Das Soundance Festival und das 40-jährige Jubiläum der Tanzfabrik leiten die choreografischen Höhepunkte des Sommers ein 

Zurück in die Zukunft

Das Soundance Festival und das 40-jährige Jubiläum der Tanzfabrik leiten die choreografischen Höhepunkte des Sommers ein 

MARTINA HELMIG

Unter dem vermeintlich paradoxen Motto „Remembering the Future“ feiert die Tanzfabrik ihr 40-jähriges Jubiläum. „So ein Rückblick birgt immer die Gefahr, dass man im Historisieren und Rekonstruieren verbleibt“, meint der Künstlerische Geschäftsführer Ludger Orlok. „Deshalb möchten wir den Fokus auf die Frage lenken, was wir aus unserer Vergangenheit für die Zukunft lernen können.“

Vieles hat sich in der Tanzfa­brik verändert in den vergangenen Jahrzehnten. Nur das Anliegen ist genau dasselbe wie vor 40 Jahren: Die Tanzfabrik will den zeitgenössischen Tanz fördern und weiterentwickeln. Dabei existierte im Gründungsjahr 1978 der Begriff „zeitgenössischer Tanz“ noch gar nicht. „Es gab aber die starke Motivation, Tanz und Körperlichkeit in einer neuen Weise zu erproben. Da war der dringende Wunsch, den Körper in seinen Grenzen zu erforschen und auszutesten“, erklärt Orlok.

Das Künstlerkollektiv der ersten Stunde fand Räume in einer ehemaligen Lampenfabrik in der Kreuzberger Möckernstraße und nutzte sie als Produktions-, Aufführungs- und Wohnort. „Ganz schnell waren die Räume immer überfüllt. Der Bedarf war groß. Da geschah etwas in der Stadt, das man anderswo nicht erleben konnte“, sagt Ludger Orlok. Proben und Vorstellungen, Unterricht und Workshops gingen von Anfang an Hand in Hand. Die Künstler erforschten die Post-Modern-Dance-Techniken aus den USA und vor allem die Contact Improvisation. „Die Tanzfabrik war in Europa einer der ersten Orte, wo man das lernen konnte“, so Orlok.

Nach der Wende vergrößerte sich die Stadt, ohne dass die Fördertöpfe wuchsen. „1995 halbierte sich die Förderung für die Tanzfabrik. Damit änderte sich die Ausrichtung. Aus dem künstlerischen Kollektiv, das alles entschieden hat, wurde eine Struktur mit einer künstlerischen Leitung. Die Tanzfabrik übernahm dann eine Art Inkubatorfunktion für die Tanzszene, die in unseren Räumen Neues entwickeln und erforschen konnte“, erzählt der Künstlerische Geschäftsführer.

2010 hat die Tanzfabrik einen zweiten Standort in den Weddinger Uferstudios eröffnet. Inzwischen ist sie wieder in der Situation, dass der vorhandene Platz nicht ausreicht. „Die Künstler, die mit uns arbeiten, brauchen manchmal echte Galerieräume oder einen professionell ausgestatteten Theaterraum. Das können wir so nicht bieten. Entweder müssen wir mit bestehenden Institutionen in der Stadt zusammenarbeiten oder eigene Orte entwickeln“, sagt Ludger Orlok über die Zukunftsperspektive der Tanzfabrik.

Zunächst aber wird mit dem Festival „Open Spaces/Sommer Tanz“ vom 14. bis zum 27. Juli das Jubiläum gefeiert. Die fünf Neuproduktionen, unter anderem von Lina Gómez, Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi, beschäftigen sich mit Zeit, Vergänglichkeit und der Frage, wie man mit Geschichte umgehen sollte.

Kurz zuvor, vom 20. Juni bis zum 1. Juli, setzt ein junges Tanzfest interessante Akzente. Das Soundance Festival ist aus dem Festival Improvisation Xchange entstanden. „Ich bin fasziniert von der engen Zusammenarbeit zwischen Musikern und Tänzern. Deshalb haben wir uns entschieden, den Fokus allein darauf zu richten“, sagt die Festivalleiterin Jenny Haack. Die gelungene Festivalpremiere im letzten Jahr hat sie selbst überrascht, die Vorstellungen waren alle ausverkauft. Da war eine Tänzerin zu erleben, die sich unter den Metallplatten des Vibrafons zusammenkauert, eine Geigerin, die durch eine Tänzergruppe springt und eine Cellistin, die sich musizierend und auf dem Rücken liegend über den Tanzboden bewegt.

Diesmal hat Jenny Haack viel mehr Künstler als im vergangenen Jahr eingeladen, sodass es an den meisten Abenden Doppelprogramme gibt. „Der Schwerpunkt liegt auf nonhierarchischen Arbeitsprozessen“, sagt die Festivalleiterin. Sie hat Musiker und Tänzer ausgewählt, die gleichberechtigt und direkt ohne Choreografen miteinander arbeiten. Echtzeitmusik und Jazzimprovisationen treffen auf zeitgenössischen Tanz.

„Dieses Jahr haben wir viele neue Konstellationen, die beim Festival erstmals zusammenarbeiten. Es gibt mehr elektronische Musiker, viele türkische Exil-Künstler und auch einen Abend mit interaktiv arbeitenden Videokünstlern“, erzählt Jenny Haack. Die mehr als vierzig Künstler stammen größtenteils aus der freien Berliner Szene, es gibt aber auch Gastkünstler aus Zürich, Amsterdam, London und Finnland. Workshops und Gespräche runden das Festivalprogramm ab.