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„Ich studiere Hebamme“

Einer der ältesten Frauenberufe der Welt wird zum akademischen Fach

ADRIENNE KÖMMLER


Drei Bewerbungsanläufe – dann hat es endlich geklappt. Juliane Schneider zählt in Berlin zu den Studentinnen, die Hebammenkunde studieren. Wenn alles läuft wie geplant, schließt sie in anderthalb Jahren ihr Studium an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) mit dem „Bachelor of Science of Midwifery“ ab. „Der Wunsch, als Hebamme zu arbeiten, hat sich bei mir ziemlich spontan ergeben. Daraufhin habe ich ein Praktikum im Kreißsaal eines Krankenhauses gemacht. Die Arbeit bei den Geburten und die Form der Tätigkeit haben mich total fasziniert“, erzählt die 27-Jährige begeistert. Für sie stand fest: Das will ich auch.

Duales Studium in Berlin

Der Startschuss für Hebammen mit Hochschulabschluss fiel in Berlin 2013. Für Melita Grieshop, die als Professorin Hebammenwissenschaft unterrichtet und den Studiengang an der EHB leitet, war es höchste Zeit für ein akademisches Niveau der Hebammenausbildung: „Hebammen müssen die Fähigkeit haben, selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten sowie ihre Arbeit überprüfen zu können.“ Selbst Entscheidungen zu treffen, das sei Bachelor-Niveau. „Es sind sehr komplexe Anforderungen. Denn bei dieser Arbeit lässt sich nichts planen, weil Geburten immer wieder anders verlaufen.“

Europaweit gebe es die Studienmöglichkeit schon längst. Deutschland sei ein Schlusslicht. Jährlich bis zu 600 Hebammen werden bundesweit ausgebildet – die meisten in einer der etwa 60 Hebammenschulen. Der Berliner Modellstudiengang vergibt aktuell 30 Plätze pro Jahr. Die Professorin will die Qualität an den Hebammenschulen nicht schlechtreden. Doch es gebe einen Unterschied im Bildungsniveau. „Wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnt man nicht an einer Fachschule“, betont sie. Ausgebildete Hebammen können für den akademischen Abschluss in das fünfte Semester einsteigen und erwerben damit nach vier Semestern den Hochschulabschluss. Das Studium ist dual angelegt. Die Studentinnen erhalten eine Ausbildungsvergütung und lernen im praktischen Teil den Klinikalltag kennen.

Später in die Forschung?

Ein weiterer Vorteil: Künftige Hebammen mit akademischem Abschluss lernen Dinge, die in der Fachschulausbildung nicht inbegriffen sind. „Dazu gehören Projektmanagement oder auch die Umsetzung gesundheitsfördernder Konzepte in der Geburtshilfe“, erklärt Grieshop. Dass eine höhere Qualifikation künftig mit entsprechend angepasster Vergütung verbunden sein müsse, sei ganz klar. Und einen weiteren Aspekt spricht sie an. Hebammen müssten sich stärker in die Forschung einbringen. Denn die gesundheitliche Versorgung hänge sehr vom Forschungsstand ab.

„Durch das Studium erschließen sich mir auf jeden Fall andere Wege“, ist sich Juliane Schneider sicher. Die Möglichkeit, in die Forschung zu gehen, sei durchaus reizvoll. Zumal es viele noch unbearbeitete Themen gebe. „Das war ja bislang eher eine Domäne für die Medizin. Doch das Herangehen an für Hebammen relevante Fragen sollte nicht rein vom medizinischen Blickwinkel erfolgen“, findet die Studentin.

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