Thadeusz

Was wir alles für wahrscheinlich halten

Von Autorasern und dem Juwelier in Celle: Moderator Jörg Thadeusz schreibt jeden Sonnabend in der Berliner Morgenpost.

Uns verbindet, dass wir in vielem nicht sicher sein können. Trennend ist erst, wie wir Wahrscheinlichkeiten berechnen. Autofahrer, die bei Trost sind, halten es für wahrscheinlich, dass etwas Schlimmes passiert, wenn sie mit 120 Stundenkilometern über den Kurfürstendamm rasen. Andere halten es für höchstwahrscheinlich, dass sie ihr Auto immer im Griff haben. Wenn dann wieder Unbeteiligte tot sind, sagen die rasenden Männer mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie leid ihnen das alles tut. Ebenso wahrscheinlich ist, dass die Täter sich selbst noch etwas mehr leid tun als ihre Opfer.

Wahrscheinlich lässt sich mit einem Überfall auf einen Juwelierladen schneller Geld verdienen, als selbst einen zu eröffnen. Die Möglichkeit, der Besitzer des Geschäfts könnte eine Waffe in der Schublade haben, um den Überfall abzuwehren, ist unwahrscheinlich. In Amerika wäre das etwas anders. Sich selbst zu helfen, statt auf Rettung von außen angewiesen zu sein, hat für viele dort auch etwas mit Freiheit zu tun.

Ein Ehepaar, Anfang 70, bekommt nach den üblichen Wahrscheinlichkeiten nur öffentliche Aufmerksamkeit, wenn es im Lotto gewinnt. Oder den beiden etwas aufsehenerregend Schlimmes zustößt. Boulevardreporter lassen dann in ihren Geschichten mitschwingen, ob ein großer Geldgewinn nicht besser jüngeren Leuten zugefallen wäre. Sind die Senioren irgendwas zum Opfer gefallen, atmen Berichterstatter zwischen den Zeilen durch, dass es nicht jüngere Leute getroffen hat.

Nach journalistischer Psychologie, die von der richtigen Psychologie nur ein mehrjähriges Studium trennt, ist es unwahrscheinlich, dass der 72 Jahre alte Juwelier aus Celle jemals wieder glücklich wird. Nachdem er sich gegen alle Wahrscheinlichkeiten verhielt. Also nicht seine Frau verlor und nicht selbst umgebracht wurde. Sondern die Räuber erschoss, die glaubten, sie könnten ihrer Sache sicher sein.