Thadeusz

Was Kolumnist Jörg Thadeusz so alles im Taxi erlebt

Was Knödelrezepte und iranische Geschichte gemeinsam haben, lernte Jörg Thadeusz während der Taxifahrten.

Während der Taxifahrten hat Jörg Thadeusz viel erlebt.

Während der Taxifahrten hat Jörg Thadeusz viel erlebt.

Foto: dpa, BM

Mal ganz andere Leute kennenlernen. Über Klischees hopsen und Gewissheiten zerbröseln. Wo geht das? Im Taxi. Der taxifahrende AfD-Unterstützer, der mir politisch rätselhaft blieb. Aber der vor seinem 50. Geburtstag eben auch Muffe hatte. „Bin ja dann wohl bald tot“, sagte er kleinlaut, und wir waren mit einem Mal nur noch gemeinsam Sterbliche. In der Verschwiegenheit des Wagens eines Spandauer Kutschers gestanden wir uns, wie sehr wir an unseren Haustieren hängen.

Im Taxi lernt man die Menschen kennen

Oder der Mann, für den der Ruhestand eine Taxihalte ist. Der nur beruhigt zu Bett gehen kann, wenn er nach der Fahrerei die einstündige Nachrichtensendung im Spätprogramm von Phönix geguckt hat. Ich habe schon vor Gästen mit Knödeln geglänzt. Geknetet nach der handschriftlichen Anleitung einer höchst herzenswarmen Fahrerin. Ich hörte Vorträge über Porzellanherstellung und über iranische Geschichte. Immer wieder Porno-Anekdoten über Liebeshungrige, denen vor Taxifahrern gar nichts peinlich ist.

Aber da sind auch die anderen. Der Durchgeknallte, der mit 90 Stundenkilometern auf der Clayallee Lückenspringen aufregend fand. Der Körperverletzer, der an den Wartenden in Tegel vorbeiraste, als hätten die nicht wirklich ein Recht auf Unversehrtheit. Der Stinkende, der mich vergangene Woche zweieinhalb Kilometer vor dem eigentlichen Ziel absetzen wollte, weil ihn ‚stop-and-go‘ nervte.

Minutenlang die Warteschleife-Musik hören

Wahrscheinlich habe ich schon länger die Warteschleifenmusik von Berliner Taxizentralen gehört, als ich Netto-Zeit küssen durfte. Nein, in meinem Bezirk funktioniert die Automatik für Stammkunden nicht. Hätte ich doch wissen müssen, schnarrte vor wenigen Tagen eine Ungeküsste in der Zentrale von 261026. An den Lenkrädern der Taxis sitzt für mich die wirkliche Berliner Prominenz. Leute, die ich unbedingt treffen möchte. Die ich mir aussuchen und für die ich selbstverständlich mehr zahlen würde. Vor allem dann, wenn ich in Zukunft endlich eine Wahl habe.