1. Oktober

Sarrazin schockierte mit Angriffen auf Migranten

Das Enfant Terrible der deutschen Finanzszene schlug in diesem Jahr mehrfach zu. Zum Beispiel in einem Interview in der Zeitschrift "Lettre International". Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat darin Migranten und Hartz-IV-Empfänger heftig attackiert. Bundesbank und Parteien reagierten entsetzt. Doch die Folgen blieben aus.

Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) sorgt fünf Monate nach seinem Rücktritt für Ärger und Empörung in der Hauptstadt. In einem Interview hatte sich der heutige Bundesbank-Vorstand äußerst kritisch über seine frühere Wirkungsstätte geäußert. Berlin sei „plebejisch und kleinbürgerlich“, sagte Sarrazin der Zeitschrift „Lettre International“. Ein Problem der Stadt sei, „dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“.

Die Bundesbank distanzierte sich am Mittwoch „entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen“ Sarrazins. Er gebe nicht die Ansichten der Bundesbank wieder, das Interview stehe „in keinerlei Zusammenhang mit den Aufgaben von Dr. Sarrazin bei der Bundesbank“, heißt es in einer am frühen Abend eilig verbreiteten Stellungnahme.

Auch in seiner Partei schlugen die Wellen hoch. „Als Obmann für Scheine und Münzen langweilt sich Sarrazin offenbar“, sagte Ülker Radziwill, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Morgenpost Online. Die Ansichten des früheren Finanzsenators und heutigen Chef-Bankers seien „hochnäsig und einfältig“. Sarrazin solle aufhören, „auf einzelne Bevölkerungsgruppen einprügeln“.

"Der Rest soll woanders hingehen"

In dem Interview hatte Sarrazin gegen die Berliner Integrationspolitik polemisiert. „Türkische Wärmestuben“ könnten die Stadt nicht voranbringen, sagte der streitbare SPD-Politiker und riet seinen früheren Senatskollegen: „Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.“ Zudem sei die Hauptstadt von „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlamp-Faktor“ geprägt. Sarrazin beklagte das Fehlen von Eliten und die „kleinbürgerliche Gesinnung“ der Berliner Politiker. „Der Intellekt, den Berlin braucht, muss also importiert werden.“

Froh äußert sich Sarrazin aber über das Ende der alten "Berliner Subventionswirtschaft“. Gutes könne nur von außen kommen. Jede Metropole lebe davon, dass sie Zuwachs aus der Provinz bekomme. So solle es auch mit Berlin werden. Er habe als Berliner Finanzsenator seinen Beitrag dazu geleistet, findet er. Durch Personalabbau. "Die Berliner Verwaltung ist keine gute Verwaltung, auch wenn sie etwas besser geworden ist, weil sie kontinuierlich kleiner wurde. Das war ein Beitrag zur Qualitätssteigerung.“ Allerdings würden Führungskräfte zu schlecht bezahlt. "Wenn ich Regierender Bürgermeister wäre, würde ich erst mal dafür sorgen, dass der Senat vernünftig bezahlt wird.“ Sarrazin gibt auch als Bildungsexperte Tipps: "Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten.“

Doch Sarrazin sieht auch Fortschritte in der Entwicklung der Stadt: Topanwälte, Wirtschaftsberater, Manager, Ingenieure, Wissenschaftler – „viele möchten gern in Berlin leben, viele Firmen eröffnen deshalb Dependancen“, sagte Sarrazin. Berlin gehe es wie dem New York der 50er-Jahre, als sich die Stadt mittels Zuwanderung wieder gestärkt habe. Denn Berlin werde „niemals von den Berlinern gerettet werden können“.

Wesentliches Problem der Stadt ist aus Sarrazins Sicht, "dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“. Doch nicht nur das, auch die Migranten sind seiner Meinung nach mitverantwortlich für das schlechte Bild der Stadt: Eine große Anzahl der Türken und Araber "hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln.“

Das gelte auch "für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat“. Für alle anderen Zuwanderer hat Sarrazin ebenfalls charakteristische Beschreibungen parat. "Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk.“ Die zweite Generation sei aber integrationswillig wie die Osteuropäer.

"Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben.“ Bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern sei es dasselbe. "Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ,türkische' Probleme.“ Was der Ex-Senator damit meint: "Ständig werden Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf.“

Transferleistung abschaffen

Bei den Arabern sei es "noch schlimmer“, so Sarrazin. "Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer.“ Zudem würden die Türken versuchen, mit einer hohen Geburtenrate in Deutschland die Einheimischen zu übertreffen. Dazu Sarrazin – womöglich ironisch: "Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

"Stumpfsinn" exportiert

Empört reagierte auch Berlins CDU-Chef Frank Henkel auf Sarrazins Äußerungen. „Es ist schon interessant, wie jemand über unsere Stadt urteilt, der jahrelang von Berliner Steuergeld gelebt hat“, sagte Henkel. „Ich denke, weder die Berliner noch die vielen Neuberliner müssen sich für ihre Leistungsfähigkeit schämen. Berlin hat genug kreatives Potenzial und ist offen für Impulse von außen. Wir scheuen weder, Intellekt zu importieren, noch, Stumpfsinn zu exportieren, wie es offensichtlich bei Herrn Sarrazin der Fall ist.“

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