Schumachers Woche

Denn sie wissen nicht, was sie studieren

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Es gibt große Bildungslücken bei den Politik-Studenten, meint Kolumnist Hajo Schumacher.

Als ich einst die politischen Wissenschaften zu studieren begann, riet mir ein erfahrener Kommilitone unbedingt zu einer klaren Meinung, am besten für jedes Seminar eine. Professor A sei nun mal ein Rechter, weil er die USA verehre, Professor B hingegen ein Marxist, nur mit systemkritischen Bemerkungen zu begeistern. Fakten? Ja, die waren auch gefragt, aber nur, wenn sie die Meinung stützten. Ein guter Student war weniger informiert als engagiert, und begann seine Sätze mit „Ich finde ...“ oder „Ich glaube ...“.

Seit wir in einer digitalen Wissensgesellschaft leben, lassen sich Fakten sogar noch im Hörsaal ergooglen. Passiert aber nicht, wie Professor Klaus Schroeder in zwei Proseminaren der Freien Universität zu Berlin ermittelt hat. Je 40 Studenten wurden in einem kleinen Test zur DDR und zum gesamtdeutschen Sozialstaat befragt. Fazit: Die Studenten, so Schroeder, lebten offenbar „in einem anderen Land“.

Zur DDR fiel den jungen Menschen „Stasi, Mauer und Sozialpolitik“ ein. Todesstrafe? Wussten 17 Prozent. Etwa 1000 Mauertote? Ein Viertel. Durchweg wurde die DDR-Durchschnittsrente von 480 Mark deutlich zu hoch eingeschätzt, die wirtschaftliche Produktivität, etwa 30 Prozent des Westens, viel zu optimistisch.

Das aktuelle Deutschland gilt den Studierenden dagegen als Vorhof zur Hölle: Nur der Profit zähle, der Sozialstaat werde fortwährend abgebaut, „neoliberal“ gilt als Kampfformel, die immer passt.

Faktenwissen? Ging so. Viele schätzen die Ausgaben für den Sozialstaat auf einen zweistelligen Millionenbetrag (tatsächlich weit mehr als 900 Milliarden Euro) und meinten, dass nur Arbeitnehmer Beiträge entrichten. Dass Unternehmen den größten Batzen zahlen, waren ebenso unbekannt wie Armutsgrenzen oder Hartz-IV-Sätze. Weltweit ermutigende Trends wie zunehmende Alphabetisierung, Armutsabbau oder Schulbesuch von Mädchen schätzte die künftige politische Elite des Landes dagegen deutlich negativer ein als normale Bürger.

Kurz: Wer in die Politik will, sollte zuvor auch mal das Leben studieren.

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