Berlin

Die Pflege bleibt mangelhaft

Der Qualitätsbericht der Krankenkassen zieht eine ernüchternde Bilanz bei Heimen und ambulanten Diensten

Berlin. Zehntausende Pflegebedürftige werden in Deutschlands Heimen Opfer mangelhafter Betreuung. In einigen zentralen Bereichen hat sich die Qualität der Pflege binnen weniger Jahre sogar verschlechtert, wie ein am Donnerstag in Berlin präsentierter Qualitätsbericht der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) zeigt. Bewertet wurde die Versorgung in den rund 13.300 Pflegeheimen und durch 12.800 ambulante Pflegedienste. Die Bilanz fußt auf den Prüfungen im Jahr 2016 und ist ernüchternd: Gute Versorgung ist noch längst nicht selbstverständlich. Trotz insgesamt guter Ergebnisse gebe es „Fehlentwicklungen“, sagte Gernot Kiefer, Vorstand des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). In Berlin gibt es nach Angaben der Gesundheitsverwaltung 116.000 Pflegebedürftige, 600 ambulante Einrichtungen, 400 Heime und 600 Wohngemeinschaften. 75 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt.

Laut Qualitätsbericht der Krankenkassen gibt es in Deutschland bei jedem vierten Heimbewohner, bei dem Wunden versorgt werden mussten, hygienische Mängel oder Probleme mit der Druckentlastung. Drei Jahre zuvor war es noch bei jedem Fünften. Bei jedem Vierten wurde das Gewicht nicht kontrolliert, obwohl die Gefahr eines Gewichtsverlustes bestand (2013: bei jedem Zehnten). Bei Druckgeschwüren gibt es zwar leichte Verbesserungen bei der Vorbeugung. Doch noch immer wurden bei jedem fünften Patienten wichtige prophylaktische Maßnahmen versäumt. Mehr noch: Bei jedem sechsten Heimbewohner, der unter Schmerzen leidet, wurden diese nicht systematisch vom Pflegepersonal eingeschätzt und damit unprofessionell behandelt. Bei jedem 20. Bewohner gab es zudem Mängel bei der Körperpflege.

Erhebliche Missstände stellten die Prüfer auch bei den ambulanten Diensten fest – nicht nur bei der Betreuung der Patienten. So rechnete mehr als ein Drittel seine Leistungen nicht korrekt ab. Bei knapp sieben Prozent gab es gehäufte Auffälligkeiten, also bei immerhin rund 900 Anbietern bundesweit. Die Pflegedienste berechneten beispielsweise nicht erbrachte Leistungen bei der Körperpflege oder setzten Hilfskräfte statt Fachpersonal ein.

In den Koalitionsverhandlungen haben sich Union und SPD immerhin auf ein Sofortprogramm gegen den Personalnotstand geeinigt – mit 8000 neuen Stellen für die Altenpflege. Umgerechnet auf 13.000 Heime bedeutet das allerdings weniger als eine neue Stelle pro Einrichtung. Das sei nicht mehr als „ein Tropfen auf den heißen Stein“, beklagte die Caritas. Die Linken im Bundestag sprachen von „scheinheiligen“ Vorschlägen. Union und SPD wüssten genau, dass in der Altenpflege mindestens 30.000 Stellen fehlen. Der aktuelle Bericht zeige, dass die Qualität der Versorgung in den Bereichen abnehme, in denen professionelle Pflegekräfte fehlen. Am Donnerstag verabredeten die möglichen Koalitionspartner zudem, das Tarifgesetz zu ändern, um leichter gegen den bundesweiten Flickenteppich bei den Tariflöhnen in der Altenpflege vorzugehen. „Wir wären einen großen Schritt weiter, wenn alle Träger nach Tarif bezahlen würden“, sagte SPD-Unterhändlerin Carola Reimann der Berliner Morgenpost.

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