Extras

Nur scheinbar klein

Bei Neubau und Sanierung sind sogenannte Mikroapartments groß im Kommen. Das hat seine Gründe

„Stylische Retro-Möbel“, Tischtennisplatte im Waschkeller, „Gaming Raum“ – und natürlich „ein bequemes Plätzchen zum Lernen und zum Entspannen“: Das klingt wie ein klassisches Studentenwohnheim. So versucht „Neon Wood“ auch rüberzukommen. Die Zimmer haben neben Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank auch eine kleine Kochecke. Die Infrastruktur bietet alles, was Studierende brauchen. Direkt am Frankfurter Tor befindet sich „Neon Wood“, in einem kernsanierten Gebäuderiegel aus dem Jahr 1974. Mit zwei dahinter liegenden Neubauten umfasst das Ensemble 485 Studentenwohnungen und 82 Mikroapartments. Dass die Räume so neu und modern daherkommen, hat seinen Preis: Wer sich hier für mindestens ein Jahr einmietet, zahlt für eine 18-Quadratmeter-Bude monatlich ab 635 Euro. Zum Vergleich: das Studierendenwerk Berlin (StW) bietet Unterkünfte für 125 bis 380 Euro im Monat an. Der Haken: Es sind nicht genug im Angebot. Gegenwärtig warten beim StW rund 4300 Studierende auf einen Wohnplatz.

Urbanes Lebensgefühl

Die Mietpreise indes haben für Diskussionen gesorgt. Dabei ging es aber nicht um den Investor Cresco Capital Group, sondern um die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die das ehemals bundeseigene Filetgrundstück im Jahr 2013 privatisiert hat. Für über 15 Millionen Euro ging es über den Tisch. Berliner Politiker hatten gefordert, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) solle das Objekt kaufen, um dort sozialverträgliche Wohnungen zu schaffen. Diese aber kam nicht zum Zug, denn „bei bundespolitischen Entscheidungen seien lokale Interessen nicht zu berücksichtigen“, wie das Protokoll der Sitzung des Bundestags-Haushaltsausschusses vom 2. April 2014 festhält.

In Berlin gibt es bereits 4800 Mikroapartments, 6400 befinden sich im Bau. Das ergab eine Studie von bulwiengesa, ein unabhängiges Analyseunternehmen der Immobilienbranche, Ende 2017. Danach machen Studierende nur rund zehn bis 15 Prozent der Zielgruppen aus. Relevanter für Investoren: Geschäftsleute. Sie müssen regelmäßig an verschiedenen Arbeitsorten sein, pendeln zwischen der Familie auf dem Land und dem Job in der Metropole, haben nur eine befristete Stelle oder sind in Probezeit. Es gibt viele Gründe, ein Mikroapartment zu beziehen – und immer mehr Angebote.

Solche „Mobile Professionals“ hat die Skjerven Group mit dem Projekt „Beautique“ im Blick. In der Eisenzahnstraße, nahe des Kurfürstendamms, baut das Unternehmen ein Wohnhaus aus den 1970ern um. Auf 10 500 Quadratmetern entstehen 281 Mikroapartments. Die Quadratmeterpreise werden mit rund 7500 Euro kalkuliert. Ein Sportclub, Gastronomie und andere Serviceeinrichtungen werden mit dem Wohnbereich verzahnt, womit eine weitere Zielgruppe angesprochen wird: die „Lifestyle-Performer“, junge Leute, die sich gerne ins quirlige Großstadtleben stürzen, sich vernetzen und deshalb in den eigenen vier Wänden nicht viel Platz benötigen. „In unserem Projekt vereinen wir die Ansprüche an modernes Wohnen mit neuester Technik. Über eine eigene App können Hausmeister-Dienstleistungen gebucht oder das Carsharing-Angebot in Anspruch genommen werden“, sagt Einar Skjerven, Geschäftsführer der Skjerven Group. „Gemeinschaftsräume wie ein BBQ-Platz tragen zum urbanen Lebensgefühl bei.“

Eine ähnliche Klientel fokussiert der „Fritz Tower“ ­nahe des Hauptbahnhofs – der erste Wohnturm in Deutschland, in dem ausschließlich Mi­kroapartments untergebracht sind: 266 insgesamt, 21 bis 42 Quadratmeter groß. Sie kosten zwischen 134 320 und 306 980 Euro. Das von der Groth Gruppe entwickelte ­18-stöckige Wohnhochhaus ist Teil eines neuen Quartiers mit rund 1000 geplanten Wohnungen. Auch hier sorgt ein Concierge für persönlichen Service, ein Fitnessstudio befindet sich direkt im Haus. Im Erdgeschoss entstehen ein Bistro und ein Co-Working-Space. „Das Konzept verbindet die Ruhe und Diskretion einer Wohnimmobilie mit dem Service eines guten Hotels“, erläutert Daniela Hargarten, Projektmanager Residential Development beim Immobiliendienstleister JLL, der die Apartments exklusiv vertreibt. „Diese Angebote werden in den Metropolen verstärkt nachgefragt.“

Wohnen wie im Hotel: Je mobiler wir leben und arbeiten, desto mobiler wird unser Konzept vom Zuhause. Man muss es sich aber leisten können.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.