Extras

Kollege Roboter

Maschinen übernehmen immer mehr Jobs. Zukunft haben vor allem Berufe, die viel Empathie und Kreativität erfordern

Die Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne stellten in ihrer berühmten Studie „Die Zukunft der Beschäftigung“ 2013 die These auf, dass in den kommenden 25 Jahren rund 47 Prozent der Jobs in den USA verschwinden, übernommen von Robotern und künstlichen Intelligenzen. Was das auf Deutschland übertragen bedeutet, wollte Dagmar Trüpschuch von Franz Kühmayer wissen. Er ist Lehrbeauftragter und Trendforscher mit dem Schwerpunkt „Zukunft der Arbeit“ am Zukunftsinstitut Wien.

Berliner Morgenpost: Welche Berufe könnten auch hierzulande überflüssig werden?

Franz Kühmayer: Auch in Deutschland wird der überwiegende Teil der Arbeitsplätze von Digitalisierung betroffen sein. Niedrig qualifizierte Jobs mit hohem Routineanteil sind hoch gefährdet. Wenn man sich ansieht, was Maschinen heute schon können und mit welcher Rasanz sie neue Fähigkeiten erlernen, wird klar, dass die Entwicklung dort nicht aufhört. Kollege Roboter wird bald selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehören. Hinzu kommt, dass auch top qualifizierte Jobs durch den Wandel betroffen sind. Ein Beispiel: Algorithmen sind inzwischen besser darin als menschliche Ärzte, bestimmte Erkrankungen zu erkennen. Das bedeutet nicht, dass wir in Zukunft keine Ärzte mehr brauchen, sondern dass sich das Berufsbild verändern wird.

Welche Berufe sind nicht ersetzbar?

Andersrum: Welchen Job würden Sie gerne einem Roboter wegnehmen? Wir Menschen sind soziale, schöpferische Wesen. Glücklicherweise ist auch auf lange Sicht nicht zu erwarten, dass diese beiden Eigenschaften von Maschinen ausgehen werden. Menschliche Arbeit wird also künftig vor allem bei empathischen, kreativen Aufgaben zum Tragen kommen. Der Wandel bringt uns unserer Menschlichkeit näher. Paradoxerweise nimmt uns Digitalisierung zwar die Arbeit weg, wir können aber froh darüber sein!

Was raten Sie angesichts des rasenden technologischen Wandels für die Berufswahl?

Erstens: Scheuklappen gegenüber dem Wandel abzulegen. Wer glaubt „Meinen Job kann kein Computer machen“, hat das Rezept fürs böse Erwachen in der Hand. Zweitens: ernsthafte Auseinandersetzung mit Digitalisierung: Wie ist der Beruf, den man vor Augen hat, betroffen? Reizt ein Beruf, der durch den Wandel besonders gefragt ist? Jedenfalls sich damit anfreunden, dass es den Job, den man gerade ausübt oder für den man aktuell lernt, in 15 bis 20 Jahren so nicht mehr geben wird. Drittens: sich darauf einstellen, immer wieder Neues zu lernen.

Welche Studiengänge sollte man belegen? Raten Sie zu einer Spezialisierung?

Eine gute Ausbildung erkennt man daran, dass sie wie eine Reißzwecke ist: breite Aufstandsfläche und an einer Stelle tiefer gehen. Von einer hochgradigen Spezialisierung auf Kosten einer breiten Allgemeinbildung rate ich ab. Außerdem: Nicht fragen, welchen Job man später mal ergreifen will, sondern welches Problem man lösen möchte. Das verändert den Blickwinkel und führt zum breiteren Kontext.

In welchen Bereichen werden künftig neue Jobs entstehen?

Daten sind das neue Gold. Daher sind Daten-Experten und Informatiker besonders gefragt. Parallel dazu sind jene Berufe im Aufschwung, die helfen, den Wandel zu begleiten: Berater, Trainer, Organisations-Entwickler. Die Analogie zum Goldrausch hat auch eine andere Seite: Durch Goldschürfen ist man am Yukon nur in den seltensten Fällen reich geworden, gut verdient haben die Anbieter von Spitzhacken. Daraus kann man lernen, die Perspektive nicht zu verengen.

Was kann man tun, um seine Chancen auf dem digitalen Arbeitsmarkt zu verbessern?

Was hilft, sind Neugierde, Aufgeschlossenheit, Veränderungsbereitschaft. Was bereichert, ist Lernwille. Was heute und auch in Zukunft gefragt sein wird, ist Leistung.

Wie werden unsere Arbeitsplätze in 20 Jahren aussehen?

Der digitale Wandel wird auf ganz selbstverständliche Weise in den Hintergrund gerückt und in den Alltag integriert sein. Wir werden mit Maschinen auf Augenhöhe umgehen. Wir werden unsere Lebenszeit nicht mit drögen Routineaufgaben zubringen, sondern mit erfüllenden Tätigkeiten. Und wir werden staunend zurückblicken: Unglaublich, damit haben sich Menschen beschäftigt?

Je höher die berufliche Qualifizierung, umso weniger ist der Beruf substituierbar – kann man sich an diese Regel halten ?

Nein, das Ärzte-Beispiel ist Beweis dafür, und Ähnliches gilt auch für andere Jobs. Wir können Computern, die Machine Learning und Artificial Intelligence beherrschen, nicht durch kognitive Leistung davonrennen, sondern nur durch unsere menschlichen Kompetenzen. Es wird mehr humanistische Bildung brauchen und weniger berufsorientierte Ausbildung. Eines ist aber auch klar: Dass geringe Qualifikation ein Garant für Jobsicherheit wäre, kann hoffentlich niemand ernsthaft annehmen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.