Bühnen

Ohne weihnachtliche Klischees

Die Neuköllner Oper bringt mit „Wolfskinder“ eine Bearbeitung von „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne

MARTINA HELMIG

Normalerweise hat „Hänsel und Gretel“ zu Weihnachten Hochkonjunktur. Anders als die großen Opernhäuser beschäftigt sich die Neuköllner Oper erst im Januar mit Engelbert Humperdincks Oper. An der Karl-Marx-Straße wird das romantische Märchenspiel ganz ohne weihnachtliche Klischees aufgeführt und gehörig gegen den Strich gebürstet. Niedliche Tiere und ein zauberhaftes Lebkuchenhaus wird man in Ulrike Schwabs Inszenierung wohl vergeblich suchen.

„Mich hat in dem Märchen immer besonders diese Verlorenheit der beiden Geschwister beschäftigt, die ganz auf sich allein gestellt sind, ohne Eltern, ohne Orientierung. Sie müssen sich durchschlagen in einer verwilderten Welt“, erklärt die Regisseurin. Bei der Auseinandersetzung mit der Oper ist sie auf die Geschichte der Wolfskinder gestoßen. So nennt man die ostpreußischen Kinder, die im Zweiten Weltkrieg ihre Eltern und ihre Heimat verloren. Traumatisiert durch die Schrecken des Krieges und halb verhungert irrten sie manchmal jahrelang durch die Wälder Richtung Litauen. „Nach und nach gaben sie ihre Sprache, ihre Identität, sogar ihre Namen auf – alles, was sie ausmachte“, so Ulrike Schwab.

Die junge Regisseurin, die in der Vergangenheit als Sopranistin an der Deutschen Oper Berlin wirkte, hat verschiedene Biografien solcher Wolfskinder recherchiert. Diese Schicksale haben sie seither nicht mehr losgelassen. Schwab entwickelte die Idee, Humperdincks Märchenoper mit der Geschichte dieser Kinder zu verknüpfen. Tobias Schwencke und Markus Syperek haben die Musik neu arrangiert. Am 25. Januar findet die Uraufführung von „Wolfskinder“ statt.

Die Erzählung beginnt an der Neuköllner Oper in einer Nacht nach dem Krieg. Sieben Schwestern, die ihre Angehörigen verloren haben, erzählen sich das Märchen von Hänsel und Gretel, um sich von ihrer grauenvollen Lage abzulenken. Am 25. Januar findet die Uraufführung von „Wolfskinder“ statt.

Tobias Schwencke und Markus Syperek haben die Musik der großen romantischen Oper für ein kleines Ensemble neu arrangiert. Angela Braun, Ildiko Ludwig, Isabelle Klemt, Maja Lange, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli und Amélie Saadia spielen die sieben Schwestern. Die Sängerinnen sind gleichzeitig auch Instrumentalistinnen. „Wir haben ein tolles Ensemble zusammengestellt“, freut sich die Regisseurin. „Ich glaube, dass diese sieben Frauen wirklich etwas sehr Starkes auf die Bühne bringen können.“