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Spielfreude statt Konkurrenz

Mit dem bescheidenen Motto „Vier Pianisten“ kehren wahre Tastenmagier zum Classic Open Air zurück

RONALD KLEIN

Es war einer der Überraschungsevents des letzten Classic Open Airs. Mit Sebastian Knauer, Martin Tingvall, Joja Wendt und Axel Zwingenberger standen vier Ausnahmepianisten gemeinsam auf der Bühne. Von Konkurrenz keine Spur – es dominierten Leichtigkeit und Spielfreude, die das Publikum umgehend elektrisierten. In diesem Jahr kehren die vier zurück auf die Bühne des Gendarmenmarkts. Was aber verbindet die Musiker? „Wir sind alle Hamburger“, stellt Axel Zwingenberger klar. „Martin Tingvall wurde zwar in Schweden geboren, ist hier aber ebenfalls zu Hause. Joja Wendt kenne ich seit Jahrzehnten. Nach einem gemeinsamen Konzert entstand die Idee, Pianisten unterschiedlicher Spielarten zusammenzubringen. Bei einem ähnlichen Format wirkte ich schon einmal vor 30 Jahren in Portugal mit. Der Reiz liegt darin, dass vier unterschiedliche Charaktere auf der Bühne aufeinandertreffen. Jeder erhält Raum, seine Persönlichkeit darzustellen. Die Dynamik entsteht beim gemeinsamen Spiel, das zu zweit, dritt oder viert stattfindet.“

Die „Generalprobe“ des Events fand bereits im August 2016 in der Hamburger Staatsoper statt. Normalerweise kämpfen die Häuser bei sommerlichen Temperaturen um jeden einzelnen Zuschauer. „Doch die drei Abende waren im Vorfeld ruckzuck ausverkauft“, staunt Zwingenberger noch heute. Schließlich handelte es sich für die Musiker um ein Experiment, bei dem sie jedoch mächtig Spaß hatten. Das ist normalerweise nicht das wichtigste Kriterium für ein Bühnenformat. „Wir hätten es sonst auch im stillen Kämmerlein weitergeführt“, stellt Zwingenberger völlig uneitel fest. Die euphorischen Publikumsreaktionen sprachen jedoch für eine baldige Wiederholung. Die Premiere unter freiem Himmel erfolgte im letzten Jahr auf dem Gendarmenmarkt. Das Geheimnis des Erfolges hat Zwingenberger wie folgt ausgemacht: „Jeder von uns steht wie für ein bestimmtes Musikgenre, aber mit diesem Format erreichen wir ein sehr gemischtes Publikum, das Fans und Neugierige gleichermaßen erreicht.“

Dass die vier ihr vergangenes Programm nicht wiederholen, versteht sich dabei von selbst. „Lediglich am Arrangement hat sich nichts geändert“, stellt Zwingenberger klar. „Auch in diesem Jahr stehen sich zwei Flügel gegenüber.“ Jeder der Musiker präsentiert zu Beginn einen exemplarischen Ausschnitt seines Repertoires. Derzeit stehen weder die Solo-Stücke noch die gemeinsam vorgetragenen Werke fest. Zwingenberger betont, dass sich dies erst kurz vor dem Konzert entscheide.

Bis dahin wird sich intensiv ausgetauscht. Während zahlreiche Musiker heutzutage im Vorfeld gemeinsamer Auftritte Songskizzen über das Internet austauschen, halten es die vier Pianisten ganz klassisch. „Natürlich treffen wir uns zum Proben“, betont Zwingenberger und man sieht ihm die Ausrufezeichen hinter seinem Satz förmlich an. Es scheint, dass dabei das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden wird: „Wir setzen uns an zwei Flügel und jeder macht seine Vorschläge. Diese Art zu proben macht wirklich Spaß: Alle sind mit Eifer bei der Sache und es gibt ein Feuerwerk von Ideen. Der musikalische Ball wird permanent hin- und hergespielt.“

Für Zwingenberger stellt der erneute Auftritt beim Classic Open Air einen der beiden Höhepunkte dieses Sommers dar. Anschließend feiert im August ein von ihm initiiertes Festival das 30-jährige Jubiläum. „Am 8.8.88 haben Vince Weber und ich das Festival The Hamburg Boogie Woogie Connection ins Leben gerufen“, erinnert sich der Musiker. „Das Datum hatten wir bereits viele Jahre zuvor gewählt. Es bezieht sich auf die 88 Tasten des Klaviers. Wir wollten unsere langjährigen Pianistenfreunde, die sich mit Blues und Boogie-Woogie beschäftigen, zu einer Riesenfete an die Elbe einladen. Auch Joja Wendt war damals dabei. Seine Karriere stand quasi in den Startlöchern. Das Treffen wurde schließlich eine euphorische und wilde Session.“

Für Axel Zwingenberger und Vince Weber stand das Einmalige dieser Veranstaltung im Vordergrund. Jedoch erreichten sie schon bald Anfragen, die nach einer Wiederholung schrien. Doch das hätte den Nimbus zerstört. „Wir beschlossen, mit der Fortsetzung acht Jahre zu warten“, zwinkert Axel Zwingenberger. Er hat ganz offensichtlich Spass an solchen Zahlenspielen. 1996 erfolgte dann tatsächlich die nächste Ausgabe. Der Norddeutsche Rundfunk zeichnete auf, die Sendung dauerte fast fünf Stunden. „Damit war die Büchse der Pandora geöffnet“, lacht der Pianist. „Wir beschlossen, jedes Jahr zu einer Boogie-Woogie-Jazz-Session nach Hamburg einzuladen.“

Die große Jubiläumssause startet am 8. August und erstreckt sich über zwei Tage. Mit dabei sind unter anderem Keito Saito aus Japan, die junge Schweizer Pianistin Ladyva und Diz Watson aus New Orleans. Dass der Name Axel Zwingenberger so eng mit dem Boogie-Woogie verknüpft ist, freut den 63-Jährigen zwar. Jedoch stellt er klar, dass sich allein hinter dieser Spielart des Jazz zahlreiche Facetten verbergen. Darüber hinaus ist dem Musiker der Blues sehr wichtig. Beide Richtungen haben Zwingenberger in jungen Jahren sozialisiert. Doch neben der Musik schlägt sein Herz auch für den Schienenverkehr. „Vom Zauber der Züge“ heißt ein bibliophiler Bildband, der mit zwei CDs daherkommt und atmosphärische Fotografien schnaufender Dampfloks enthält.

Einige Musikwissenschaftler gehen davon aus, dass die stampfenden Loks der Southern Pacific Railroad in den 1870er-Jahren die Entstehung des Boogie-Woogie maßgeblich beeinflussten. Soweit würde Zwingenberger nicht gehen. Er betont, dass der rollende Rhythmus vor allem eingesetzt wurde, um die Züge musikalisch zu imitieren.

Die Eisenbahn wird beim Konzert der vier Pianisten keine Rolle spielen – auf packenden Boogie-Woogie und viele andere Musikstile dürfen sich die Zuschauer hingegen freuen.

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