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Männer gesucht

Von wegen Frauensache: Umschulung zum Erzieher

Manchmal, wenn Erzieher Carlos keine Lust auf Puzzlespielen und Basteln hat, macht er laute Salsamusik an. Dann tanzt und tobt er mit den Kitakindern zu karibischen Rhythmen, bis allen die Puste ausgeht. "Das ist vielleicht ungewöhnlich, aber die Kinder lieben Carlos über alles – und gleichzeitig kuschen sie vor ihm, weil er eine natürliche Autorität ausstrahlt", sagt Julia Strese, deren fünfjähriger Sohn eine bilinguale spanisch-deutsche Kita in Charlottenburg besucht.

Auf die insgesamt rund 200 Kinder kommen 25 weibliche und zwei männliche Erzieher. Auch wenn sie die Erzieherinnen sehr schätzt, würde Julia Strese sich mehr männliche Betreuer wünschen: "Ich fände es toll, wenn das Geschlechterverhältnis 50/50 wäre, weil Männer einfach einen Gegenpol darstellen." In die Gruppe ihres Sohnes, die mit einem deutlichen Jungenüberschuss eher wild war, sei durch den vor einem halben Jahr neu hinzugekommenen Erzieher viel mehr Ruhe hineingekommen: "Natürlich weiß ich nicht, ob das einfach an seiner entspannten Art liegt – oder vielleicht doch, weil er ein Mann ist. Auf jeden Fall sind wir alle ganz glücklich mit ihm."

Männeranteil: 5,2 Prozent

50 Prozent Männeranteil in der Kinderbetreuung, das bleibt bis auf Weiteres utopisch. Der Anteil der Männer am Betreuungspersonal ist gering – immerhin steigt er seit einigen Jahren deutlich an. 2016 waren nach Auswertungen des Statistischen Bundesamtes 5,2 Prozent Männer in der Kinderbetreuung beschäftigt, fünf Jahre zuvor lag der Anteil bei nur 3,6 Prozent. Eine gute Entwicklung, aber klar, dass da noch Luft nach oben ist.

Das Hauptproblem, warum viele Männer kein Interesse am Erzieherberuf hätten, seien die schlechte Bezahlung und die geringen Aufstiegschancen, sagt Dirk Thiel (der gerade eine neue Stelle angetreten hat, und deshalb seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte). Der gelernte Großhandelskaufmann sattelte mit Mitte 30 um und arbeitet seit fast 14 Jahren als Erzieher. Durch eine Zusatzausbildung als Facherzieher für Integration kann er außerdem mit Kindern mit Beeinträchtigungen arbeiten.

Leider schlügen sich seine Erfahrung und die vielfältigen Anforderungen des Berufs nicht auf dem Gehaltszettel nieder, sagt Thiel, und trotzdem: "Ich habe es bis heute nicht bereut, Erzieher zu werden." Er schätzt vor allem die Vielfalt: Ob in Kitas, in Wohngruppen oder im Freizeitbereich an Schulen – überall werden Erzieher gesucht, und das Wechseln zwischen den einzelnen Einrichtungen sei kein Problem.

Er selbst arbeitet seit 10 Jahren im Hortbereich, hier ist er für die Freizeitgestaltung und die gemeinsamen Mahlzeiten zuständig, organisiert Ausflüge, unterstützt die Schüler während des Unterrichts, vermittelt bei Auseinandersetzungen und ist für die Inklusionskinder da. Vor allem gehe es immer wieder darum, Sozialkompetenzen einzuüben. "Das ist alles sehr komplex, man braucht schon etwas Empathie für den Job. Ansonsten sind Alter und Erfahrung hier echte Pluspunkte. Diejenigen, die nicht in ihrem Job bleiben können oder wollen, finden hier also eine tolle Perspektive." Außerdem könne man fast alle Hobbys und Kenntnisse aus vorausgehenden Jobs mitbringen und gewinnbringend einsetzen: Ob man(n) vorher Schauspieler war, Tischler, IT-Techniker oder Koch — fast alle Fähigkeiten sind willkommen und können an der einen oder anderen Stelle einfließen.

Kinder profitieren

Und wie fühlt sich Erzieher Thiel in einem vermeintlich typischen Frauenberuf? "Von Anfang an war klar, dass ich mich nicht auf Fußball und Technik reduzieren lasse. Ich wische genauso Tische ab und vermittle bei Streits. Allerdings mache ich tatsächlich viel Sport und biete deshalb vielleicht mehr Bewegung an als andere."

Unterschiede zwischen den Geschlechtern erlebt Thiel besonders bei Konflikten: "Ich will nicht pauschalisieren, aber Männer reagieren häufiger mit einem 'Stop', es darf auch mal geschimpft werden. Die Kolleginnen hingegen wollen meist lieber schlichten. Auch die bei Männern generell lautere Stimme macht einen Unterschied – man kann sich einfach leichter Gehör verschaffen." Dirk Thiel beobachtet auch, dass bei Schülern mit alleinerziehenden Müttern nicht selten männliche Bezugspersonen fehlen. Klar, dass diese Schüler die Nähe zu männlichen Erziehern suchen, auch um in Konfrontation zu gehen und Grenzen auszutesten.

Dirk Thiel ist froh, dass er in seiner aktuellen Arbeitstelle nicht der einzige Mann ist. "Ganz allein die Hahn-im-Korb-Rolle, das wäre nichts für mich. Und auch die Kinder profitieren, wenn sie mit weiblichen und männlichen Erziehern gleichermaßen zu tun haben."

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