Deutschstunde

Selbst Kinder sprechen nur noch von dem Nomen

Der Begriff „Substantiv“ befindet sich auf dem Rückzug. Den wichtigen Unterschied zwischen „was“ und „das“ erklärt Peter Schmachthagen.

Peter Schmachthagen
schreibt hier wöchentlich über  die Tücken der deutschen Sprache

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Foto: Picture Alliance/ Klaus Bodig

Was ist ein Nomen? In der Fachsprache versteht man unter den Nomen alle Wortarten, die dekliniert werden können, also die Wörter, die Kasusformen bilden – zusätzlich zu den Substantiven (Hauptwörtern) noch die Adjektive (Eigenschaftswörter), Zahlwörter, Artikel und die Pronomen (Fürwörter). Die Verben (Zeitwörter) werden nicht dekliniert, sondern konjugiert, nämlich nach Person, Zeit, Modus und Genus Verbi (Aktiv, Passiv) verändert. Daneben gibt es Wörter, die werden nie gebeugt. Dazu gehören Adverbien (Umstandswörter), Präpositionen (Verhältniswörter), Konjunktionen (Bindewörter) und Partikeln.

Heutzutage werden selbst in der Grundschule meistens die lateinischen Fachbegriffe gebraucht. Und noch eine Einschränkung ist zu machen: In den aktuellen Schulbüchern ist der Begriff „Substantiv“ (Hauptwort) auf dem Rückzug. Nomen bedeutet jetzt nur Substantiv.

Ein Pronomen steht für (lat. pro – für) ein Nomen („pro nomen“), ist also ein Fürwort. Pronomen übernehmen in der Sprache wichtige Funktionen. Sie können ein Substantiv ersetzen, auf etwas Folgendes hinweisen oder auf etwas bereits Genanntes zurückführen. Dadurch werden Wiederholungen und komplizierte Konstruktionen vermieden.

„Der Schüler geht nach Hause. Der Schüler freut sich auf das Wochenende.“ Unser doppelter Schüler erweckt den Eindruck mangelnder sprachlicher Flexibilität und gilt als stilistisch unschön. Also ersetzen wir das Nomen im zweiten Satz durch ein Pronomen: „Er freut sich auf das Wochenende“ – und schon nähern wir uns in großen Schritten einem der vielen Journalistenpreise.

Die Pronomen sind eine weitverzweigte Familie. Es gibt die Personalpronomen (persönliche Fürwörter; ich, du, er/sie/es), die Reflexivpronomen (rückbezügliche Fürwörter; sich), die Possessivpronomen (besitzanzeigende Fürwörter; mein, dein), die Demonstrativpronomen (hinweisende Fürwörter; dieser, jener, solcher), die Indefinitpronomen (unbestimmte Fürwörter; jeder, jemand, niemand, mancher), die Interrogativpronomen (Fragefürwörter; wer?, was?, welche?, wessen?) und schließlich die Relativpronomen (der/die/das, welcher/welche/welches), die einen Relativsatz einleiten. Dabei muss man aufpassen, dass das „das“ hier als „das“ mit nur einem „s“ geschrieben wird und nicht wie die Konjunktion „dass“ mit Doppel-s.

Die Relativpronomen stellen dabei eine Verbindung her zwischen einem übergeordneten Satz, in dem das Nomen steht, und einem Nebensatz (dem Relativsatz), der eine zusätzliche Information zu diesem Nomen liefert. „Das Kind traut sich nicht nach Hause.“ Hier ist „das“ kein Pronomen, sondern ein neutrales Artikelwort und lässt uns über den Grund der Angst des Kindes im Unklaren. Bevor wir nun das Jugendamt anrufen, versuchen wir mit einem Relativsatz die Abgelegenheit ein wenig durchsichtiger zu machen: „Das Kind, das gerade ein schlechtes Zeugnis bekommen hat, traut sich nicht nach Hause.“

Wahrscheinlich müssen wir mit den Eltern des Kindes, dessen Zeugnis so schlecht war, ein ernstes Gespräch führen. Hier enden allerdings die Gemeinsamkeiten im Nominativ (1. Fall), denn der Kasus des Relativpronomens wird von seiner Funktion im Relativsatz bestimmt. In unserem Beispiel fordert das Genitivattribut „des Kindes“ den Genitiv (2. Fall), und deshalb steht auch das Pronomen (dessen) im Genitiv.

Wann sagen wir „das“, und wann sagen wir „was“? Bezieht sich das Relativpronomen auf ein neutrales Substantiv zurück, sagen wir „das“: „Das Haus, das uns gefällt.“ Haben wir es mit einer Sub-stantivierung zu tun, müssen wir aufpassen: Etwas Einmaliges oder Bestimmtes bekommt ein „das“ (das Nette, das sie zu mir gesagt hat), etwas Unbestimmtes oder Allgemeines erhält hingegen ein „was“ (das Unglaubliche, was geleistet wurde). Erst recht passt „was“ zu sub-stantivierten Superlativen (das Schönste, was ich je gesehen habe).

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