Kolumne "Deutschstunde"

Irgendwann stößt jede Zeile an ihr Ende

Passt ein Wort nicht mehr hinein, muss es getrennt werden. Vieles wird heute abgeschafft, nur der Rand nicht

Foto: Federico Gambarini / dpa

In und um Berlin herum wird in der Schule so manches abgeschafft, nur eines nicht: der Rand im Heft, auf einem Blatt Papier, im Buch oder in dieser Spalte. Irgendwann stößt jede Zeile an ihr Ende. Selten schaffen wir es, sie so vollzuschreiben, dass ein Wort am Zeilenende mit dem letzten Buchstaben genau hineinpasst. Ist das nicht der Fall, müssen wir das Wort zerlegen. Wir müssen es trennen.

Häufig gibt es sogar einen markierten Rand im Schulheft, einen weißen, durch einen deutlichen senkrechten Strich abgeteilten pädagogischen Sperrbezirk auf jeder Seite, den ein Schüler nicht beschreiben darf. Mancher Lehrer ärgerte sich wegen solcher Hausfriedensbrüche pensionsreif. Also bemühten wir Schüler uns früher, mit der Zeile auszukommen. Gelang das nicht, änderten wir am Rand den Kurs um 90 Grad und beendeten das Wort über drei Reihen nach oben oder unten. Aber auch das wurde beanstandet, sodass wir uns mit der Silbentrennung auseinandersetzen mussten. Halt, schon dieser Ausdruck ist falsch! Getrennt werden keine Silben, getrennt werden Wörter. Deshalb lautet der korrekte Begriff Worttrennung.

Ein Wort ist die kleinste sinntragende Einheit unserer Sprache, aber es ist wie das Atom nicht unteilbar. Es besteht aus einzelnen Silben und eine Silbe aus einzelnen Buchstaben. Es gibt Wörter mit nur einer Silbe wie Eis, Maus oder Kind. Diese Wörter können nicht getrennt werden. Ansonsten teilen wir die Wörter in den Fugen zwischen zwei Silben ab – aber nicht immer.

Die Silbe ist die Zusammenfassung aus einem oder mehreren aufeinanderfolgenden Lauten (Phonemen), die sich in einem Zuge aussprechen lassen. Insoweit handelt es sich um eine Sprechsilbe. Leider deckt sich eine solche Sprechsilbe häufig nicht mit der Einteilung eines Wortes in seine bedeutungstragenden Bestandteile, in die sogenannten Morpheme, die die Schreib- oder Sprachsilben bilden. Wo trennen wir nun? Wenden wir heute die syllabische Worttrennung nach Sprechsilben oder die morphematische Trennung nach Wortbestandteilen an, die vor der Rechtschreibreform vorgeschrieben war?

Nehmen wir die kurzen deutschen Wörter hin und über, die eigentlich auch ein Schüler ohne Mühe erkennen und also als hin-über trennen könnte – könnte, aber schon zu Großvaters Zeiten selten tat. Es hagelte Fehler im Diktat, sodass die Reformer auch die Trennung nach Sprechsilben erlaubten: hi-nüber, was mir noch immer einen orthografischen Schock versetzt, besonders dann, wenn dieses Adverb zum Präfix (Vorsilbe) und dann sinnwidrig zerstückelt wird: hi-nübergegangen. Das Gleiche gilt zum Beispiel für „wo-rauf/wor-auf, wa-rum/war-um, da-runter/dar-unter, ei-nander/ein-ander“ oder „wo-rum/wor-um“.

Komplizierter war und ist es bei Fremdwörtern, bei denen es sich weit schwieriger gestaltet, die fremdsprachigen Morpheme zu erkennen: „Ab-itur, an-onym, äs-thetisch, Atmo-sphäre, aut-ark, Chir-urg, Dia-gnose, Ex-amen, Inter-esse, in-szenieren, Si-gnal, Päd-agogik, par-allel, Hekt-ar, Heliko-pter, Nost-algie, Di-phthong, Vit-amin, Lin-oleum, Log-arithmus, Ma-gnet, Manu-skript, Mon-archie, Phil-ipp, Pull-over, Pseud-onym, Sym-ptom, Chru-schtschow“ oder „Hämor-rhoiden“. Wie soll ein Grundschüler wissen, dass ein Psych-iater den Weg in die Seele findet, während ein Psy-chologe sich in die Psy-che anderer hineindenken kann?

Heute wird meistens nach Sprechsilben getrennt. Die Textverarbeitungsprogramme trennen so, ebenfalls die Redaktionssysteme, sodass auch die Morgenpost am Zeilenende syllabisch daherkommt. Selbst mein MS Word weigert sich gerade, die alten Beispiele zu akzeptieren. Der Duden ist da vorsichtiger. Er legt sich nicht fest. Er setzt seine Fugenzeichen nach alter sowie neuer Norm, selbst wenn das wenig kon|s|t|ruk|tiv ist.

Peter Schmachthagen ist zu erreichen unter: deutschstunde@t-online.de