wurde damit begonnen, die Zahl der Studienplätze an den Berliner Hochschulen zu erhöhen. Und die jetzige Zahl wird auch nicht ausreichen, um den Bedarf zu befriedigen. Also bleibt nur der Quereinsteiger – dem ich übrigens seine Motivation und seinen Elan gar nicht absprechen will.

Wie wichtig es wäre, an den Berliner Schulen etwas zu ändern, zeigen die Zahlen der vergangenen Tage. Fast zwölf Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Damit liegt Berlin im bundesweiten Vergleich der Schulabbrecher-Quote an erster Stelle, knapp vor Sachsen-Anhalt, wie aus einer am Montag veröffentlichten Studie der Caritas hervorgeht. Wollen Sie raten, wie die Quote in Bayern ist? Nun, am niedrigsten: Dort bleiben sechs Prozent ohne Abschluss.

Die zweite Zahl: Die jüngsten Vergleichsarbeiten der Drittklässler zeigen, dass diese nur schlecht lesen und schreiben können. Bei 52 Prozent der rund 25.000 Schüler war die Leseleistung unterdurchschnittlich. In Mathematik boten sogar 56 Prozent eine unterdurchschnittliche Leistung. Damit könne man nicht zufrieden sein, sagte Bildungssenatorin Scheeres. Ehrlich – ich kann es nicht mehr hören. Seit 2011 ist sie Bildungssenatorin – und es hat sich an der Qualität der Schulen in Berlin nichts gebessert.

Nudeln mit Ketchup als Werbung fürs Schulessen

Ich werde in diesen Tagen häufig gefragt, warum die SPD so schlecht wegkomme, warum die Partei nur noch bei zwölf, 13 oder 14 Prozent in den Umfragen liege. Wo man doch so viel mache, auf Bundesebene mit dem „Gute-Kita-Gesetz“ und vielen anderen Initiativen wie der Grundrente. Oder in Berlin, wo man als SPD doch das kostenlose Schülerticket oder das kostenlose Schulessen – für das die SPD übrigens mit einem Plakat wirbt, auf dem Nudeln mit Ketchup zu sehen sind – durchgesetzt habe.

Meine Antwort fällt differenziert aus, aber für mich ist das klar: Auf die handelnden Politiker kommt es an. Das gilt für Sandra Scheeres, aber das gilt auch für Michael Müller. Es reicht eben nicht, zu sagen, man sei mit dem Zustand an den Schulen nicht zufrieden – und dann nichts zu ändern. Es reicht eben nicht, die Wohnungspolitik von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) zu kritisieren – und dann zuzuschauen, wie sich nichts ändert.

Die SPD, davon bin ich überzeugt, wird in der deutschen Parteienlandschaft gebraucht. Aber nicht so.