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Ein Nukleus urbaner Kunst

Seit der Eröffnung im vergangenen Jahr erfreut sich das „Urban Nation Museum for Urban Con­tem­po­rary Art“ an der Bülowstraße in Schöneberg großer Beliebtheit. Auch vor der Tür des Hauses ist Kunst zu sehen. Ein Besuch

Geht das überhaupt? Ein Museum für Stadtkunst, für Straßenkunst, für Fassadenkunst. Eine Kunst im musealen Raum zu zeigen, die oftmals Stundenkunst oder Tageskunst ist, übersprayt und übermalt von den nächsten Künstlerinnen und Künstlern? Von der die Puristen dieses Genres behaupten, sie müsse in der Illegalität stattfinden. Und die von anderen schlicht als Vandalismus betrachtet und geächtet wird.

„Wir wussten, es ist ein heikles Unterfangen. Aber wir wollten der Geschichte dieser oftmals im Verborgenen agierenden Kunstbewegung ein Haus geben. Und gleichzeitig eine Stätte für Auseinandersetzungen und Diskussionen schaffen. Vor zehn Jahren habe ich das Konzept geschrieben, anschließend mit Hunderten Künstlerinnen und Künstlern dieses Genres darüber diskutiert, dann vier Jahre an der Realisierung des Projektes gearbeitet. Jetzt sagen wir: Ja, es funktioniert.“ Voller Energie, Vehemenz und Begeisterung spricht Museumsleiterin Yasha Young über das Projekt an der Ecke Bülowstraße und Zietenstraße in Schöneberg.

Mehr als 150 Ausstellungen hat die 45-Jährige bereits kuratiert. Sie sagt, sie komme aus der Skater- und Punkszene in New York. Wenn sie über die Bedeutung der Vernetzung spricht, die übergreifenden Themen wie Förderung dieses Kunstgenres, die Unterstützung nicht nur der Schaffenden, sondern auch der Vermarktenden, dann wird schnell klar, was für eine global denkende und lebende Frau sie ist.

„Wie ein Nukleus“ versteht sie das Haus, in dem nach jahrelangem Prozess mit zehn Kuratorinnen und Kuratoren, nach unzähligen Diskussionen, Onlineforen und Treffen schließlich 134 Werke Eingang in die Eröffnungsausstellung fanden, aufgeteilt in verschiedene Abteilungen wie Pop, Nature, Realismus oder Aktivismus.

Das von Graft Architekten zum erlebbaren Museum umgebaute Gründerzeithaus ist eine Art Keimzelle für zeitgenössische Stadtkunst. Es gehört zum Konzept, das bereits entlang des Straßenzuges weitere größere und kleinere Kunstwerke auf Fassaden und Plakatwänden aufmunternd das unifarbene Fassadenbild auflockern. Auf mehr als einem halben Dutzend dieser riesigen Putz-Leinwände erstrahlen auf Fassaden in der ganzen Stadt großflächige Kompositionen. So gerät selbst die Fahrt auf dem Hochbahnviadukt der Linie U2 zum rasanten Ausstellungsbesuch, wenn man den richtigen Blickwinkel aus dem Fenster wählt.

Da wundert es nicht, dass die Bemalung der Außenhaut des Urban Nation Museums sich mehrmals im Jahr ändert. Drinnen empfängt ein Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum kostenlosen Besuch. Was für ein Interesse an dieser Kunstform besteht, beweisen die Besucherzahlen. Durchschnittlich 600 Menschen kommen pro Öffnungstag, das sind auf das Jahr hochgerechnet mehr als 180.000. Damit befände sich das Urban Nation unter den Top 20 der Berliner Museen.

„Urban Nation bist du + bin ich = sind wir“, heißt es in einem Manifest, erstellt von Künstlern und Kuratoren des Museums. In ihm geht es um Vielfalt der Nationalitäten, um Freiraum und Visionen. „Unser Haus ist eine Art Ort für das kollektive Gedächtnis einer zeitgenössischen urbanen Kunst“, sagt Yasha Young. Im Museum wird ein Zeitbogen von etwa 30 Jahren gespannt, obwohl man auch früher hätte anfangen können.

Etwa in der Underground-Comic-Kultur der späten 60er-Jahre in den USA, Young nennt Robert Crumb. Und natürlich zählten auch Künstler wie Andy Warhol mit seiner Factory, Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat zu den Gründern dessen, was heute unter Urban Art firmiert. Auf zwei Stockwerken wird die Kunst im Eckhaus präsentiert. Das wurde von Graft Architekten komplett entkernt und mit Galerien und einer spektakulären, alles verbindenden Brücke über zwei Etagen zu einem grandiosen Ausstellungsraum gestaltet. „Diese Brücke ist zugleich Metapher für unsere Arbeit, denn wir wollen verbinden, die Menschen und die Kunst, die Schaffenden und die Betrachtenden“, erklärt Yasha Young. Durch die Entkernung entstand der nötige Platz für die großformatigen, teilweise fünf Meter hohen Arbeiten.

Das Spektrum reicht von Einzelarbeiten wie der meterhohen Arbeit von Shepard Fairey im Eingang über Gruppenarbeiten wie von „The Weird“ aus Deutschland bis zu Skulpturen wie der des Künstlers Haroshi aus Japan. Die Figur eines Skateboarders ist aus Hunderten kleinen Dreiecken zusammengesetzt, die der Künstler aus Skateboards recycelt hat. Oder die aus unzähligen leeren Spraydosen hergestellte Plastik „1Up“ der gleichnamigen Berliner Street-Art-Gruppe. Auch Arbeiten der Ikonen wie Banksy oder JR sind zu sehen.

Auch Texte und Titel spielen eine wichtige Rolle

Häufig überlappen sich die Genres, vereinen die Arbeiten etwa Gegenständlichkeit und Konzeptkunst. Texte oder Titel spielen eine wichtige Rolle.

Etwa wenn der Künstler Faust postuliert „Creativity is an act of defiance“. Das englische Wort defiance hat für Yasha Young, und auch lexikalisch, verschiedene Bedeutungen: „Missachtung, Trotz und Herausforderung. Alles wichtige Elemente, aus denen urbane Kunst entsteht.“

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