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Am Ende doch ein Anfang

Der Tod – ein Tabu, über das man nicht spricht? In Berlin gibt es einen Ort, an dem es Menschen können

Keiner hat den Knall gehört. Hubert wollte keinen Aufruhr verursachen, in dem kleinen Dorf bei Berlin. Die Leute sollten sich nicht das Maul zerreißen. Er hatte sich an die morsche Scheunenwand gelehnt, und war dann nach unten gerutscht. Wenn er weitermachte, müsste er ohne Helga weitermachen. Wenn er weitermachte, würde er bald neben ihr stehen und sie nicht erkennen. Er wäre mit ihr und allein. Sie wäre mit ihm und allein. Nein, nicht mit dieser Krankheit. Nicht so ein Ende. Dann fiel der Schuss, den keiner hörte.

Das war vor zehn Jahren. Die ersten sechs Wochen ging Helga gar nicht aus dem Haus. Der Tratsch, die unsicheren Blicke – das wollte sie sich nicht antun. Heute redet sie ganz offen über den Selbstmord ihres Mannes, der nicht mit der Demenz weiterleben wollte: An einem Sonnabendnachmittag in Schöneberg, im Café Tod.

Es sind nur drei Buchstaben, aber sie sind schwer auszusprechen. Vor allem mit einem „Café“ davor: „Nein, am Sonnabend kann ich nicht, da gehe ich ins Café Tod.“ Klingt morbide. Nach Gruft, in der es nach Verwesung riecht und maximal abgestandenen Filterkaffee gibt. Aber bestimmt keinen Streuselkuchen.

Angela Fournes hat gebacken. Weil Essen, Ernährung, für das Leben steht, findet die Gastgeberin. Weil das Leben zum Tod gehört, oder umgekehrt. Fournes ist 56 Jahre alt, in Mexiko geboren und war schon mit 20 Jahren Vollwaise. Seither hat der Tod sie nicht mehr losgelassen. Und sie hat sich mit ihm verbündet. Was aus der Not entstanden ist, fühlt sich heute ganz natürlich an. „Nur mit dem Tod ist man ganz“, sagt sie und macht gleich am Anfang klar: Das hier ist keine Trauerrunde, es ist auch kein morbider Kaffeekranz und keine Therapiestunde. Sondern ein Raum für Fragen, Diskussionen. Ein Schritt hin zu einem menschlicheren, normaleren Umgang mit dem Tod.

„Jede Geburt wird so minutiös geplant. Aber auf den Tod bereitet sich keiner vor“

Also erst mal Kaffee trinken. Angela Fournes schenkt ein, ihre grauen Haare fallen ihr in einer großen Locke ins Gesicht, sie trägt einen breiten Schal um die Schultern, und weite Kleidung in warmen Farben, überhaupt ist ihre ganze Person unheimlich warm und so weit entfernt vom Tod. Dabei ist sie ganz nah dran an ihm, jeden Tag. Seit zehn Jahren arbeitet sie als selbstständige Bestatterin. Und nennt sich Hebamme – weil sie den Menschen den Übergang in den Tod, in einen neuen Abschnitt, erleichtere. „Jede Geburt wird so minutiös geplant“, sagt Fournes. „Aber auf den Tod bereitet sich keiner vor.“

Vorstellungsrunde. An diesem Sonnabend sind nur vier Frauen da, mittleres Alter. Sonst sind es mehr, aber meistens sind die Frauen in der Überzahl. Helga eben, die vor zehn Jahren ihren Mann verloren hat. Noch zwei Witwen. Eine Mittfünfzigerin, die im vergangenen Jahr ihre Mutter verloren hat. Helga macht den Anfang: „Ich habe mich auf Facebook geoutet und gepostet, dass ich ins Café Tod gehe“, sagt Helga. Provozieren, mit so einem Post?

Tatsächlich setzen sich zwei Drittel der Deutschen nach einer GfK-Studie von 2010 nicht mit dem eigenen Lebensende auseinander, und nur gut die Hälfte der über 70-Jährigen hat sich Gedanken über die eigene Bestattung gemacht. In Großbritannien hat es Untersuchungen gegeben, nach denen mehr als 70 Prozent es unangenehm finden, über den Tod zu reden, und weniger als ein Drittel hat mit der Familie darüber gesprochen, was passieren soll, wenn sie sterben. Helgas Mutter ist über 90 und krank. Aber sie weigert sich, über ihren Tod zu sprechen, darüber, wie und wo sie beerdigt werden soll, wer eingeladen werden soll, wer die Grabrede halten und was darin vorkommen soll. Damit ist Helgas Mutter keine Ausnahme. Auch die jüngere Generation weigert sich oft – und die Kinder müssen dann in dem Moment, in dem sie emotional so erschüttert sind wie sonst nie im Leben, Entscheidungen treffen. Eltern, die mit ihren Kindern Patientenverfügungen und Einäscherungen diskutieren, scheinen eine Ausnahme zu sein. Dabei war der Tod auch bei uns schon mal alltäglicher. Noch vor 100 Jahren waren die Familien groß, viele Kinder starben früh, oder die Frauen bei der Geburt. Heute leben wir länger, viele werden 40 Jahre alt, ohne einen engeren Verwandten verloren zu haben. Da ist es einfach, den Tod von sich zu schieben.

Zum ersten Café Tod kamen 300 Leute. Das war 2004 beim „Café Mortel“ im schweizerischen Neuenburg. Danach gründete der Brite Jon Underwood das Death Café in London – bei sich zu Hause, weil kein Café den Tod bei sich haben wollte. Underwood fand es unhaltbar, dass die westliche Gesellschaft Diskussionen über den Tod an Ärzte, Pfleger, Pfarrer und Unternehmer aussourcte und damit die Kontrolle über eines der einschneidendsten Ereignisse in unserem Leben abgab. Mittlerweile hat Underwood einen Leitfaden zusammengestellt für Menschen, die weitere Cafés gründen wollen. „Social Franchise“ nennt er das, mit mittlerweile 17 dieser Treffen deutschlandweit. In Berlin hat Angela Fournes das monatliche Café mitbegründet, erst im Café Finovo auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Weil dort aber immer wieder Beerdigungen dazwischenkamen, verlegte sie das Treffen zu den „Funeral Ladies“ in Schöneberg, ein Bestattungsbüro, das von Frauen betrieben wird.

Hier gibt es einen freundlichen Raum mit Blick auf den grünen Hof. Fast alle in der Runde haben einen geliebten Menschen verloren, den Partner oder die Mutter, und es geht erst mal darum, wie der Tod das Leben der Hinterbliebenen verändert und um den Umgang mit der Trauer. „Ich hasse Friedhöfe“, sagt die eine. Eine andere geht hin, immer wieder, um ihrem verstorbenen Mann nahe zu sein. „Wo Schmerz ist, ist Entwicklung“, sagt Frauke, Ende 50. Sie ist in Sportklamotten da, für die Zumbastunde im Anschluss. „Mit dem Tod öffnet sich auch für uns was. Man muss sich neu organisieren, neues Kapitel.“ Ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben, und sie versucht, aktiv zu bleiben, nicht vor dem Tod zu kapitulieren. „Nach fünf Jahren lässt der Schmerz nach“, da ist Fournes sicher: „Beobachten Sie das mal, Krisen, Beziehungen und Trauer ändern sich im Fünfjahresrhythmus. Wir feiern nicht zufällig den 25. oder 50. Hochzeitstag.“ Aber eine Bedienungsanleitung gibt es nicht, nicht für das Sterben und nicht für die Trauer, die immer auch etwas Egoistisches ist, findet Fournes: „Wenn jemand stirbt, spiegelt das die eigene Sterblichkeit. Aber man kann auch anders damit umgehen: In Mexiko ist der Tod unser Freund, wir haben immer einen Jour fixe mit den Toten.“

Bei uns sind Beerdigungen eine Trauerveranstaltung. Fournes erzählt von einer Frau, die darauf bestand, dass kein Gast von außerhalb des S-Bahnrings zur Beerdigung anreisen sollte: Sie selbst hatte es gehasst, in der ganzen Republik bei den immerselben deprimierenden Feiern am Tisch zu sitzen, und wollte außerdem für ihre Trauerrede nur einen einzigen Satz. „Das war so dicht“, sagt Fournes. „Das war so eine starke Stille, sie war so sehr da.“ Die Bestatterin wirbt für eine Sterbekultur, in der das Abschiednehmen auch etwas Erfüllendes und Heilsames sein kann. Und davon will sie etwas im Café Tod vermitteln.

Ziemlich bald sitzen in Schöneberg wildfremde Menschen zusammen, die privateste Fragen austauschen, als würden sie sich ein Leben lang kennen. Helga weiß nicht, wie sie ihre Mutter bei der Beerdigung verabschieden soll. „Schreiben Sie auf, wie Sie ihre Mutter wahrgenommen haben“, sagt Fournes. „Lieber nicht“, sagt Helga. Sie lacht. Die anderen auch. „Ich glaube, die lebt immer noch, weil sie immer noch nicht kapiert hat, was ihre Aufgabe hier auf der Erde ist.“ Es ist noch nicht mal eine Stunde um, und die Runde ist beim Übersinnlichen angelangt.

Jeder kennt diese Geschichten: Wenn jemand stirbt, bleiben Uhren stehen, oder der Fernseher geht aus. Tatsächlich kann Fournes unzählige Anekdoten über Menschen erzählen, die erst starben, nachdem sie noch etwas erledigt hatten. Ein Mann mit einem Hirntumor starb erst, als seine Frau es über sich brachte, zu sagen, „du darfst gehen“. Eine alte Frau blieb so lange am Leben, bis ihre Pflegerin versprach, sich um ihren Kater zu kümmern. Im Hospiz kämpfte eine Frau so lange mit dem Tod, bis jemand herausfand, dass sie einen Sohn hatte, mit dem seit 20 Jahren Funkstille herrschte. Als er dann kam, konnte sie sterben. Andersherum hat Fournes erfahren, dass Menschen oft spüren, wenn sie sterben werden – ohne sich dessen bewusst zu sein. Bei einem frisch verliebten Paar wiederholte er plötzlich panisch immer wieder, dass er sie nicht verlieren wolle. Kurze Zeit später war er tot.

Aber trotzdem nicht weg, da ist Fournes sicher. Für sie ist klar, dass beim Tod nur der Körper stirbt. Es gibt diesen Witz: „Unterhalten sich Zwillinge im Bauch. Fragt der eine: Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?“ Trotzdem: Nicht so einfach, an etwas zu glauben, was man nicht kennt oder erfahren hat. Findet wohl auch Woody Allen, der einmal gesagt hat: „Ich glaube zwar nicht an ein Leben nach dem Tod, aber für alle Fälle nehme ich immer Unterwäsche mit.“

Die Frauen im Café Tod sind sicher, dass es da etwas gibt. Dass die Toten nicht verschwunden sind. Helga zum Beispiel ist überzeugt, dass es Hubert war, der ihr nach drei Jahren einen neuen Partner schickte: „Der kam vor sieben Jahren einfach zur Gartenpforte rein. Seither sind wir zusammen.“ Manchmal nennt sie ihn aus Versehen Hubert. Ihr neuer Mann lacht dann und sagt: „Es ist mir eine Ehre.“ Für ihn sei klar, dass sie zu dritt leben in dem Haus.

In dem Nachmittag liegt jetzt so eine Ruhe und Selbstverständlichkeit, dass man das nicht nur glauben möchte, sondern auch wirklich anfängt, daran zu glauben. Und an die Geschichten aus der Bibel erinnert wird – auch wenn es hier nicht um die leibhafte Wiederauferstehung der Toten geht. So oder so fühlt man sich nach drei Stunden Thema Tod viel lebendiger. Und es bleiben so viele Fragen für das nächste Café. Was man aber gleich erledigen kann: Die Wunschliste aus der Schublade holen. Also all die Dinge, die man gern machen würde, bevor man stirbt. Und direkt damit anfangen.

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