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Tastengeschichten

MARTINA HELMIG

„Menschen, die Klavier spielen, sind gesünder und glücklicher“, sagt Joja Wendt, der Erfinder des Programms „Vier Pianisten – ein Konzert“. Der Pianist möchte mit der Veranstaltung sein großartiges Instrument feiern. „Das Klavier kann singen, aber auch ein ganzes Orchester abbilden.“ Es ist ein besonders vielseitiges Instrument. Zwischen Klassik, Jazz, Boogie und Rock steht dem Pianisten die ganze Musikwelt offen, wie der Abend beweisen will.

Der Name Klavier kommt von dem lateinischen Wort clavis, was Schlüssel, im übertragenen Sinn aber auch Taste bedeutet. Im ausgehenden 17. Jahrhundert entwickelte der Italiener Bartolomeo de Francesco Cristofori am Hof der Medici in Florenz ein neuartiges Tasteninstrument. Die Saiten wurden nicht angerissen wie beim Cembalo, sondern mit einem Hämmerchen angeschlagen. Das Besondere war, dass man auf diesem Instrument laut und leise spielen konnte. So taufte Cristofori seine Erfindung stolz Pianoforte.

Beethoven nannte das Instrument den Schwach-Stark-Tasten-Kasten. Der Versuch der Eindeutschung scheiterte. Der Begriff Pianoforte oder kurz Piano hat sich dagegen über die Jahrhunderte gehalten. Heute gibt es neben elektronischen Keyboards vor allem den großen Konzertflügel, wie er auch auf der Bühne des Classic Open Air stehen wird, und das kleinere, leisere Klavier für den Hausgebrauch.

Die Beziehungen von Pianisten zu ihren Instrumenten sind von höchst unterschiedlicher Art. Der romantische Klaviervirtuose Franz Liszt war dafür bekannt, mit einer solchen Wucht in die Tasten zu hämmern, dass die Saiten rissen und ganze Flügel auf der Bühne zu Bruch gingen. Heinrich Heine bemerkte, dass alle Flügel in Paris erzitterten, wenn Liszt ein Konzert ankündigte. Der Virtuose reiste mit einem kundigen Begleiter, der die Instrumente reparierte und betreute. Meist standen zwei Flügel auf der Bühne, damit Liszt auf dem zweiten weiterspielen konnte, wenn der erste versagte. Einmal hat er allerdings alle beide zerspielt. Der englische Virtuose Henry Litolff soll allerdings sogar drei Klaviere in einem Konzert ruiniert haben.

Auch Richard Wagner ging nicht gerade zimperlich mit den Instrumenten um. Auguste de Gasperini berichtet von einem Pariser Vortrag, den der Komponist über seinen „Tannhäuser“ am Klavier hielt: „Er war außer sich; er spielte mit den Händen, den Fäusten und dem Ellbogen; er zertrat das Pedal und zerschlug die Tasten.“ Auf der Suche nach zerstörerischen Pianisten muss man in der Geschichte aber gar nicht so weit zurückgehen. Der Legende nach soll der Rock ‘n‘ Roller Jerry Lee Lewis sein Klavier auf der Bühne in Brand gesetzt haben.

Die meisten Pianisten gingen sehr viel liebevoller mit ihren Instrumenten um. Vladimir Horowitz zum Beispiel reiste rund um die Welt mit seinem eigenen Flügel, den er hütete wie seinen Augapfel. Er sprach von ihm als dem „treuen, unzertrennlichen Freund“. Der Flügel war eigens für ihn hergestellt worden und hatte einen erheblich verkleinerten Tastenwiderstand. Auch Heiner Costabél reiste mit seinem eigenen Flügel und ließ sich für den Transport über steile Treppen ein elektrisches Raupenfahrzeug umbauen.

Sonderanfertigungen gab es immer wieder. Queen Victoria bestellte ein reich vergoldetes Klavier, das sie eigenhändig mit Miniaturen ausmalte.

Richard Wagner bekam einen Piano-Sekretär, ein Tasteninstrument als Schreibtisch mit Schubladen. Für die musisch geschulte Hausfrau des 19. Jahrhunderts gab es ein Nähkästchenklavier. Josef Hofmann, klein von Statur, ließ sich zwei Flügel bauen, bei denen die Tastenbreite um eine Spur verringert wurde. Glenn Gould ließ die Mechanik ändern. Außerdem hatte er von seinem Lehrer Alberto Guerrero die Eigenart übernommen, sehr tief am Klavier zu sitzen. Er führte stets einen Klavierhocker mit nur 33 Zentimeter Sitzhöhe mit sich. Mindestens einmal hat er ein Konzert am Boden sitzend gespielt.

Auch heute gibt es Besonderheiten, zum Beispiel einen Linkshänderflügel, bei dem die Saiten, die Tastatur und alles andere seitenverkehrt liegen. Jedes Klavier besteht aus 7100 Einzelteilen und erfordert von den Klavierbauern 120 Arbeitsstunden. Der Aufwand lohnt sich. Mehr als 3 Millionen Menschen besitzen hierzulande ein Klavier. Auch die Statistiken der Musikschulen legen den Schluss nahe: In Deutschland ist das Klavier das beliebteste Instrument.

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