Umfrage

Hunderte Fälle: Zahl der Zwangsehen in Berlin steigt

Eine stadtweite Umfrage unter Einrichtungen ergibt eine Zunahme um 19 Prozent in den vergangenen drei Jahren.

Foto: dpa

Berlin.  Es ist eine erschreckende Zahl: 2017 sind 570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung in Berlin bekannt geworden. Das sind 19 Prozent mehr als bei der letzten Befragung im Jahr 2013 (460 Fälle) angegeben wurden. Das teilte der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung jetzt mit. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch weit höher ist – denn die Zahl ist das Ergebnis einer Umfrage unter Einrichtungen aus dem Antigewaltbereich sowie Jugendämtern, Polizei oder Schulen. Diese können nur diejenigen Fälle registrieren, in denen sich Betroffene offenbart haben, oder ihre Kontaktpersonen aktiv geworden sind.

Am häufigsten von Eheschließungen gegen ihren Willen betroffen sind Mädchen mit Migrationshintergrund. Sie stellen 93 Prozent der Betroffen, nur sieben Prozent waren männlich. Die meisten Jugendlichen waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. Jünger als 16 Jahre waren zwölf Prozent der weiblichen beziehungsweise drei Prozent der männlichen Betroffenen.

83 Prozent haben muslimischen Hintergrund

Knapp die Hälfte der Mädchen und Jungen hatte arabische Wurzeln, 20 Prozent türkische und 15 Prozent kamen aus Balkanländern, sechs Prozent aus kurdischen Gebieten. 83 Prozent der Betroffenen hatten laut Umfrageergebnis einen muslimischen Hintergrund, weitere waren christlichen, jüdischen oder jesidischen Glaubens.

„Unter den Mädchen und jungen Frauen, die sich an uns wenden, sind sowohl Geflüchtete, die erst vor zwei oder drei Jahren aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien zu uns gekommen sind“, sagt Eva Kaiser von der Kriseneinrichtung Papatya, die sich um Mädchen kümmert, die von Verschleppung und Zwangsheirat betroffen sind. Auch Papatya hat sich an der Umfrage beteiligt. „Genauso wenden sich aber auch Hilfesuchende an uns, deren Familien bereits in dritter Generation hier leben“, sagt sie weiter.

Als die Organisation vor 32 Jahren gegründet worden sei, habe der Anteil der türkischen Betroffenen noch bei 80 Prozent gelegen. „Das zeigt, dass sich das Problem deutlich verändert hat“, sagt sie und betont, dass es weder in der Hauptstadt noch bundesweit eine systematische Erhebung in Fällen von Verschleppung sowie Zwangsheirat gebe. Das müsse sich dringend ändern, fordert sie.

Das betont auch Petra Koch-Knöbel, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Friedrichshain-Kreuzberg, die die Umfrage federführend geleitet hat. „Die Umfrage erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch, quantitativ repräsentative Ergebnisse zu liefern“, so die Frauenbeauftragte. Dennoch mache die Umfrage deutlich, dass diese in keiner Weise zu rechtfertigende Form der Gewalt auch in Berlin in einem signifikanten Ausmaß gegeben sei und dass demzufolge politischer Handlungsbedarf zur Prävention und Intervention bestehe. 87 Prozent der in 221 Fällen vollzogenen Zwangsverheiratung hatten im Ausland stattgefunden.

Die Dunkelziffer der Zwangsehen ist höher

Wenn sich die Betroffenen bei einer Hilfsorganisation oder Behörde meldeten, sei dies bereits ein sehr großer Schritt, dem zumeist Gewalterfahrungen vorausgegangen seien, sagt Expertin Kaiser weiter. Jährlich nehme Papatya in einer Berliner Wohnung, deren Adresse aus Sicherheitsgründen geheim bleiben muss, rund 60 Mädchen und junge Frauen auf. In der Zufluchtswohnung werden sie rund um die Uhr betreut. Gemeinsam mit dem Jugendamt werde nach einer Lösung gesucht. Zumeist müssten die Mädchen, um wirklich sicher zu sein, anschließend anonym und außerhalb Berlins wohnen. „Viele Mädchen halten diesem Druck nicht stand und kehren in ihre Familien zurück – manchmal leider mit tragischem Ausgang bis hin zum Ehrenmord“, sagt Eva Kaiser.

„Wir wissen noch immer viel zu wenig über das Ausmaß von Zwangsverheiratungen und anderen Formen kultureller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“, betont Falko Liecke (CDU), Neuköllns stellvertretender Bezirksbürgermeister und Jugendstadtrat. „Wir müssen davon ausgehen, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs sind“, sagt Liecke der Berliner Morgenpost. Mehr als 43 Prozent der Neuköllner haben einen Migrationshintergrund. Viele junge Frauen und Männer trauten sich nicht, Hilfe zu suchen oder wüssten schlicht nicht, wo sie Hilfe finden, so Liecke weiter. „Die vorliegenden Daten zu den Betroffenen lassen außerdem befürchten, dass der Zuzug der letzten Jahre aus muslimischen Ländern zu einem weiteren Anstieg führt“, sagt der Stadtrat. Berlin müsse mehr tun, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen und die Dunkelziffer aufzuklären.

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