Mein Berlin

Warum Berlins Allergiker arme Schweine sind

Heuschnupfen und Pollenflug haben die Stadt fest im Griff. Betroffene leiden sehr – und es gibt kein Entkommen.

Kolumne Combo

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Foto: dpa, BM

Also, ich weiß gar nicht so genau, wie ich eigentlich anfangen soll. Weil: Es geht mir im Moment ziemlich gut. Das Osterwochenende war prima, das Wetter toll, die Kinder haben gut mitgemacht, es gab Beelitzer Spargel und vor dem Haus haufenweise freie Parkplätze, weil gerade alle in den Ferien sind.

Wenn Berlin jetzt noch Anschluss ans karibische Meer hätte, wäre das Leben perfekt. Nur sage ich das alles lieber nicht allzu laut. Weil man mit seinem Glück schließlich nicht prahlen soll. Und weil sich ein nicht unerheblicher Teil der Stadtbevölkerung gerade durch die Gegend schleppt wie die letzten Überlebenden einer Zombie-Invasion: leidend und geschwächt.

Pollen-Allergiker sind stark gebeutelt

Ja, ich habe wirklich Mitleid. Mit allen Pollen-Allergikern, die in diesem Frühjahr offenbar so gebeutelt sind wie selten zuvor. Es scheint wirklich unfassbar schlimm zu sein. Und es fühlt sich für die Betroffenen wie eine Mischung aus grippalem Infekt, Kater und den Nachwehen einer Prügelei mit Bud Spencer und Terence Hill an. Ständiges Niesen. Husten. Schnäuzen. Die blau unterlaufenen Augen brennen, der Kopf schmerzt, bleierne Müdigkeit. Es gibt sicherlich noch mehr Symptome, die ich als Nicht-Betroffene nur erahnen kann.

„Multipliziere es mit der Unendlichkeit, erweitere es um die Ewigkeit und Du wirst im Ansatz erahnen, wovon ich spreche“, sagte Brad Pitt einst in dem unfassbar kitschigen Liebesdrama „Rendezvous mit Joe Black“, in dem er den personifizierten und schwer verliebten Tod spielt – und irgendwie erscheint mir dieses Zitat ebenso angemessen, wenn es um die Leiden der armen Allergiker geht.

Es gibt nur noch ein Thema: Die Allergie

Am Wochenende war ich auf einer Party, auf der es nur ein einziges Thema gab: Hilft abends duschen wirklich, damit man nachts einigermaßen schlafen kann? Sollte man sich den Wecker auf 4.30 Uhr morgens stellen, um wenigstens einmal am Tag gründlich und vor allem pollenarm durchzulüften? Reicht es, das Bett einmal pro Tag neu zu beziehen oder doch besser zwei Mal? Kennt noch einer ein gutes Youtube-Video mit den besten Anti-Pollen-Tipps? Homöopathie, Chemie-Keule oder Akupunktur?

Auf dem Nachhauseweg brummte mein Kopf, als hätte ich soeben einem Hauptseminar über Quantenphysik beigewohnt. Auf Japanisch. Ich atmete einmal tief durch, legte mich schlafen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass mich niemals dieser schreckliche Heuschnupfen heimsuchen würde.

Großstädter sehr stark betroffen

Ungefähr jeder sechste Deutsche leidet unter der Plage, Großstädter sind dabei stärker betroffen als Menschen auf dem Land. Die Gründe für dieses Gefälle sind offenbar nicht ganz klar. Seit kurz vor Ostern eine Studie veröffentlicht wurde, nach der in Männerbärten mehr Bakterien unterwegs sind als in einem Hundefell, würde ich nicht davor zurückschrecken, dort auch eine erhöhte Zahl an Pollen zu vermuten.

Vollbart-Hipster machen Berlin zur Heuschnupfen-Hochburg, ich seh’ schon die Schlagzeile. Zumal sich in so einem schönen, über Jahre gezüchteten Gesichtsfell sicherlich eine ganze Mischung verschiedenster Pollen angesammelt hat: Hasel und Erle aus dem frühen Frühjahr, dann Birke, Gräser und Roggen. Zum Ausklang des Sommers gesellen sich Beifuß und Ambrosia dazu. Die allergiegeplagten Hauptstädter hat es hart getroffen.

Pollen kriechen in jede Ecke

Zumal sie es wirklich schwer haben, der Seuche zu entfliehen. Bergluft soll helfen, las ich im Internet, denn Pollen können zwar in jede Sofaritze kriechen, aber offenbar nicht wirklich hoch fliegen. Ich vermute, für alle Betroffenen auf dem doch eher flachen Berliner Terrain ist dieser Tipp ungefähr so hilfreich wie die Erkenntnis, dass im Kühlschrank ja auch sehr wenige Pollen existieren. So lange es keine Besucherterrasse auf der Spitze des Fernsehturms gibt, wäre es wahrscheinlich das Beste, wenn wir die Stadt nicht in die Karibik, sondern stattdessen in die Alpen verlegen. Dann wäre auch der Rest der Berliner wieder etwas glücklicher. Nur über die Bakterien in den Hipsterbärten müssen wir echt noch einmal reden.