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Kenneth Branagh ist auf Agatha Christie Zug aufgesprungen

Kenneth Branagh hat „Mord im Orient-Express“ verfilmt. Mit lauter Stars. Und sich selbst in der Hauptrolle. Ein Treffen in Paris.

Schon als Siebenjähriger fuhr er im Orient-Express mit: Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh

Schon als Siebenjähriger fuhr er im Orient-Express mit: Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh

Foto: dpa Picture-Alliance / Casey Curry / picture alliance / AP Photo

Eine gewisse Eitelkeit ist Kenneth Branagh durchaus eigen. Bereits im zarten Alter von 29 Jahren, als der Shakespeare-Darsteller gerade erst mit dem Kino anfing, schrieb er eine Autobiografie. Und bei seinen Regiefilmen besetzt er zwar immer zahlreiche namhafte Kollegen, inszeniert sich aber vor allem selbst. So auch nun in der Agatha-Christie-Neuverfilmung von "Der Mord im Orient-Express". Wie schon in der legendären Adaption von 1974 sitzen eine ganze Palette von Stars in dem legendären Zug, von Michelle Pfeiffer über Judi Dench bis Penélope Cruz, aber alle sind verdächtig, einen Mord begangen zu haben. Und den schrulligen Meisterdetektiven Hercule Poirot, der sie alle verhört, den spielt der 56-jährige Brite natürlich selbst. Am Ende müssen alle vor ihm Platz nehmen und ihm lauschen. Wie Schüler einem Lehrer.

Eigentlich wollte Branagh für den Film ja nach Berlin kommen. Aber dann lädt er doch nur nach Paris. Immerhin ist das mondäne Hotel "Le Bristol" dort der perfekte Rahmen, um mit ihm über den Film zu sprechen. Die Nobelherberge mit ihren Samtsofas und Stofftapeten strahlt einen ähnlich nostalgischen Glamour aus wie der berühmte Zug von Istanbul nach Paris. Wir haben mit dem Filmemacher über seine Vorliebe für Klassikeradaptionen, Rachegelüste und natürlich Poirots legendären Schnurrbart gesprochen. Nur bei allzu persönlichen Dingen erweist sich der fünffach Oscar-Nominierte ähnlich verschwiegen wie der berühmte Ermittler.

Berliner Morgenpost: Bei "Mord im Orient-Express" führen Sie wieder mal nicht nur Regie, sondern spielen auch gleich die Hauptrolle. Sind Sie ein ähnlicher Kontrollfreak wie der belgische Meisterdetektiv?

Kenneth Branagh: Ich habe das ja schon öfter getan, bei meinen Shakespeare-Verfilmungen etwa. Und es macht die Zusammenarbeit organischer. Aber es fühlte sich noch nie so perfekt an wie diesmal. Regisseure und Detektive haben gemeinsam, dass sie beide auf der Suche nach der Wahrheit sind. Außerdem dirigiert ein Detektiv die Ermittlungen wie ein Regisseur einen Film. Und es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Suche nach der Lüge einer Figur und der Unwahrhaftigkeit eines Schauspielers. Das hat mich sehr gereizt.

Die Werke von Agatha Christie sind für viele Krimifans oft die erste Erfahrung mit dem Genre, ob als Buch oder durch die Miss-Marple-Verfilmungen der 60er-Jahre. Können Sie sich noch an Ihr erstes Mal Agatha Christie erinnern?

Das muss "Der Tod auf dem Nil" gewesen sein, den Roman hat meine Mutter eines Tages mit nach Hause gebracht. Sie begann erst Bücher zu lesen, als sie schon in ihren Fünfzigern war. Wir stammen aus der Arbeiterklasse in Belfast, unsere Welt war lange Zeit eher eine der mündlichen Überlieferung, wir erzählten uns Geschichten, statt sie zu lesen. Etwa zur selben Zeit, ich war 15, 16 Jahre alt, entdeckte ich das lokale Theater in unserer Kleinstadt für mich. Ich sah dort Agatha Christies Stücke "Ein unerwarteter Gast" und "Das Eulenhaus" und war sehr beeindruckt, wie sie diese großen Figurenensemble jongliert und damit das Ratespiel nach dem Täter so spannend macht.

Was haben Sie, außer Ihrer Vorliebe für Agatha Christie, noch von Ihren Eltern gelernt?

Sie haben mir wirklich eingetrichtert, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Komischerweise ist das genau der Vorwurf, den ich mir immer wieder anhören muss. Ich wurde im Laufe der Jahre wieder und wieder angefeindet, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und meinen eigenen Weg zu gehen.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für "Mord im Orient-Express" entschieden? Der Krimi ist ja schon einmal mit großem Staraufgebot adaptiert worden und hinlänglich bekannt.

Wir haben sowohl den Anfang als auch das Ende verändert. Ich wollte Poirots zwanghafte Manie zeigen, aber auch seine Melancholie und die Bürde, die sein Ausnahmetalent auch darstellt. Meine Version ist weniger eine Aneinanderreihung von Verhören, wie es die frühere Verfilmung war, sondern verschachtelter. Und auch das Ende ist anders. Nachdem aufgeklärt ist, wer den Mord begangen hat und wie und warum, geht es noch um viel mehr, nämlich um die Frage: Was ist Gerechtigkeit? Ist Rache in manchen Fällen berechtigt? Kann sie helfen, mit etwas Frieden zu finden? Poirot sagt zu Beginn, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt, aber nichts dazwischen. Der Film aber stellt genau das infrage. Dieses moralische Dilemma unterscheidet den Film von der Vorlage und der früheren Adaption.

Ihr Hercule Poirot ist nicht nur das schrullige Genie früherer Filme, er ist komplexer, auf eine Art ein gebrochener Charakter.

Als ich Kriminalkommissar Wallander in der Fernsehserie spielte, ist mir eines klar geworden: Die Nähe zu Gewalt und Verbrechen sorgt entweder dafür, dass ein Mensch zynisch wird und die Empathie für die Opfer verlernt, statt sie als Menschen zu sehen. Oder er verzweifelt daran. Ich glaube, Poirot ist da irgendwo in der Mitte. Er ist rational, fast wissenschaftlich, aber der Fall lässt ihn nicht kalt, das moralische Dilemma beschäftigt ihn.

Haben Sie selbst manchmal Rachegelüste?

Um ehrlich zu sein, ich ärgere mich natürlich über manches, aber ich bin kein nachtragender Mensch. Ich habe sehr an mir gearbeitet, ich meditiere seit Jahren regelmäßig. Es heißt, Meditation hilft, die schlimmsten Charaktereigenschaften zu zügeln, ob es Ungeduld oder was auch immer ist. Und mir hat es geholfen, mich weniger über Dinge oder Leute zu ärgern. Und ich hatte ein gutes Leben. An wem und wofür sollte ich mich schon rächen?

Sie wählen als Regisseur immer wieder sehr bekannte Stoffe, ob "Hamlet", "Frankenstein" oder "Cinderella", bleiben bei Ihren Inszenierungen aber fast klassisch. Hatten Sie nie den Wunsch, diese Werke zu modernisieren und sich so ganz zu eigen zu machen?

Klassisch heißt für mich, dass sich Tradition und Moderne verbinden. Beim "Mord im Orient-Express" versuche ich im klassischen Filmstil von Regisseuren wie David Lean oder John Ford zu inszenieren, aber mit einer Art des Schauspiels, das zeitgenössisch ist, roh, dreckig und überraschend. Es gefällt mir, wenn Autoren sich nicht scheuen, sich großen Themen zu widmen und das auf eloquente und intelligente Art. Das fehlt mir bei zeitgenössischen Werken oft.

Woran liegt das?

Im britischen Theater ist es wahnsinnig schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Deshalb schreiben viele Autoren fürs Fernsehen, oft bei Seifenopern. Das beeinflusst dann ihre Arbeit am Theater. Ich verallgemeinere natürlich, aber viele neuere Stücke sind oft recht eindimensional. Und wenn ich an einem Film zwei Jahre oder länger arbeite, muss mich der Stoff einfach ein bisschen mehr stimulieren.

Wenn Agatha Christie heute hier mit uns sitzen würde ...

... würde sie vermutlich sagen: "Sie interpretieren da viel zu viel hinein. Der Plot ist ganz clever und macht Spaß, aber es ist Unterhaltung." Sie war da sehr bescheiden. Dabei geben ihre Romane so viel her.

Sie sind in Nordirland geboren, aber in England aufgewachsen. Hat Sie diese Geschichte über einen Zug, der quer durch Europa fährt, mit Passagieren aus der halben Welt, auch deshalb interessiert, weil Sie es als Kommentar auf die aktuelle politische Situation und den Brexit sehen?

Der erste Roman mit Hercule Poirot war "Das fehlende Glied in der Kette", ich las ihn, als ich wusste, dass ich diesen Film mache. Zu Beginn besucht Poirot ein Haus in England, in dem belgische Geflüchtete nach dem Ersten Weltkrieg aufgenommen wurden. Er ist von dem Anblick sehr bewegt und seinen britischen Gastgebern unendlich dankbar für etwas, das diese als Selbstverständlichkeit und ohne groß darüber nachzudenken getan haben. Und natürlich gibt es auf einer Ebene des Films diese Metapher, dass jeder von uns fast überall auf der Welt ein Fremder ist. Im "Orient-Express" sind sie vereint durch schwerwiegende menschliche Probleme, für die sie gemeinsam eine Lösung zu finden versuchen, die alles andere als einfach und eine große Herausforderung ist. Die besten Geschichten bieten solche Lesarten.

Wir müssen noch über den sehr imposanten Schnurrbart reden, den Sie im Film tragen, das Markenzeichen des genialen, aber eitlen Schnüfflers. Wie haben Sie den passenden gefunden?

Ich habe mich im Vorfeld mit dem Enkel von Agatha Christie getroffen, Mathew Prichard. Er ist 74 Jahre alt und hat in seinem Leben unzählige Verfilmungen und Theaterfassungen ihrer Romane gesehen. Ich hatte erwartet, dass er wissen wollte, was ich mit der Handlung und den Charakteren vorhabe. Aber seine allererste Frage war: "Was ist mit dem Schnurrbart? Wie wird er aussehen?" Und er meinte es in vollem Ernst. Und er hat recht. Der Bart ist Poirots Maske, sein Schutzschild, sein Beobachtungsposten, aber auch der Feind des Essens. Ich versuchte einem Satz gerecht zu werden, den Agatha Christie einmal schrieb: "Hercule Poirot hatte die prachtvollsten Schnurrbärte in ganz England." Und ich kam schließlich zu dem Schluss, dass hier ein sonst abgedroschenes Motto durchaus zutrifft: Size matters. Je größer, je besser.

Sie sind als Junge selbst einmal mit dem Orient-Express gereist. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ich war damals vielleicht sieben Jahre alt. Am ersten Abend aßen wir im Speisewagen und als ich in mein Abteil zurückkam, hatte es sich wie durch Zauberhand in ein Schlafzimmer verwandelt, mit einem Bett, einem Nachtkästchen und einem kleinen Waschbecken. Ich war hin und weg. Am nächsten Morgen frühstückte ich im Bett, lag da mit meiner Tasse Tee und einem Croissant und sah durchs Zugfenster die Alpen vorüberziehen. Ich kam mir vor wie ein Prinz. Einige Stunden später gingen die Türen auf und ich war in Venedig. Es war magisch!

Vor über 80 Jahren war das Verreisen mit erheblich mehr Aufwand verbunden als heute. Wie sehen Ihre eigenen Reisevorbereitungen in der heutigen Zeit aus?

Ich bin da hoffnungslos unorganisiert, muss ich zugeben. Wenn wir einen Trip planen, fängt meine Frau schon eine Woche vorher an zu packen. Und ich überlege noch fünf Minuten vorher, was ich brauche. Manchmal vergesse ich sogar meine Lesebrille, ohne die ich mittlerweile völlig aufgeschmissen bin. Ich liebe es zu reisen, aber noch mehr liebe ich zu lesen, vor allem, wenn ich in einem Zug oder einem Flugzeug bin.

Im Kino scheinen Züge geradezu prädestiniert als Tatort. Sie sind ein abgeschlossener Raum, zugleich ist man in atemberaubender Landschaft unterwegs, ein Kammerspiel auf Rädern ...

Genau das hat mich interessiert: Es ist ein Sinnbild dafür, dass es keine Möglichkeit gibt, vor sich selbst, seinen Ängsten und seinem Schicksal zu fliehen. Man ist buchstäblich gefangen. Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal Wolfgang Petersens "Das Boot" gesehen habe. Ich habe vor Angst geschwitzt. In meinem Film wollte ich diese aussichtslose Enge kombinieren mit der gefährlichen Bergwelt, in deren verschneiten Weite man sich verloren fühlt.

Am Ende versammelt Poirot die zwölf Zuginsassen und sie sitzen alle aufgereiht wie die Jünger beim letzten Abendmahl ...

Ich versuche bei jedem meiner Filme aus der Kulturgeschichte zu klauen. Als ich vor zwei Jahren in Mailand war, hatte ich Gelegenheit, mir Leonardo da Vincis "Abendmahl" anzusehen und war völlig fasziniert von dem Gemälde. Christie hat zwölf Verdächtige geschaffen, da lag es für mich nahe, sie wie die Apostel zu inszenieren und dann als Poirot unterschwellig die Frage zu stellen: Wer von euch ist der Judas? Wir beginnen mit der Klagemauer, die nicht nur ein heiliger Ort ist, sondern auch ein Ort der Trauer. Und wir enden an einem Tisch, an dem die Beteiligten an dem leiden, was Shakespeare in Hamlet "das Gift des tiefen Grams" nennt und das zivilisierte Menschen zu Mördern werden lässt.

Danach wird Hercule Poirot auf einen Dampfer in Ägypten gebeten, eine Anspielung auf den Christie-Klassiker "Tod auf dem Nil". Wird Ihr Poirot also zurückkehren?

Das liegt am Publikum, ob es das sehen will. Ich würde gerne erneut in die Rolle schlüpfen und Poirot weiter erforschen, auch sein Privatleben. Und bei "Tod auf dem Nil" geht es um obsessive Liebe, ein bisschen Agatha Christies Version von "Eine verhängnisvolle Affäre". Ich hätte große Lust darauf. Und ich habe auch schon eine tolle Idee, was wir mit dem Schnurrbart anstellen. Aber die werde ich natürlich nicht verraten.

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