14. August

Rockermitglied stirbt bei Schießerei in Berlin

In Hohenschönhausen wird ein Mann auf der Straße erschossen. Bei dem Opfer handelt es sich um den 33-jährigen Michael B., der Mitglied eines Berliner Rocker-Clubs gewesen sein soll. Er war kurz vor dem Anschlag von den Hells Angels zu den Konkurrenten, den Bandidos, gewechselt.

Es ist wie in einem Actionfilm. Mit den Plattenbauten von Hohenschönhausen als Kulisse. Anwohner hören kurz vor Mitternacht Schüsse. Ein schwarzer Van biegt mit kreischenden Bremsen in eine Nebenstraße ein. Auf dem Pflaster ein blutender Mann, der sich noch einige hundert Meter weiterschleppt und schließlich zusammensackt. Später wird bekannt, dass er Schuss- und Stichverletzungen hat. Und dass er daran gestorben ist. Ein Mann, den Leute im Kiez kannten; weil er nervte, wenn er mit seinem laut röhrenden Motorrad durch die Straßen fuhr. In Leder gekleidet. Auf den Kopf einen flachen Helm. Michael B. war ein Rocker.

Der 33-Jährige ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer eines Bandenkrieges geworden. Die Namen der verfeindeten Gruppierungen tauchen immer wieder in den Zeitungen auf: Hells Angels und Bandidos. Sie sind durchorganisiert, haben eine strenge Hierarchie und kämpfen im Grunde schon seit Jahrzehnten gegeneinander. Zunächst in den USA, wo 1948 die Gruppe Hells Angels und 1966 die Gruppe Bandidos gegründet wurden. Später bildeten sich Untergruppierungen quer durch Europa. Und seit 2000 gibt es diesen Kampf auch in Deutschland. Es ist eine Auseinandersetzung, die archaisch anmutet. Es sind keineswegs nur kindisch wirkende Streitereien stark tätowierter Männer, die mit ihren schweren Motorrädern der Marke Harley Davidson am liebsten im Rudel durch die Gegend fahren und martialisch wirken. Auch diese gibt es, und sie sind wohl die Rocker-Mehrheit. Doch beim harten Kern geht es um weitaus mehr: um die Vorherrschaft der Türsteherszene im Rotlichtmilieu, um Menschenhandel, Schutzgelderpressung und nicht zuletzt um Reviere für Drogen- und Waffengeschäfte. Kriminalisten und Staatsanwälte nennen das organisierte Kriminalität.

Warum Michael B. sterben musste, ist noch nicht endgültig geklärt. Er soll vor zwei Jahren die Rockerbande Hells Angels verlassen haben. Bis dahin gehörte er einer Gruppe namens Brigade 81 an, die als berüchtigte Schlägertruppe für die Hells Angels die „Drecksarbeit“ erledigte. So bedrohte er kurz vor seinen Ausstieg bei den Hells Angels einen Bandido. Das Amtsgericht Tiergarten, heißt es, verurteilte ihn deshalb zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe.

Werbung für Rockernachwuchs

Bekannt wurde bislang auch, dass er bis vor kurzem ehrenamtlich in einer Jugendfreizeiteinrichtung arbeitete. Er betreute einen Kraftsportraum für junge Männer. Dort soll er auch Nachwuchs für Rockerklubs geworben haben. Zunächst für die Hells Angels, später, vermuteten Anwohner der Jugendfreizeiteinrichtung, für die Bandidos. Michael B. sei „eine Person gewesen, die zwischen den Welten der unterschiedlichen Rockervereinigungen hin- und herschwebte“, sagt Bernd Finger, Leiter der Abteilung organisierte Kriminalität (OK) des Landeskriminalamts (LKA). Mit fataler Konsequenz: Michael B., sagte er, sei „der erste Rockertote der letzten Jahre“.

So bestätigt sich mit diesem Fall, wovor Ermittler des LKA in Berlin und Brandenburg seit Langem warnten: Dass der Rockerstreit sich immer weiter zuspitze und immer brutaler werde.

Beide Rockervereinigungen und auch die Untergruppierungen Chicanos und Gremium werden permanent überwacht. Berlin war das erste Bundesland, das eine Spezialeinheit gegen Rockerkriminalität eingeführt hat. Das LKA Brandenburg hat in Eberswalde jetzt ebenfalls eine elfköpfige Ermittlungskommission eingerichtet, deren Arbeitsschwerpunkt die eskalierende Gewalt unter rivalisierenden Rockerbanden ist.

Das Vokabular und die Zeremonien der Rocker sind archaisch und erinnern an Bücher von Karl May. So gibt es dieses Wort „Friedensgespräche“. Die Deutschland-Chefs der beiden Clans, wurde kolportiert, sollen sich heimlich zu Friedensgesprächen getroffen und verhandelt haben. Vorbild sei Skandinavien, wo es zwischen den zuvor verfeindeten Rockern regelrechte „Verbrüderungen“ gebe.

Friedenspakt wurde gebrochen

Die LKA-Ermittler bleiben skeptisch. „Zwischen denen kann es gar keinen Frieden geben, die leben in tiefster Konkurrenz“, sagt OK-Chef Bernd Finger. Andere verweisen auf die Personalpolitik der Bandidos, die zwar von Frieden sprechen, parallel aber ständig neue Mitglieder werben und sich so gegenüber den Hells Angels verstärken. Zum Nachwuchs zählen möglicherweise auch junge Türken und Araber, die noch nicht einmal einen Führerschein, geschweige denn ein Motorrad besitzen, aber willige und schlagkräftige Mitstreiter sind.

Der Anfang des Jahres geschlossene Friedenspakt hielt dann auch nicht lange. Zumindest in Berlin und Brandenburg nicht. Es gab immer wieder Zusammenstöße zwischen Hells Angels und Bandidos, die von den Vorgaben ihrer Bosse offenbar nichts wussten oder nichts wissen wollten. Anfang Juni zertrümmerten mehrere Männer im brandenburgischen Ludwigsfelde ein Klubhaus der Chicanos. Die Täter wurden nicht gefasst. Der Anlass für Rache schien für die Gegner dann schnell gefunden: Der Berliner Präsident der Hells Angels Nomads, André S., und ein paar seiner Kumpane – diese Gruppierung gilt bei Insidern als die „knallharte Exekutive“ des Klubs – waren beim Hafenfest in Wriezen mit Sicherheitspersonal aneinandergeraten. Als die Berliner Rocker kurz darauf nach Hause fahren wollten, wurden sie von fünf Fahrzeugen verfolgt und in Finowfurt ausgebremst. Gefunden wurde später ein demolierter Wagen der Marke Kia.

Was zunächst nach einem Unfall aussah, entpuppte sich als versuchter Mord: Nomads-Präsident André S. war ein Messer in den Rücken gestoßen worden, einem seiner Kumpane wurde mit einer Axt das Bein beinahe völlig abgetrennt. Später wurde ein Fahrzeug ermittelt, das den Mercedes von André S. gerammt hatte. Der Besitzer war zwar kein Mitglied der Berliner Bandidos, soll ihnen aber sehr nahe stehen.

Wie sehr der Kampf zwischen den Gruppierungen entbrannt ist und worum es bei ihren Machtkämpfen geht, zeigte auch der Kampf um ein Rotlichtetablissement, der sich im Juni abspielte. Eine Gruppe der Bandidos suchte zunächst die Table-Dance-Bar „Gold Club“ an der Oranienburger Straße in Mitte auf. Es gab keine Schlägereien, nicht einmal Drohungen. Für die Polizei war dieser Besuch indes als das Zeigen von Präsenz oder bloßes Machtgehabe. Es gehe ganz offensichtlich um das Abstecken von Revieren und die Sicherung illegaler Einnahmequellen, hieß es in einer Erklärung. Wenige Tage später fiel Zivilbeamten eine Gruppe von Männern auf, die kurz nach Mitternacht vor dem „Gold Club“ Kleinbusse verließen. Einige trugen weiße Masken. Es handelte sich um etwa 50 Unterstützer der Hells Angels, die zur Türsteher- und Hooligan-Szene Mecklenburg-Vorpommerns gehörten. Im Gepäck hatten sie Schlagringe, Teleskopschlagstöcke und Quarzsandhandschuhe, mit deren Hilfe es sich besonders wirksam zuschlagen lässt. Auch Drogen konnten sichergestellt werden. 34 Rocker wurden sofort festgenommen.

Spätestens seit diesem Vorfall schien klar, dass die Hells Angels und die Bandidos in Berlin und Brandenburg den Frieden nicht mehr einhalten. Und in den Landeskriminalämtern und Polizeiabschnitten herrscht noch größere Alarmbereitschaft, wenn Veranstaltungen der Rockerbanden auf dem Plan stehen.

Haftstrafen sind das einzige Druckmittel

Als die Hells Angels Anfang dieses Monats zu ihrer „Barbecue, Drinks, sexy Girls und Streetfighter Show“ in ihr Vereinsheim am Spandauer Damm in Charlottenburg luden, waren mehr als 1000 Polizisten im Einsatz. Zur weiteren Absicherung wurde den Rockern verboten, einen Motorradkorso durchzuführen. Größte Sorge war es jedoch, dass es zu Auseinandersetzungen mit den Bandidos kommen könne.

Gegen staatliche Maßnahmen scheinen Rocker resistent zu sein. OK-Chef Bernd Finger sieht „Gefängnisstrafen als einzige Möglichkeit, sie wirklich zu beeindrucken“. Die strafrechtliche Aufarbeitung indes ist schwierig. So endete erst vor wenigen Tagen im Moabiter Kriminalgericht ein Prozess, in dem es nach fast drei Jahren für alle Angeklagten einen Freispruch gab.

Wichtigster Anklagepunkt in diesem Verfahren war ein lebensgefährlicher Messerstich, den das Opfer nur dank einer Notoperation überlebte. Tatort war die Charlottenburger Bar „Blue Bananas“. Doch im Grunde geht es um den Einfluss der Hells Angels auf die Rotlichtszene rund um den Stuttgarter Platz, der ihnen von neuen Kiezgrößen – einer Mischung rivalisierender Rocker und Zuhälter – streitig gemacht wurde. Am 22. September 2006 kam es zu einer wüsten Prügelei, bei der es hinterher zahlreiche Verletzte, aber wenige Zeugen gab. Vor Gericht konnten sich Täter und Opfer angeblich an nichts erinnern. Der Grund dafür ist ein sogenannter Ehrenkodex. Mit der Polizei und der Justiz redet man nicht, heißt es bei den Rockern – egal, welcher Gruppierung sie angehören. Probleme würden intern geklärt. Und wer sich nicht daran halte, sei ein Feigling und Verräter.

Dieser Kodex bedeutet aber keineswegs, dass nun Ruhe einkehren wird. OK-Chef Finger: „Gewalt gebärt immer neue Gewalt.“

Mitarbeit: Steffen Pletl, Maren Wittge

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