Kolumne

Die SPD kapert die Sauvesper von den Grünen

Nicht nur der Innensenator wildert mit seiner Einladung zur Wildschwein-Vesper im Revier des Koalitionspartners, meint Joachim Fahrun.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Die Sau war für viele Jahre grün. Also jetzt nicht parteipolitisch gesehen. Aber wer, wenn nicht die Hüter des grünen Waldes, also die Mitarbeiter der Berliner Forsten, sollte ein Wildschwein zur Strecke bringen, es fachgerecht zubereiten und das Fleisch am wärmenden Lagerfeuer den Gästen feilbieten. Deshalb war die Sauvesper stets ein originelles winterliches Outdoor-Einladungsformat der zuständigen Senatsverwaltung.

Mehrfach bin ich in den vergangenen Jahren durch dunklen Tann zu Revierförstereien von Tegel oder Eichkamp getappt, mal im eisigen Frost, manchmal auch bei mildem Frühwinter. Aber immer empfing bei der Sauvesper der oder die Senatorin für Stadtentwicklung, wo die Forsten ressortierten. Dass die alle aus der SPD kamen, verlieh der Sau so etwas wie einen roten Anstrich. Also jetzt doch parteipolitisch gesehen.

Aber die SPD hat die Sau gekapert. Innensenator Andreas Geisel, Sozialdemokrat und einst selbst als Stadtentwicklungschef der Herr der Forsten, lädt am 14. Dezember zur Sauvesper ins Forstamt Tegel. Umweltsenatorin Regine Günther, parteilos, aber fest im grünen Orbit, veranstaltet hingegen am 28. November eine „traditionelle Herbst­vesper“ in der Revierförsterei Wuhlheide. Womöglich fühlten sich vegetarisch inspirierte Gemüter der Öko-Partei durch den direkten Verweis auf das tierische Essvergnügen irritiert.

Das strittige Urheberrecht um die Sausause belaste das Verhältnis innerhalb der Koalitionäre nicht wirklich, wird versichert. Dennoch sorgen die Umfragen-Höhenflüge der Grünen und der damit einhergehende Absturz der SPD derzeit für Spannungen im Bündnis. „Den Grünen steigt der Erfolg zu Kopf“, lästert ein Spitzen-Sozialdemokrat.

Zuletzt haben die Grünen die Pläne des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller infrage gestellt, nach jahrelanger Blockade die freien Flächen am Checkpoint Charlie durch den privaten Investor Trockland bebauen zu lassen und dort Räume für ein Museum zum Kalten Krieg zu mieten. Die Grünen wollen lieber in Landesregie bauen. Und auch die lange diskutierte Lösung, die Wohnungsbaugesellschaft Howoge mit Krediten die Schulbauoffensive mitfinanzieren zu lassen, finden die Grünen jetzt nicht mehr so gut. Und die Informationspolitik zum BER nervt die Grünen schon lange.

Aus grüner Sicht haben sich aber die Sozialdemokraten übergriffig verhalten. Durch ihr Vorpreschen für den 8. März als Feiertag habe die SPD die grüne Meinungsfindung übergangen. Ohne Rücksprache habe der Regierende Bürgermeister die mehr als 300 Millionen Landesanteil für das Naturkundemuseum zugesagt.

Überhaupt seien die Sozialdemokraten gerade gut darin, allen möglichen Gruppen Geld zu versprechen, ohne dass das abgestimmt wäre, schimpfen die Grünen.

Die Spannung in der Koalition entlädt sich bisweilen in offenem Streit, der dann auch die Linke treffen kann. Die grüne Wirtschaftssenatorin und BVG-Aufsichtsratsvorsitzende ­Ramona Pop geriet im Senat heftig mit der linken Sozialsenatorin Elke Breitenbach aneinander. Pop forderte die Kollegin auf, Obdachlosen lieber freie Plätze in Flüchtlingsunterkünften anzubieten, als auf U-Bahnhöfe zurückzugreifen. An diesem Punkt, so wird berichtet, sei es auch zu heftigen Debatten zwischen Pop und Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek gekommen. Na klar: Wenn es ums Amt der ersten Regierenden Bürgermeisterin der Stadt geht, das für die in den Umfragen stärkste Partei in Reichweite scheint, können alte Rivalitäten schon mal wieder aufbrechen.

Die nächste Bewährungsprobe für die Koalition wird der Nachtrags­haushalt. 200 Millionen Euro möchte die SPD umverteilen und hat dabei vor allem eigene Projekte im Sinn. Im Vergleich dazu ist die gekaperte Sauvesper eine ­Lappalie. Und Säue gibt es auch für zwei Senatsmitglieder genug in Berlins ­Forsten.

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