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Mehr als nur eine Tasche

Angeblich ist die Handtasche für Frauen eine Erweiterung ihres Selbst. Das neue Buch „Taschenliebe“ gibtintime Einblicke

Es war ein Tag im Sommer 2012, als mein Selbstbild als Frau einen Riss bekam. Wir waren im Urlaub in Stockholm. Ein Laden für Möbel und Design. „Ist die nicht schön“, rief mein Mann und zeigte auf eine Handtasche aus Leder. Es war ein Schmuckstück, schlicht, aber elegant. Sie hatte zwei Henkel, die lang genug waren, um sie sich über die Schulter zu hängen. Sie war sogar groß genug, dass eine Zeitung hineinpasste. Kurzum: Sie passte wirklich perfekt zu mir. Bevor ich das selber erkannte, hatte er sie mir schon gekauft.

Die sei doch viel schöner als mein Kängurubeutel, bemerkte er augenzwinkernd mit Blick auf meine Tasche. Ein Ledersack, in den man alles reinwerfen konnte, was man so braucht. Kein Hingucker, aber praktisch. Mein Mann mochte diesen „Beutel“ noch nie. Später gestand er mir, er hätte nur auf eine Gelegenheit gewartet, um ihn zu entsorgen. Warum, das sagte er nicht. Ich las es in seinem Gesicht. Eine Frau ist erst dann eine Frau, wenn sie eine Handtasche hat.

So etwas nagt am Ego. Dass ich für die Tasche Aaahs und Oohs erntete, machte die Sache nicht besser. Ein tolles Teil sei das, sagten Freundinnen. Richtig erwachsen sähe ich damit aus. Andere hätten sich über das Kompliment gefreut. Mich machte es wütend. Ich war all die Jahre gut ohne Handtasche gefahren. Ich war ohne um die ganze Welt gereist. Und hatte mir etwas gefehlt?

Ich bin nicht die Einzige, die sich diese Frage schon gestellt hat. Die Frau und ihre Handtasche, das ist ein Mysterium. Ein Missverständnis, um es prosaischer zu formulieren. Das ist die Botschaft eines Buches, das die Berliner TV- und Radiomoderatorin Manuela Reichart herausgegeben hat. 20 Berliner Autorinnen – von Judith Hermann bis Tanja Dückers – haben über ihr Verhältnis zur Handtasche geschrieben, die einen literarisch, die anderen autobiografisch. „Taschenliebe“, so heißt dieses Lesebuch. Wobei das mit der Liebe so eine Sache ist. Hassliebe trifft es wohl besser.

65.000 Euro für eine gebrauchteHandtasche – Wer bezahlt das?

Es geht in diesem Buch um die Frage, wohin mit den Siebensachen, die die berufstätige Frau von heute so braucht. Handy und Portemonnaie, Kopfhörer und Haustürschlüssel, Taschentücher und Hustenbonbons, Müsliriegel und Labello. In die Hosentaschen passt das nicht. Aber wer würde deshalb Hunderte, wenn nicht gar Tausende Euros ausgeben, um sich als wandelnde Werbeträgerin für Louis Vuitton, Gucci oder Hermès prostituieren zu dürfen?

Diese Frage hat sich Manuela Reichart gestellt, als sie im Internet auf die Seite des Auktionsportals Christie’s stieß, genauer: auf den Handbag-Shop. Manuela Reichart mag schöne Dinge. Ihr blieb aber die Luft weg, als sie sah, was so eine gebrauchte Birkin Bag kosten kann, der Mercedes unter den Design-Handtaschen. 65.000 Euro. Wer zahlt solche Preise, fragte sie sich. Und sie las, dass es Frauen sind wie jene Pariser Investmentbankerin, die ein Exemplar in Pink gekauft hatte, als Wertanlage für ihre dreijährige Tochter. Schön in Samt eingeschlagen und ab in den Safe.

Für ihre eigene Handtasche, schätzt Manuela Reichart, hat sie höchstens 250 Euro ausgegeben. Genau genommen ist es ein Beutel, groß genug, dass auch ein Notebook hineinpasst. Mit diesem Sack geht sie durch dick und dünn. Oder er mit ihr. Wer weiß das schon genau. Das Leder ist außen schon ein bisschen abgewetzt, aber hey, sind es nicht gerade diese Gebrauchsspuren, die so ein Fabrikat zum Unikat machen? Manuela Reichart sagt: „Den trage ich, bis er sich auflöst.“

Sie fragte Berliner Autoren, was sie mit ihrer Handtasche verbindet. Und vielleicht war sie auch ein bisschen neugierig. So eine Handtasche birgt ja immer ein Geheimnis. Ihr Inhalt verrät viel über ihre Besitzerin. Handgeschriebene Briefe oder Notizen in einem Kalender, eine Muschel als Souvenir an den letzten Urlaub am Meer. Ein platt gewalztes Kaubonbon. Ein Hauch von CK One in einem Halstuch. Öffne mir deine Handtasche, und ich sage dir, wer du bist.

„So ein Tussi-Thema“, dachte Lucy Fricke (43), als sie die Anfrage für das Buch bekam. Es ging ihr da wie vielen Frauen. Sie fremdeln mit Handtaschen, die aussehen, wie Mann sich eine Handtasche vorstellt. Solche Exemplare mit zwei Bügeln, wie sie die Eiserne Lady Maggie Thatcher gerne trug. „Gilt ein Rucksack auch als Tasche?“, diese Frage bekam Manuela Reichart häufig zu hören. Eine Kollegin sagte, es tue ihr leid, aber für Taschen habe sie nichts übrig. Das war Monika Maron, eine meiner Lieblingsautorinnen. Eine Frau, deren Bücher ich nicht gelesen, sondern verschlungen habe. Ihre Absage war Balsam auf meiner geschundenen Seele.

Ich war also nicht allein. Es gibt noch andere Frauen, die finden, dass so eine Kelly Bag, wie sie Grace Kelly 1956 bei ihrer Verlobung mit dem Fürst von Monaco spazieren führte, zwar irre stylish ist, aber doch besser in einem Museum oder in einer gläsernen Vitrine aussieht als am eigenen Handgelenk. Monika Maron und ich, wir waren gewissermaßen Schwestern im Geiste.

Die Autorin Lucy Fricke („Durst ist schlimmer als Heimweh“) gehört auch zu unserem Klub. Sie sagt, es sei noch gar nicht so lange her, dass sie ihre Laptop-Tasche aus Lkw-Plane gegen ein edle­res Exemplar aus schwarzem Leder der Marke Bree getauscht hat. Es war ein Weihnachtsgeschenk ihrer Mutter. Sie haben es zusammen im KaDeWe ausgesucht. Sie mailt mir ein Foto ihrer Tasche. Ich muss schmunzeln, als ich es sehe. Es sieht genauso aus wie die Tasche, die mein Mann vor fünf Jahren auf elegante Weise aus dem Weg geräumt hat. Es ist ein Exemplar der Marke Bree. Eine große Seitentasche fürs Portemonnaie, zwei kleinere Seitentaschen für den Lippenstift und den Stöpsel für ihre harten Kontaktlinsen. Es ist mein Kängurubeutel.

Lucy Fricke hängt an dieser Tasche. Einmal hat sie das Schicksal schon auseinandergerissen. So etwas verbindet. Es war im Sommer 2015. Lucy Fricke saß im ICE nach Düsseldorf, auf dem Weg zu einer Lesung. In Hamm-Westfalen wird der Zug planmäßig geteilt, sie nutzt den Stopp, um auf dem Bahnsteig eine Zigarette zu rauchen. Davon erzählt sie in ihrer Geschichte. Sie ist noch nicht ganz fertig, da schließen sich die Türen. Ihre Tasche fährt ohne sie weiter. Ein Albtraum. Sie sagt: „Man fühlt sich nicht nur halbiert, man ist kaum noch da, nur noch ein Restkörper, der am Gleis steht.“

Die Geschichte nimmt jedoch ein Happy End. Wer hätte das gedacht. Die Deutsche Bahn macht es möglich. Mitarbeiter vom Service-Point verfrachten die vor Angst zitternde Autorin in den nächsten Regionalexpress nach Düsseldorf. Einer reist sogar mit. Man trinkt zusammen Kaffee in der 1. Klasse und plaudert nett. In Bochum wird Lucy Fricke die Tasche an den Bahnsteig gebracht. Sie muss nicht mal aussteigen. Sie kommt sogar noch rechtzeitig zu ihrer Lesung. Sie sagt, sie werde diesen Moment nicht vergessen. „Es ist ein Gefühl, als bekäme man ein Kind zurück.“

Die Tasche, sie ist eben viel mehr als eine Tasche. Das haben wir Frauen schwarz auf weiß. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat es uns 2012 attestiert. Er hatte 75 Frauen gebeten, ihn einen Blick in ihr Allerheiligstes werfen zu lassen. Er fand keine scharfe Munition oder illegale Drogen, nicht mal Flachmänner oder Sex-Spielzeuge. Stattdessen Miniplüschtiere, Kopfschmerztabletten, Ersatzstrumpfhosen oder Baby-Schnuller. Sollte Kaufmann gehofft haben, ein Geheimnis zu lüften, muss er ernüchtert gewesen sein. Die Frauen könnten nicht mehr ohne ihre Tasche leben, schlussfolgerte er aus seiner Studie. „Mit ihr wurde tagaus, tagein so viel herumhantiert, sie wurde so oft berührt, in Gedanken und mit Händen gestreichelt, dass sie zu einer Erweiterung des Selbst geworden ist.“

Wie Ein Accessoire die Emanzipation entscheidend voranbrachte

Die Geschichte der Handtasche, sagt Manuela Reichart, sei eben auch immer eine Geschichte der Emanzipation. Vorbei die Zeit, da die adeligen Frauen im Rokoko nur einen Pompadour brauchten. So ein Säckchen, das sie sich unter ihren weiten Röcken mit einem Band um die Taille banden. Es war winzig klein, aber groß genug, um darin alles aufzubewahren, was die Damen am Hof eben so brauchten, während sie von Dienstboten umschwirrt wurden. Puder, Riechsalz oder ein in Parfüm getränktes Schnupftuch.

Kein Vergleich also mit der „unansehnlichen und vom jahrelangen Tragen blank gescheuerten“ Jagdtasche vom Trödelmarkt, in der Helke Sander in den 1950er-Jahren ihre DIN-A4-Manuskripte mit sich herumtrug. Helke Sander ist Filmemacherin und Autorin. Eine Feministin der ersten Stunde. Mit 80 Jahren ist sie die älteste Berlinerin, die Manuela Reichart für ihr Buch gewonnen hat. In ihrer Geschichte erkenne ich mich sofort wieder. Helke Sander erzählt davon, wie sich ihr damaliger Freund für ihre Tasche schämte und sie bekniete, sich doch eine schönere zu kaufen. Was aber schwer gewesen sei, da es nach dem Krieg noch keine Taschen mit Schulterband gab, nur Rucksäcke, Beutel und Netze.

Gut, da waren natürlich noch die Damenhandtaschen, wie sie in Modezeitschriften beworben wurden. Luxuriöse Accessoires, wie sie die Queen an einem Handgelenk schlenkerte. Aber solche Taschen seien schon gar nicht infrage gekommen, schreibt Helke Sander. „Sie schränkten die Bewegungsfreiheit ein.“ Erst mit der Erfindung des Schulterriemens Ende der 1960er-Jahre sei die Emanzipation den entscheidenden Schritt vorangekommen. So eine Tasche trägt sie heute noch. Praktisch, robust, pflegeleicht.

Es gibt Psychologen, die sagen, die Handtasche sei eine Metapher für die Vagina. Gleichermaßen besetzt mit Faszination und Angst. In dem Buch von Manuela Reichart gibt es Geschichten, die mit diesem Mythos spielen. Eine von ihnen hat Keto von Waberer (75) geschrieben. Sie erzählt von einem Mann und einer Frau und davon, wie sie sich in einem Café über einen Beutel näherkommen. Er ist „kirschrot, schwer pralles Leder, weich wie Haut“. Der Beutel als Waffe der Frau, als Köder, um einen Mann zu verführen. Ich muss wieder an meinen Kängurubeutel denken.

Na bitte, geht doch.

Taschenliebe, Ein literarisches Lesebuch, Herausgegeben von Manuela Reichart, 21 Geschichten über Taschen und ihre Inhalte, u. a. von Judith Hermann, Tanja Dückers, Helke Sander, Lucy Fricke, btb Verlag, 18 Euro

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