Bühnen

„Wir stellen uns die Dinge als intelligent vor“

Das Figuren- und Objekttheater Schaubude Berlin feiert sein 25-jähriges Jubiläum

RONALD KLEIN

Ende der 50er-Jahre prägte der Entwicklungspsychologe Jean Piaget den Begriff Animismus. Gemeint ist damit eine Entwicklungsstufe des Kindes, das zwischen dem zweiten und siebenten Lebensjahr Dingen menschliche Eigenschaften zuschreibt und sie als lebendig begreift. Die Kunst- und Designwissenschaftlerinnen Judith Dörrenbacher und Kerstin Blüm sprechen in Bezug auf neueste Entwicklungen in der Produktwelt von „Techno-Animismus“. Geräte werden reaktiv und entscheidungsfähig konstruiert. „Unser Verhältnis zu Dingen verändert sich massiv“, stellt Tim Sandweg, künstlerischer Leiter der Schaubude Berlin, fest. „Ein Smartphone reagiert, wenn ich mit ihm rede. Wir sind gewohnt, dass die Umwelt uns spiegelt.“

Die Schaubude reflektiert diese Entwicklung seit Jahren in Produktionen, die das Format des klassischen Figuren- und Objekttheaters sprengen. Unter dem Motto „Digital ist besser“ entstanden Stücke, die die Auswirkungen moderner Technik auf das Alltagsleben und das Theater untersuchen. „Die Auseinandersetzung mit dem Digitalen ist beim Theater der Dinge naheliegend“, erklärt Sandweg. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums erfolgt die Wiederaufnahme dieser Produktionen ab Ende Februar in Form eines einwöchigen Showcase. Mittlerweile scheinen sich die Traditionen des Objekttheaters und der „Techno-Animismus“ im Alltag anzunähern: „Es ist fast egal, ob es die Künstliche Intelligenz irgendwann gibt“, sagt Sandweg. „Wir stellen uns die Dinge ohnehin intelligent vor. Das ist eine neue gesellschaftliche Grundvereinbarung. Das Puppen- und Objekttheater hat aber schon eine deutlich längere Tradition, sich Dinge als lebendig vorzustellen.“

Intelligente Gegenstände erscheinen auch beim nächsten Geburtstagsevent vom 16. bis 20. Mai. Das katalanische Ensemble Cabosanroque lädt zu einer faszinierenden Klanglandschaft mit selbsttätig tippenden Schreibmaschinen, klingenden Gläsern, dröhnendem Licht, atmenden Papierbergen und klirrenden Zollstöcken aus Metall. Die Objekt- und Soundinstallation „No em va fer Joan Brossa“ setzt sich mit dem poetischen Universum des experimentellen Dichters, Grafik- und Plastikkünstlers Joan Brossa (1919–1998) auseinander, der während des Spanischen Bürgerkriegs zu schreiben begann.

Das Jubiläumsjahr endet im November mit dem Festival „Theater der Dinge“, das unter dem Motto „Von der verlorenen Zeit“ die Konstruktion von Geschichte und Gedenken beleuchtet. Zugleich bietet das Festival einen Überblick über neue Entwicklungen des Objekttheaters.

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