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Auf nach Prora

Nach Jahrzehnten des Verfalls erstrahlt ein ungewöhnliches Bauwerk in neuem Glanz und erfreut sich guter Nachfrage

VON DANIEL SEGAL


Es sollte ein Projekt der Superlative werden: das Seebad Prora, gelegen auf Deutschlands größter Insel Rügen. Wer die Entstehungsgeschichte des Gebäudeensembles kennt, kann kaum glauben, dass sich das Seebad bei Immobilienkäufern heute wieder großer Beliebtheit erfreut. Denn vorangetrieben wurde das Feriendomizil für die Massen einst durch die Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF), deren Aufgabe es war, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu „gestalten“. Die Planungen von 1936 sahen insgesamt acht jeweils 550 Meter lange, sechsgeschossige Häuserblocks vor. 20 000 Menschen sollten so gleichzeitig Urlaub machen können. Bis zum Jahr 1939 waren zeitweise bis zu 9000 Arbeiter damit beschäftigt, die kühnen Pläne des Architekten Clemens Klotz Realität werden zu lassen. Die Kosten waren enorm: Nur zwei Jahre nach Baubeginn hatte das Projekt bereits 237,5 Millionen Mark verschlungen – oder knapp 990 Millionen Euro nach heutiger Rechnung. Mit Kriegsbeginn wurden die Arbeiten eingestellt. Die notdürftig abgesicherten Rohbauten durchlebten seitdem eine sehr abwechslungsreiche Nutzungsgeschichte. Zu DDR-Zeiten wurde das Gelände teils militärisch genutzt, nach der Wende gelang es dem Bund nicht, die mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Gebäudekomplexe zu veräußern. Es folgten viele Jahre des Verfalls. Ausgerechnet der Sohn des Arbeitersängers Ernst Busch, Ulrich Busch, leitete im Jahr 2006 einen Erneuerungsprozess ein. Damals kaufte der Immobilienentwickler die Blöcke 1 und 2 direkt vom Bund. Kaufpreis: 455 000 Euro. Viele Menschen schüttelten damals ungläubig den Kopf. So gab es unter anderem keinen beschlossenen Bebauungsplan. Ulrich Busch wiederum war das egal, jahrelang stritt er für sein „Lebenswerk“ –­ mit Erfolg. „Ich zeige heute, dass es möglich ist, dieses historisch von zwei Diktaturen belastete Gebäude einer humanistischen Nutzung zuzuführen.“ Mittlerweile ist auch der Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Binz, Karsten Schneider, überzeugt: „Ohne Ulrich Busch wäre Prora heute nicht so weit.“ Und tatsächlich: Wer das unter dem Namen „Prora Solitaire“ bekannt gewordene Areal heute besucht, muss schon ganz genau hinsehen – aus dem einstigen grauen Klotz ist eine Hotelanlage für gehobene Ansprüche geworden: Entstanden sind 370 Wohnungen mit Größen zwischen 30 und 128 Quadratmetern. Da die Nutzung als reine Ferienimmobilie untersagt ist, haben Käufer zwei Optionen: Mehr als 100 der Apartments und Suiten dienen ausschließlich als Kapitalanlage. Die zweite Variante ist der Kauf von Wohneinheiten, die während des Großteils des Jahres an Gäste vermietet werden, an einigen Wochen aber den Eigentümern zur Verfügung stehen – Hotelservice inklusive. Zum Start des Vertriebs wurden die Einheiten für 3000 Euro pro Quadratmeter veräußert, heute werden bereits circa 6000 Euro aufgerufen. Die Angebote sind jedoch rar. Ulrich Busch plant deshalb einen Neubau in zweiter Reihe hinter „Prora Solitaire“. Baubeginn ist für das erste Quartal 2019 geplant. Der Quadratmeterpreis für die Eigentumswohnungen soll zwischen 4000 und 5000 Euro liegen.

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