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Vom Fischfilet bis zum Salat

50 Tonnen Wels und 30 Tonnen Gemüse pro Jahr: „AquaTerraPonic“ nennt sich ein nachhaltiges Verfahren in der Stadtfarm. Dort wird die Aufzucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen verbunden. Ein Besuch

08:15

Fütterung. Elias Dering gibt speziell entwickeltes Fischfutter in große Tanks. Die sind Module einer riesigen Anlage, die laut Angaben der Stadtfarm einzigartig in Europa ist. Sie verursacht keinerlei Abwässer. Vom Fischfilet bis zum Salat werden die Bioprodukte in einem geschlossenen Kreislauf produziert, in den im Wesentlichen nur Wasser und Futter eingespeist werden. „Was die Fische bekommen, steht genau in einer Tabelle“, sagt Dering. „Trotzdem muss ich individuell überprüfen, ob sie fressen und wie schnell.“ In sechs Tanks tummeln sich die afrikanischen Welse, die den Ökokreislauf am Laufen halten. „Sie werden sechs Monate alt und jeden Monat umgesetzt.“

09:30 Biologe David de la Mora misst den pH-Wert einer gerade entnommenen Wasserprobe und ist zufrieden. „6,5, ein perfekter Wert“, sagt er. „Wenn er schwankt, kann ich die Wasserqualität mittels der Zugabe bestimmter Zusatzstoffe regulieren, sodass sich Fische und Pflanzen immer wohlfühlen.“ Um Schwankungen gering zu halten, obliegt dem „Fischverantwortlichen“ die Berechnung der Nährstoffbilanz und deren Kontrolle.

10:10 Mit einer großen Mistgabel wendet Marian Krolikowski Regenwürmer. Deren Job ist es, die Ausscheidungen der Fische zu zersetzen und in wertvollen Humus zu verwandeln. „Außerdem sind Regenwürmer quasi die Krankenschwestern der Natur, denn sie sondern ein natürliches Antibiotikum ab.“ Dieses Sekret gelangt in den Kreislauf und stärkt Fische und Pflanzen. Der Einsatz von Hormonen oder synthetischen Antibiotika erübrigt sich dadurch.

10:55 Noch ist im Gewächshaus viel Platz. Damit sich das erfolgreich ändert, plant Gemüsebauer Florian Danke mit einem Kollegen Bestäubung und Schädlingskontrolle der kommenden Saison. „Hier drin gibt es keine natürliche Bestäubung, deswegen müssen wir uns darum Gedanken machen“, sagt Danke. Im Gewächshaus werden saisonale Produkte wie Tomaten, Gurken, Auberginen oder Paprika erzeugt, „Salate und Kräuter bauen wir dagegen ganzjährig an“.

12:25

Markus Haastert fischt ein wenig von der „Kleinen Wasserlinse“, auch Entengrütze genannt, aus einem der Tanks. „Daraus kann man wunderbares Pesto machen“, sagt Haastert, „Entengrütze ist die am schnellsten wachsende Pflanze der Welt, proteinreicher als Soja und außerdem heimisch.“ Genau das Richtige für die Nachhaltigkeitsfans der Stadtfarm also. Haastert ist einer der Gründer und will aus dem Wasserlinsengewächs nicht nur Pesto herstellen. „Wir sind dabei, daraus unser eigenes Fischfutter zu entwickeln, das komplett auf Fischmehl verzichtet“, sagt er. „Dann müssen unsere Welse Vegetarier werden.“

13:35 Lieferfahrer Christian Schulz schwingt sich auf den Sattel. Täglich um die Mittagszeit fährt er mit dem Rad die angerichteten Salate aus, die von der Stadtfarm direkt vom Beet zum Verbraucher geliefert werden. Vielleicht der gesündeste Kantinendienst Berlins. „Man bestellt online, der Koch macht alles fertig, ich bekomme eine Nachricht auf mein Handy und schon geht es los.“ Spätestens 45 Minuten nach der Bestellung wird der frische Salat gebracht, und zwar absolut nachhaltig per Fahrrad. Das Liefergebiet ist deswegen auch auf fünf Kilometer rund um die Stadtfarm begrenzt.

14:45 Lieferant Michael Hornboot kommt regelmäßig auf die Farm. Er hat Nützlinge im Angebot: Raubwanzen und Florfliegen, Raupenmilben oder Schlupfwespen. Auf natürliche Weise erledigen sie den Schutz von Salat, Kräutern und Gemüse vor Schädlingen. Auf der Stadtfarm kommen keine chemischen Keulen zum Einsatz. „Je nachdem welche Pflanzen angebaut werden, ist ein bestimmtes Schädlingsspektrum zu erwarten“, sagt Hornboot, „und ich plane, wie man den Befall so gering wie möglich halten kann.“

15:30 In der Küche schneidet Florian Stockburger Fischfilets in Stücke und zieht sie auf Holzspieße. „Meine neueste Kreation“, sagt der Stadtfarmkoch, „die Fischspieße muss man nur kurz in die Pfanne hauen und hat ein leckeres Mittag.“ Die auf der Farm gezüchtete afrikanische Welsart hat bissfestes und ausgesprochen schmackhaftes Fleisch. „Damit beliefern wir auch immer mehr Restaurants in Berlin“, sagt Stockburger. „Ich lasse die Küchenchefs unseren Fisch gern blind verkosten und meist trudeln bald danach die Bestellungen ein.“ 50 Tonnen Fisch produziert die Stadtfarm jährlich, frisch oder geräuchert wird er freitags direkt vor Ort verkauft.

16:10 Josefine Pöggel packt Räucherfisch, Tomatensoße, Rucolapesto und Paprikasuppen in „Ökokisten“. Haltbare Waren gehen darin in den bundesweiten Versand. Bestellt wird online. „Unser spezielles Isolierungssystem aus Hanfkissen sorgt dafür, dass sogar die tiefgekühlten Cat Böller noch in München kühlschrankkalt ankommen“, sagt Pöggel. Die nach den englisch ‚Catfish‘ genannten Welsen benannten Fischbouletten sind eine Spezialität des Kochs und ein Renner bei den Kunden.

16:55 Regelmäßig sieht Anne-Kathrin Kuhlemann persönlich nach dem Salat. Um zu wissen, ob es Schnittlauch, Asiasalat und Petersilie gut geht, braucht sie eigentlich aber nur ein Tablet. Sensoren in den Gewächshäusern messen ununterbrochen die Fließgeschwindigkeit des Wassers, die Temperatur, Beleuchtungszeiten oder Luftfeuchtigkeit. „Das wird alles in die Cloud gespielt und wir können unsere Pflanzen auf Handys und Tablets in Echtzeit im Blick behalten.“

17:40 Die Berliner Pilotanlage in Herzberge versteht sich als ‚gläserne Farm‘. Besucher sind also willkommen und Anne Vollborn führt sie regelmäßig durch den Betrieb. „Zu uns kommen Menschen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren, Anwohner mit ihren Kindern und viele Gruppen, ob von Universitäten oder Gartenbauvereinen“, sagt Vollborn. Zweimal monatlich finden öffentliche Führungen statt, für die man sich anmelden muss, das Interesse an der noch jungen Stadtfarm war von Anfang an groß. „In der Woche sind wir täglich als Besucherzentrum geöffnet, dann empfange ich hier unsere Gäste und mache gleichzeitig auch den Verkauf.“

Stadtfarm Allee der Kosmonauten 16 (im Landschaftspark Herzberge), Lichtenberg, www.stadtfarm.de

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