30. Juni

Sonderprüfungen stürzen S-Bahn ins Chaos

Das Eisenbahnbundesamt lässt über Nacht alle Berliner S-Bahnzüge aus dem Verkehr ziehen, an denen technische Überprüfungen nicht ordnungsgemäß vorgenommen wurden. Auf den meisten Linien der Berliner S-Bahn fahren die Züge nur noch im 20-Minuten-Takt. Zwei Linien fallen sogar komplett aus.

Die über Nacht angeordneten technische Sonderprüfungen von Berliner S-Bahn-Zügen des Typs 481 haben am Dienstag zu erheblichen Beeinträchtigungen des Verkehrs geführt. Die Linien S45 und S85 fallen am Dienstag komplett aus, sagte ein Sprecher der S-Bahn Berlin GmbH. Die wenigen und teilweise auch noch verkürzten Züge waren nicht selten so voll, dass Fahrgäste auf den Bahnsteigen zurückbleiben mussten.

Auf rund zehn Linien gab es einen 20-Minuten-Takt. Auf dem Ring dagegen wurde der normale Fahrplan mit 5- bzw. 10-Minuten-Takt eingehalten. Fahrgäste werden gebeten, nach Möglichkeit parallel laufende Regionalexpresslinien oder die U-Bahn zu benutzen. Die Prüfung erfolge nach dem Motto: „Sicherheit hat Vorrang“, hieß es. Am Vorabend hatte die Behörde alle S-Bahnzüge aus dem Verkehr ziehen lassen, an denen erforderliche technische Prüfungen nicht ordnungsgemäß vorgenommen worden waren.

Auf die sofortige Sonderprüfung hatten sich die S-Bahn und das Eisenbahnbundesamt (EBA) erst am späten Montagabend verständigt. Die Untersuchungen seien erforderlich, weil sich die Räder der Baureihe 481 anscheinend schneller abnutzen, als vom Hersteller angegeben.

In einem in der Geschichte der Behörde beispiellosen Vorgang hatte das Bundesamt die Berliner S-Bahn gerügt. Das Bonner Amt wies die Tochter der Deutschen Bahn am Dienstag auf ihre gesetzliche Pflicht hin, die Sicherheit des Betriebes jederzeit zu garantieren.

Hintergrund der Anordnungen der Bahnaufsicht ist ein Unfall in Berlin-Kaulsdorf. Am 1. Mai war hier ein vollbesetzter S-Bahnzug nach einem Radscheibenbruch entgleist. Nur dank der geringen Geschwindigkeit verlief der Unfall glimpflich. Verletzt wurde niemand. Die S-Bahn hatte sich daraufhin zu Kontrollen verpflichtet, die das EBA nur unzureichend eingehalten sieht, wie ein Sprecher der Bundesbehörde erläuterte.

Fahrgäste der Berliner S-Bahn sind seit langem wiederkehrenden Störungen ausgesetzt. Bahnkritiker sehen die Ursache in einem rigorosen Sparkurs der Bahntochter. Werkstätten wurden geschlossen, Werkstattpersonal reduziert, Fahrzeugreserven abgebaut. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) wies am Dienstag darauf hin, dass die S-Bahn im vergangenen Jahr einen Gewinn von mehr als 56 Millionen Euro eingefahren habe. Dieser Gewinn sei aber nicht im Unternehmen verblieben, sondern an den Mutterkonzern Deutsche Bahn AG abgeführt worden.

Mehr Räder müssen ausgetauscht werden

Die S-Bahn muss an ihren Fahrzeugen der modernsten Baureihe mehr Räder wechseln als bislang bekannt wurde. Wie Unternehmenssprecher Ingo Priegnitz am Montag bestätigte, müssen nicht nur die Räder der Führungsachsen getauscht werden. Auch die hinteren Achsen bekommen nach 1,45 Millionen Kilometern neue Räder. Alle Räder der Baureihe verschleißen offenbar deutlich schneller als vom Hersteller berechnet.

In der Nacht zu Sonnabend hatte die S-Bahn insgesamt 50 aus jeweils zwei Wagen bestehende Viertelzüge aus dem Verkehr gezogen. Die Führungsachsen der Fahrzeuge waren mit Laufleistungen von mehr als 1,2 Millionen Kilometern länger im Einsatz gewesen, als mit dem Eisenbahn-Bundesamt abgesprochen. Auf fast allen Hauptlinien der Nord-Süd-Strecke und der Stadtbahn wurden bereits am Wochenende die Züge verkürzt. Betroffen waren die Linien S1, S2, S25, S3, S5, S7 und S75. Auf den Ringbahnlinien fahren ohnehin schon Züge mit sechs statt den maximal möglichen acht Wagen.

Die Fahrgäste mussten deshalb vor allem im Berufsverkehr zum Wochenstart noch dichter zusammenrücken als bisher. Besonders eng wurde es am Montagmorgen nach S-Bahn-Angaben auf den Stadtbahnlinien S3, S5 und S7. Möglichst schnell sollen dort deshalb wieder Züge mit acht Wagen unterwegs sein, wie Priegnitz betonte. "Jedes Fahrzeug, das aus der Werkstatt kommt, geht erst einmal auf die S5", so der Sprecher am Montag.

Werkstätten arbeiten rund um die Uhr

Bis zum 10. August sollen an 280 Viertelzügen die Räder der Vorderachsen ausgetauscht werden, deren Laufleistung über 650.000 Kilometern liegt. Auch das hatte das Eisenbahn-Bundesamt als Reaktion auf den Unfall in Kaulsdorf angeordnet. Bis Ende Juli sollen Messfahrten klären, ob auch die übrigen Achsen zum Problem werden. Im Extremfall, so befürchten Eisenbahn-Experten, müssten bis zu 8000 Räder deutlich früher ausgetauscht werden als geplant.

In den Werkstätten wird schon seit Tagen im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr gearbeitet, um die "prekäre Situation", so Priegnitz, in den Griff zu bekommen. 70 zusätzliche Arbeitskräfte hat die S-Bahn bereits engagiert, von anderen Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, aber auch von Fremdfirmen. Weitere zehn werden derzeit ausgebildet, um die Reparaturteams zu verstärken.

S-Bahn kämpft mit Konstruktionsfehlern

Besonders ärgerlich für die Verantwortlichen: Nachdem die S-Bahn monatelang wegen mangelnder Pünktlichkeit und dem Winterchaos zum Jahreswechsel in den Negativ-Schlagzeilen stand, kämpft sie nun offenbar mit einem Konstruktionsfehler, den sie nicht verschuldet hat. Bei der Bestellung der von 1996 bis 2004 ausgelieferten 500 Viertelzüge der Baureihe 481 sei von "dauerfesten" Rädern die Rede gewesen, sagt Priegnitz. Bis zu 2,5 Millionen Kilometer sollten sie demnach halten, hätten nur bei sichtbarem Verschleiß früher gewechselt werden müssen.

Obwohl die Gewährleistungsfrist abgelaufen ist, sieht die S-Bahn daher auch den Hersteller in der Pflicht - zumal die mangelhafte Haltbarkeit der Räder nicht der einzige Konstruktionsfehler ist. Wegen Problemen im Bremssystem musste die Höchstgeschwindigkeit bereits von 100 auf 80 Stundenkilometer reduziert werden. Mehrfach wurden die Wartungsintervalle von Achsen und Rädern verkürzt.

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