Aus dem Roten Rathaus

Verliert Michael Müller bald die Lust an seinem Amt?

In der SPD wird über einen möglichen Abtritt des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller spekuliert. Kann er das Ruder rumreißen?

Joachim Fahrun

Joachim Fahrun

Foto: Reto Klar

Große Worte spricht der Berliner Oberbürgermeister: „Das neue Berlin zeigt ein neues Gesicht“, klingt es durch das Knistern der Schellack-Platte. „Wir schauen in eine Zukunft, die große Anforderungen an jeden einzelnen, der dieser Stadt angehört, stellt. Und da ist es unsere erste große Aufgabe, ein großes Schnellbahnnetz zu bauen. Dieses Schnellbahnnetz wird die Grundlage schaffen für ein Wiederaufleben der Wirtschaft in Berlin.“ Was Gustav Böß 1926 ins Mikrophon sagte, klingt auch heute vertraut.

Die Themen, die die Stadt bewegen, haben sich seither kaum verändert. Das findet auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller, als sie ihm im Lautarchiv der Humboldt-Universität die Rede seines frühen Amtsvorgängers vorspielen.

In dessen Regierungszeit fielen der Bau des Messegeländes und des Flughafens Tempelhof. „Die Zukunft zu erkennen, ist die Aufgabe desjenigen, der dieses große Gemeinwesen führen will“, mahnt der Oberbürgermeister der 20er-Jahre noch, und der Sozialdemokrat des Jahres 2018 darf sich wieder direkt angesprochen fühlen.

Auch wenn Michael Müller gern die „Digitalisierung“ im Munde führt, gibt es nicht wenige im Berlin der Gegenwart, die Müller eben dieses Gespür für die Zukunft absprechen. Vor allem, wenn es um die eigenen Aussichten geht, seine mittlerweile fast vier Jahre währende Amtszeit zu einer Ära auszuweiten. Bei Umfragewerten von 17 Prozent und dem Sturz auf Platz drei hinter Linken und CDU ist in der SPD von Endzeit die Rede. Ich kann da nicht widersprechen.

Dabei wähnte sich Müller vor gut zwei Jahren noch auf dem Zenit seiner Macht, hatte den aufmüpfigen Jung-Genossen gerade den Landesvorsitz entrissen. Wenn Müller jetzt davon spricht, nicht am Parteivorsitz zu hängen, dann verwundert das sehr. Immerhin hatte er sich diesen Posten kurz vor der Berliner Wahl 2016 im Handstreich gegriffen, zum Ärger vieler Genossen.

Aber die Politik ist wechselhaft. Das musste auch der zupackende Visionär Böß erfahren, der bald nach seiner wegweisenden Rede über einen Skandal stolperte. Seine Frau hatte von Lieferanten städtischer Krankenhäuser einen kostbaren Pelzmantel entgegengenommen. Dass Müllers politische Laufbahn ein ähnliches Ende nehmen könnte, ist nicht anzunehmen. Zu bodenständig tritt der Tempelhofer auf, seine Frau würde sich wohl kaum jemals in einen Nerz hüllen.

Aber inner- und außerhalb der SPD wird spekuliert, wann Müller wohl angesichts desaströser Umfragezahlen und sinkender persönlicher Sympathiewerte die Lust an seinem Amt verlieren und abtreten könnte.

Müller wirkt in diesen Tagen fast wie ein Tourist in der eigenen Stadt. Bei seiner Sommertour bestaunt er historische Handschriften im Archiv der Akademie der Wissenschaften. Mit dem Handy knipst er den Blick in die offenen Eingeweide des Pergamonmuseums. Als es dann aber wirklich um die Zukunft geht, als Manager und Forscher die Möglichkeiten digitaler Produktionstechnik für die Renaissance der Industrie erklären, wirkt Müller seltsam entrückt. Wenn führende Sozialdemokraten ihm nachsagen, er wolle nur noch irgendwie durchkommen, langfristige Perspektiven sowohl der Partei als auch der Stadt interessierten ihn nicht mehr, dann werte ich das als Alarmzeichen.

Seine Partei ist jedenfalls hochnervös. Es wird gerätselt, wer der neue Müller werden könnte. Familienministerin Franziska Giffey oder Innensenator
Andreas Geisel werden als Nachfolger gehandelt, auch wenn niemand weiß, wie und wann man sie installieren könnte im Roten Rathaus.

„Diese Stadt muss Neues wollen“, sagt der Altvordere Böß auf der Schellack-Platte. Berlins SPD von heute muss in den nächsten Monaten klären, ob sie auch so denkt. Mir fehlt jedenfalls die Fantasie, wie Müller das Ruder herumreißen und als aussichtsreicher Spitzenkandidat die SPD in die nächste Wahl führen könnte.

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