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Musik verleiht Flügel

94 Bands heizen den Läufern an der Marathonstrecke ein

SIMONE JACOBIUS

Ein Livekonzert auf gut 42 Kilometern und über etliche Stunden: Der Musik-Marathon anlässlich des Berlin-Marathons kommt schon fast einem Festival gleich. Denn der beliebte Straßenlauf ist gleichzeitig Bühne für 94 Bands. Alle 500 Meter reihen sich die musikalischen Höhepunkte aneinander, treiben die Läufer mit ihrem Rhythmus voran und sorgen für begeisterte Zuschauer.

Um die 1200 Musiker und vier DJs sind dieses Jahr wieder quasi unentgeltlich dabei. Denn mehr als eine Aufwandsentschädigung für die Bandkasse gibt es nicht. Highlights sind die Sambaband am Wilden Eber, die türkische Rockband am Kottbusser Tor und die Jazz-Big-Band mit DDR-Legende Hannes Zerbe vor dem Wintergarten an der Potsdamer Straße. Kaum ist der Sound einer Gruppe verklungen, kommt auch schon der nächste Trommelwirbel in Hörweite und wird lauter. Initiator des Ganzen ist John Kunkeler, der den Musik-Marathon seit 1998 organisiert.

Eigentlich ist er ja Lehrer. Doch nach der Trennung von seiner Frau wollte er etwas ganz Neues machen. Er kündigte den Schuldienst und übernahm stattdessen einen Jazzclub, den Schlot in Prenzlauer Berg. Zugleich wechselte er den Sportverein und ging zum SCC – nicht nur als Läufer, sondern auch als Organisator. 47 Jahre war er damals, ein Langstreckenläufer in der Mitte seines Lebens. Inzwischen ist er der „Chef-DJ“ des Berlin-Marathons.

In den Anfangsjahren des Berlin-Marathons standen gerade mal vier oder fünf Bands entlang der Strecke, die meisten unangemeldet. Es gab nur eine „offizielle“ Band am Wilden Eber. Als diese dann aufgrund von Differenzen nicht mehr kommen wollte, kam die große Stunde des John Kunkeler: „Durch meine Kontakte im Schlot konnte ich ad hoc mit 20 Bands aufwarten. Das wurden dann im Laufe der Jahre immer mehr“, erzählt er. Das war 1998. Dass Musik Flügel verleihen kann, wurde auch dadurch deutlich, dass in dem Jahr erstmals ein neuer Weltrekord aufgestellt wurde.

Die Bands, die einmal dabei waren, schwärmten von der tollen Stimmung und meldeten sich gleich fürs nächste Jahr an. Das verrückte Marathonspektakel sprach sich schnell unter den Musikern herum. Es gab immer mehr Anfragen von Bands, die auch mal an die Strecke wollten. Fast alle sind aus der Berliner Szene und bilden einen Querschnitt dessen, was die Stadt musikalisch zu bieten hat. Nur eine Band kommt in diesem Jahr aus dem Schwabenland und will ihre eigenen Leute anfeuern.

Auch wenn die Bands sich alle von sich aus melden, um an der Marathonstrecke den Läufern einzuheizen, bleibt für Kunkeler trotzdem noch ein großer logistischer Aufwand. Genehmigungen müssen beantragt, Strom besorgt und die Bands eingeteilt werden, wer steht wo, damit er sich nicht mit den nächsten in die Quere kommt. Rockbands sind allerdings nur wenige dabei. Denn aufgrund des hohen technischen Aufwands und aus Lärmschutzgründen wird auf sie weitestgehend verzichtet. „Wir haben allerdings seit 20 Jahren eine türkische Band am Kottbusser Tor. Die haben aber auch einen Sponsor“, sagt Kunkeler. Denn auch darauf achtet er: dass die Musik zum Standort passt. Am pflegeleichtesten sind Trommler – die benötigen noch nicht mal Strom. Die Folge: Der Berlin-Marathon ist zugleich die längste Jazz- und Sambameile der Welt. „Der Karneval der Kulturen lässt grüßen“, sagt Kunkeler schmunzelnd. Und die Läufer honorieren es, tänzeln häufig eher an den Bands vorbei als zu laufen und legen dann noch mal einen Zahn zu. Die meisten Menschen freuen sich über die Musiker und auch die Anwohner haben selten Probleme.

Kunkeler, gebürtiger Holländer, war selber jahrelang aktiver Läufer, brachte es auf insgesamt 108 Marathons. Auch den Berlin-Marathon ist er 20 Mal gelaufen. Fünf Mal startete er in New York, und dort lernte er die euphorisierende Wirkung der Musik kennen: Sie ist Ablenkung von den schmerzenden Beinen und hat zugleich eine antreibende Wirkung. „Man darf bei all der guten Stimmung nur nicht vergessen, dass die Musiker für die Läufer spielen, nicht fürs Publikum. Deswegen habe ich damit begonnen, die Bands dort hinzustellen, wo wenig Zuschauer sind und so auch nicht die Sicht der Läufer auf die Musiker versperrt werden kann“, erklärt der Organisator des Musik-Marathons.

Inzwischen ist Kunkeler schon 71 Jahre alt – aber noch immer nicht müde: Er will weitermachen. Bis er sich mehr ärgert, als sich zu freuen.

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