4. Juni

Dealer von Kristina Hani schweigt vor Gericht

Die 14-jährige Berliner Schülerin starb an einer Überdosis Heroin, die ihr Ali K. verabreicht hatte. Danach steckte er die Leiche in einen Koffer und zündete ihn an. Jetzt muss sich der damals 17-jährige Dealer vor Gericht verantworten. Vor seinen Knast-Kumpels hat er sich angeblich mit seiner Tat gebrüstet.

Susanne Hani war ruhig und sehr gefasst, als sie den Saal B135 des Moabiter Kriminalgerichts betrat. Seine Mandantin fordere nicht um jeden Preis eine hohe Strafe für den Angeklagten, erklärte Nebenklagevertreter Roland Weber. „Sie möchte wissen, was damals passiert. Und ob sich wirklich ein Jugendlicher neben ihre Tochter gesetzt und brutal gewartet hat, bis sie stirbt.“

Genau das wird dem heute 18 Jahre alten Ali K. von Staatsanwalt Holger Freund vorgeworfen. Er soll die 14-jährigen Kristina Hani mit harten Drogen versorgt und der Schülerin nicht geholfen haben, als sie nach einer Überdosis Heroin bewusstlos wurde. Statt dessen, so die Anklage, hätten Ali K. und ein noch unbekannter Mittäter die Leiche des Mädchens in einen Koffer gezwängt, gemeinsam in den Neuköllner Thomashöhe-Park geschleppt und dort in der Nacht zum 17. April 2007 in Brand gesetzt. Der Vorwurf lautet Mord durch Unterlassen. Als Motiv wird vermutet, dass Ali K. befürchtete, seine Tätigkeit als Dealer könnte entlarvt werden.

Knastgerüchte und Latrinenparolen?

Ali K. schwieg zum Auftakt des unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozesses zu den Vorwürfen. Sein Verteidiger Richard Radtke erklärte während einer Prozesspause, „mein Mandant bestreitet die Vorwürfe energisch“. Sein Kollege Jörg Detzkies sprach von „Knastgerüchten“ und „Latrinenparolen“. Die Aussagen der Zeugen seien sehr widersprüchlich.


Der Verteidiger zielte dabei auf die Grundlage der Anklage: Den Ermittlungen zufolge hatte Ali K. in der Berliner Jugendstrafanstalt/ Haus Kieferngrund im Spätherbst vergangenen Jahres von dem Tod Kristina Hanis erzählt. Der staatenlose Palästinenser saß zu dieser Zeit wegen Drogendelikten in Untersuchungshaft, für die er am 1. April von einem Moabiter Jugendgericht zu einer einjährigen Jugendstrafe verurteilt wurde, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung. Er verblieb wegen der Vorwürfe um den Tod Kristina Hanis aber weiterhin in Untersuchungshaft.


Staatsanwalt Freund erklärte am Rande des Prozesses, dass die Beweislage schwierig sei. Es gebe keine Tatzeugen und keine DNA-Spuren oder Fingerabdrücke, die Ali K. als Täter überführen könnten. Er halte die belastenden Aussagen der Mitgefangenen jedoch für äußerst glaubhaft, sagte der erfahrene Anklagevertreter. „Ihr Gewissen hat sie belastet.“ Einer von ihnen habe erklärt, dass Kristina Hani im Alter seiner Schwester sei und er das Verhalten, das Ali K. geschildert habe, nicht akzeptieren könne. Ein zweiter habe seine Aussage gegen den Mitgefangenen mit seinem Glauben begründet: „Wenn ich dazu schweige, verstoße ich gegen den Koran und komme in die Hölle.“

Langer Prozess zu erwarten

Auch Nebenklagevertreter Roland Weber ging „nach eingehendem Aktenstudium“ davon aus, dass die Anklage „keineswegs, wie von der Verteidigung vorgetragen, nur auf tönernen Füßen“ stehe. Es sei allerdings eine umfangreiche und mehrere Verhandlungstage dauernde Beweisaufnahme zu erwarten.

Zeugen am ersten Prozesstag waren Mitglieder der 7. Mordkommission, die dem Gericht von dem Auffinden der verbrannten Leiche und Ergebnissen ihrer Ermittlungen aus dem Umfeld Kristina Hans berichteten. Es hatte sieben Monate gedauert, bis Ali K. als Tatverdächtiger ins Visier der Kriminalbeamten geriet. Zunächst waren die Ermittler davon ausgegangen, dass die Gymnasiastin bei lebendigem Leib verbrannte. Später wurde von Rechtsmedizinern eine Überdosis Drogen als Todesursache ermittelt. Da die Schülerin nach Meinung der Experten nach Einnahme des Heroins auch bei sofortiger Hilfe nicht mehr hätte gerettet werden können, geht die Anklage von einem Mordversuch aus.