Zwölf Stunden

Zu Besuch in der Sicherheitszone am Wannsee

Der Experimentier-Reaktor des Helmholtz-Zentrums Berlin in Wannsee ist eine Sicherheitszone mit strenger Zugangskontrolle. Ein Besuch.

Veronika Grzimek (v.l.), Margarita Russina und Nico Grimm am Flugzeit-Spektrometer.

Veronika Grzimek (v.l.), Margarita Russina und Nico Grimm am Flugzeit-Spektrometer.

Foto: Franz Michael Rohm

Ende des Jahres wird der Berliner Experimentier-Reaktor des Helmholtz-Zentrums Berlin am Lise-Meitner-Campus in Wannsee abgeschaltet. Noch ist das Gelände eine besondere Sicherheitszone mit strenger Zugangskontrolle. Wir waren zwölf Stunden vor Ort. Ein Protokoll.

8.10 Uhr: Idyllisch im grünen Ortsteil Wannsee liegt der Lise-Meitner-Campus, einer von zwei Standorten des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB), das eines der größten Forschungszentren der Stadt ist. Mehr als 600 Wissenschaftler forschen dort in Dutzenden Instituten und Laboren. Das Gelände kann nur nach vorheriger Anmeldung betreten werden. Denn dort steht auch Berlins Experimentier-Reaktor BER II. Der erzeugt elektrisch neutrale Teilchen, die Neutronen. Ende des Jahres soll er abgeschaltet werden. Bis dahin wird die Neutronenquelle rege zur Forschung genutzt. Die Leistung des Reaktors liegt bei zehn Megawatt, das ist weniger als ein Hundertstel eines Atomreaktors zur Energiegewinnung. Die Brennstäbe enthalten etwa sechs Kilogramm schwach angereichertes Uran-235. „Im Reaktorbereich und in den Experimentierhallen müssen alle Mitarbeiter Dosimeter am Körper tragen, mit denen die Strahlenbelastung gemessen wird“, erklärt Guido Buchert, der Leiter der Abteilung Strahlenschutz.

10.10 Uhr: In der Experimentierhalle arbeitet Physiker Fabiano Yokaichiya an einem für Laien schwer zu verstehenden Versuchsaufbau. Der 45-Jährige forscht an magnetischen Materialien. Dabei werden Materialproben unter Druck und Kälte mit „heißen“ Neutronen beschossen, um die Struktur, Energiedurchleitung oder auch Stabilität von High-Tech-Materialien der Zukunft unter extremen Bedingungen zu untersuchen. Jedes Jahr kommen Hunderte Forscher aus aller Welt zum Experimentieren an die Berliner Neutronenquelle.

11.50 Uhr: In der sogenannten E-Halle steht der Reaktorblock. Beim Kontrollrundgang prüft Betriebsingenieur Nico Hertel, ob alle Betriebs- und Sicherheitsanlagen einwandfrei funktionieren. Der Reaktor befindet sich genau hinter dem 36-Jährigen. Die Brennstäbe liegen auf dem Grund eines Wasserbeckens, abgeschirmt von einer neun Meter hohen Wassersäule. „Deshalb heißt dieser Typ Schwimmbad-Reaktor. Die entstehende Wärme wird über Kühlsysteme nach außen abgegeben“, erklärt Hertel.

14.05 Uhr: Durch eine Schleuse, in der alle Personen auf eventuelle Kontaminierung überprüft werden, geht es in die V-Halle. Dort forscht Margarita Russina am Flugzeit-Spektrometer. Der riesige Experimentier-Aufbau ermöglicht Einblicke in winzige Strukturen im Innern von Materialien. Zusammen mit Nico Grimm und Veronika Grzimek untersucht Margarita Russina zurzeit das Verhalten von Wasserstoff und Wasser in porösen Materialien. Dazu zähle auch die Haut. Die Ergebnisse der Experimente gehen in Entwicklungen neuer Technologien ein, zum Beispiel für Energiespeicher.

15.15 Uhr: Elektrochemikerin Eneli Härk aus Estland arbeitet an der Entwicklung von effizienten und umweltfreundlichen Lithium-Schwefel-Batterien. „Diese Energiespender spielen künftig in allen Bereichen, von den Informationstechnologien bis zur Mobilität, eine enorm wichtige Rolle.“ Im HZB forschen viele Gäste an Grundlagenfragen, betont die 39-Jährige, aber es gebe auch Zusammenarbeit mit der Industrie.

17.20 Uhr: Auch beim weltweit größten Magneten für Neutronenstreuung gilt das Prinzip: riesige Apparatur, winzige Proben. Maschinenbauingenieur Robert Wahle befestigt eine Druckzelle an einem Kryostat. An dessen Spitze wird die Materialprobe auf etwa minus 273 Grad gekühlt und dann im Magnetfeld mit „kalten“ Neutronen bestrahlt. Die Erkenntnisse des Versuchs dienen der Forschung im Bereich Quantenmaterialien und Supraleitung.

20.50 Uhr: „Wir haben erst dann Feierabend, wenn das Experiment funktioniert“, erklärt Alexandra Franz. Die Kristallografin arbeitet an einem Pulverdiffraktometer, einem Gerät, mit dem sich auch kleinste Kristalle untersuchen lassen. So erforscht sie „Atom für Atom“ neue Materialien, die beispielsweise für noch effektivere Solarzellen genutzt werden sollen.

Helmholtz-Zentrum Berlin Hahn-Meitner-Platz 1, Wannsee, Besucheranmeldung unter www.helmholtz-berlin.de