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Den Neustart wagen

Viele Menschen träumen davon, aus dem Job auszusteigen und etwas anderes zu machen. Aber die wenigsten trauen sich

Der Hamburger Karrierecoach, Psychologe und Autor Tom Diesbrock erklärt, welche Hindernisse im Kopf uns von einem Neustart abhalten.


Berliner Morgenpost:
Ich kenne viele Menschen, die mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden sind, sie aber nicht verändern. Sie erleben diese Leute jeden Tag in Ihrer Praxis. Warum sind wir so träge, wenn es darum geht, neu anzufangen?
Tom Diesbrock:
Mir fällt auf, dass die Leute meistens keine genaue Vorstellung davon haben, was für eine Veränderung sie eigentlich wollen. Reicht eine kleine oder muss es eine große sein? Sie denken aber, sie müssten diese Entscheidung sofort treffen, ohne klare Alternativen entwickelt zu haben. Dann sind sie blockiert und richten sich dauerhaft in ihrer Unzufriedenheit ein.


Was blockiert sie denn?
Jemand ist womöglich der Meinung, sein Job passe nicht zu ihm und gebe ihm nicht genug Sinn. Also sehnt er sich nach etwas Neuem. Gleichzeitig wird er aber mit seinen Ängsten und Zweifeln konfrontiert. Wer sich durch diesen inneren Konflikt blockieren lässt, ist nicht mehr in der Lage, mit nüchternem Blick seine Chancen abzuwägen.
Trotzdem sollte man meinen, wenn der Leidensdruck nur hoch genug ist, wird man sich schon bewegen.

Leider nicht. Wir sind nun einmal so gebaut, dass wir instinktiv einen unbefriedigenden, aber vertrauten Status quo, einer vagen Situation mit unbekannten Risiken vorziehen. Dahinter steckt, was ich als „Prägnanzdilemma“ bezeichne: Egal, wie attraktiv eine Alternative uns auch erscheint – je weniger prägnant sie für uns ist, desto geringer die Chance, dass wir uns für sie entscheiden.
Das würde bedeuten, dass ein beruflicher Neuanfang von vornherein unmöglich ist.
Nicht, wenn man sich die Alternativen prägnant macht. Wenn man konkret fragt: Was genau will ich tun, wie komme ich dorthin und wie sieht ein Plan B aus? Solange der Weg im Nebel liegt, wird mir die Entscheidung, ihn zu gehen, immer schwerfallen. Ich höre allerdings nur selten von Veränderungswilligen, dass sie sich wirklich mit möglichen Alternativen beschäftigt haben. Die meisten grübeln nur, schauen sich ein bisschen um und sagen dann: Ich habe ja sowieso keine Chance. In Wirklichkeit haben sie kalte Füße.


Und Ihr Job ist es dann, ihnen Mut zu machen?

Vor allem helfe ich Menschen, sich zu sortieren und strukturiert vorzugehen. Auf einer „Bedenkenliste“ sammeln sie, was sich dem Veränderungsprozess mental in den Weg stellt. Denn man kann richtig gute Ideen haben – wenn man aber seinen Widerständen und Bedenken das Steuer überlässt, wird man wahrscheinlich nicht weit kommen. Die Bedenkenliste soll dabei helfen, den Kopf frei zu bekommen für die konstruktiven Überlegungen. Den meisten fällt es leichter, zu sagen, was sie nicht wollen, als zu sagen, was sie lieber wollen würden. Am Anfang leite ich die Leute an, ein genaues Interessenprofil zu entwickeln: Was mache ich gern, was interessiert mich? Dies ist eine gute Grundlage, um daraus mögliche Tätigkeiten zu entwickeln.


Finden Sie nicht, dass die Angst, sich nicht ausreichend zu verwirklichen, heute übertrieben groß ist?

Ich wäre da vorsichtig. Klar, jahrhundertelang diente Arbeit lediglich dem Lebensunterhalt. Im Vergleich dazu könnte einem unsere heutige Beschäftigung mit der Frage, ob uns das, was wir tun, auch erfüllt, als Luxus erscheinen. Ich finde, man sollte seine Arbeit im Großen und Ganzen schon gern tun. Denn wer möchte eines Tages feststellen, dass er viel Lebenszeit verschwendet hat?

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