Thadeusz

Einladung zum Eis statt Herumgeschreie

Unser Autor Jörg Thadeusz will Konflikte im Straßenverkehr künftig anders lösen.

Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz

Foto: Jenny Sieboldt

Ob Gandhi nicht doch irgendwann mal Lust hatte, einem anderen richtig eine zu klatschen? Wenn er wirklich immer nur gewaltfreie Gedanken hatte, dann liegt das daran, dass Gandhi niemals mit dem Fahrrad die Auguststraße in Mitte entlanggefahren ist.

Da hat in dieser Woche ein Mann die Rechts-vor-links-Regel aufgehoben. Hätte ich nicht scharf gebremst, würde ich Ihnen jetzt aus dem Krankenhaus schreiben.

Er wollte offenbar schnell ins Fitnessstudio oder ins Solarium oder in die Spielhalle. Nach diesen Adressen sah der Mann aus. Leider hörte ich mich anschließend herumschreien, als würde ich mein Auto genau dort tieferlegen lassen, wo auch dieser dusselige Pumper verkehrt. Im Verlauf unseres „Gesprächs“ ging es um Geschlechtsteile, Söhne von Prostituierten und brutales Liebemachen. Vor 800 Jahren hätten wir das Schwert gezogen und einer wäre am Ende mit kaputter Rüstung liegen geblieben.

Anschließend ging es mir wie in dem Moment, als ich irrtümlich die Plattensammlung eines Freundes verschenkt hatte. Ich war damals sicher, die solle weg. Jetzt wieder: unausweichliche Scham. Dabei habe ich als Autofahrer schon an genau derselben Stelle in Mitte die Nerven verloren. Unvergessen, wie mir eine Fahrradfahrerin die gültige Vorfahrtsregel gestikulierte und mit rechthaberisch vibrierendem Kindersitz vor meiner Kühlerhaube entlangfuhr. Warum schreie ich an einem sonnigen Spätsommertag auf der Straße herum? Wutbürger sind doch die, die komische Kappen tragen und von einem unwütenden ARD-Reporter befragt werden. Aber ich doch nicht.

Wahrscheinlich ist Berlin grundsätzlich aggressiv und ich bin eben Berliner. Oder könnte selbst Berlin zärtlicher sein, wenn auch ich es mit Sanftheit probierte? Mein Plan: paradoxe Intervention statt Furor. Den Nächsten, der mich beinahe umfährt, lade ich zum Spaghettieis ein.

Auch wenn Mahatma dann immer noch nicht zu meinem polnischen Nachnamen passt.

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