Immobilien

Ein Haus für Kreative

Im Moabiter Co-Living-Projekt wohnen Menschen vieler Nationen. Auch Julie Simard aus Kanada fühlt sich hier wohl

Der Urban-Jungle-Trend ist in Deutschlands Hauptstadt stark im Kommen. Immer mehr Menschen machen aus ihren Wohnungen ein grünes Paradies mit vielen Pflanzen. Julie Simard (41) aus Montreal hat sich von dem Trend anstecken lassen. Mangels Platz setzte sie auf eine reduzierte Variante. In ihrem Zimmer, elf Quadratmeter groß, in dem sie lebt und arbeitet, gibt es auf einem Podest über ihrem französischen Bett eine Sukkulente im Terrakottatopf. In der Gemeinschaftsküche mit dem großen Tresen, an dem die Bewohner zusammen kochen und essen können, ist sie gerade mit weiterem Grün beschäftigt – einem Bund Lauchzwiebeln...

Der anthrazitfarbene Neubau im Hinterhof der Stromstraße 36 in Moabit ist ein so genanntes Co-Living-Projekt. Vermieter ist die Berliner Medici Group mit Sitz in Kreuzberg, die sich 2012 gründete und rund 1200 Wohnungen in verschiedenen Städten vermietet. Das WG-Haus in Berlin ist jedoch eine ganz neue Investition. Der Moabiter Neubau in Modulbauweise entstand in weniger als einem Jahr und gehört zur unternehmenseigenen Marke "Quarters", an der Fassade in Großbuchstaben markiert. Die Medici Living Group hat bereits ein ähnliches Objekt in New York eingerichtet, dort in einem altehrwürdigen Backsteinbau. Die "New York Times" berichtete begeistert von der Wohnidee.

Die Zielgruppe für diese Art des Wohnens sind eher jüngere Berufseinsteiger, Start-up-Gründer und Kreative, die aus anderen Regionen Deutschlands, aber auch aus anderen Staaten für einige Zeit nach Berlin kommen. Julie Simard ist eine von ihnen. Die Kanadierin lebt mit Bewohnern aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, der Schweiz, Österreich, China, den USA, Australien und Deutschland zusammen. Simard baut zurzeit das kanadische Unternehmen Les Lares auf, das auch den deutschen Markt im Visier hat. Es handelt sich um einen Internetdienst für Mode und Kosmetika, die strikt mit natürlichen Ingredienzien entwickelt worden sind. Ohne Konservierungsstoffe und andere Zugaben wie Alkohol, getestet an Menschen und nicht an Tieren. Zugleich arbeitet sie freiberuflich für die kanadische Marke Wisemenscare, die ebenfalls Bio-Produkte in Nordamerika vertreibt und den europäischen Markt erforschen möchte.

Julie Simard würde gern ­länger in Moabit bleiben, um die kanadischen Bio-Produkte in Deutschland noch bekannter zu machen. Allerdings muss die Visaverlängerung geklärt werden. Wie viele Ausländer ­versteht auch sie nur schwer, warum in Deutschlands Hauptstadt ­einiges so langsam vorangeht.

Vor allem Jüngere suchen ein Zuhause auf Zeit

Die Betreiber von Quarters kalkulieren mit einer Aufenthaltsdauer ihrer Bewohner von 12 bis 18 Monaten. Die Kosten pro Monat liegen – je nach Zimmergröße – bei 489 bis 539 Euro, einige Zimmer haben einen Balkon. Im Mietpreis sind alle Betriebskosten enthalten, zudem ist freies Wlan garantiert. Insgesamt stehen im Moabiter Hinterhaus 45 Zimmer in neun Wohngemeinschaften zur Verfügung. Das Gebäude wurde im Mai eröffnet.

"Mir gefällt das Konzept", sagt Simard. "Alles ist so schön clean hier, ich mag das." Zuvor war die Kanadierin für einige Monate in Amsterdam, danach in Dresden. Berlin spricht sie aber noch mehr an.

Die Zimmer sind klein. Man fragt sich, wie lange ein Mensch auf so reduziertem Grund leben kann. Aber die Räume sind maximal funktional eingerichtet: ein Schreibtisch auf schmalen Stahlträgern, auf dem Simard neben tadellos geordneten Unterlagen ihre kupferne Teekanne gestellt hat. Ein Stuhl in Hartplastik, ein geräumiger Schrank auf Rollen mit diversen Schubladen, ein Regal und ein Bett. Auf jeder der vier Etagen gibt es eine Wohngemeinschaft, deren Mitglieder von einem Community-Manager ausgewählt wurden, nachdem er mit ihnen Gespräche geführt hat. Es zählt, wer von der Ausbildung und den Interessen her am besten zusammenpassen könnte. Im Haus leben eine Filmregisseurin, eine Grafikdesignerin, ein Architekt und ein Stand-up-Comedian, die meisten sind aber Geschäftsleute. 70 Prozent der Bewohner sind Männer, 30 Prozent Frauen – ein besser ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird angestrebt. Die Betreiber wünschen sich mehr Frauen, weil diese stärker kommunizierten, was der Gemeinschaft diene.

Aber Julie Simard erscheint diese Mischung nicht so wichtig. Für sie ist die Hauptsache, einen perfekten Standort zu haben, von dem aus sie arbeiten kann. Sie ist gern in ihrem Zimmer mit der Holzdecke – die gibt es in allen Zimmern –, den weißen Wänden und schwarzen Lichtschaltern, der großen Tischlampe auf dem Schreibtisch und dem breiten Fenster. "Meine kleine Wohnung ist sehr ruhig, es gibt kein Trouble in diesem Haus", sagt die Montrealerin Julie Simard. Jede Wohngemeinschaft hat zwei Badezimmer für vier Personen. "Good shower", lobt die Kanadierin. Haustiere sind in dem Wohnprojekt nicht erlaubt. Für Julie Simard ist das kein Pro­blem. Auch nicht, dass die Möglichkeiten, Partner oder Freunde, die zu Besuch sind, unterzubringen, begrenzt sind. Lebensgefährten sind nur für etwa fünf Tage pro Monat gern gesehen, mehr Tage würden als unfair betrachtet, da sich alle Bäder und Küche teilen.

Ein Putzdienst alle zwei Wochen ist inklusive

Der Boden der Küche ist mit Multiplex-Platten ausgestattet. Auf dem schwarzen Küchenblock gibt es ein Ceranfeld zum Kochen. Der Knüller ist ein ­ausklappbarer Absauger, der auf Knopfdruck aus seiner ­Verdeckung hüpft und sofort Power demonstriert. Darüber hängt eine Lampe mit fünf Birnen, unter den Tisch geschoben sind vier Metallhocker. "Wir kochen aber kaum zusammen, das hat mit unterschiedlichen Arbeitszeiten zu tun", so Simard.

Geschirrspüler, Kühlschrank, schicker Küchenschrank, Geschirr – das alles stellt der Betreiber bereit. An einer Wand hängt eine große schwarze Tafel: "Jamie is in house", steht darauf. Da ist wohl jemand von einer Reise zurückgekehrt. Auch ein riesiger Flachbildschirm hängt an einer anderen Wand. Aber Julie Simard sagt, der werde kaum eingeschaltet, wer fernsehen wolle, nutze seinen Laptop. "Wir brauchen kein Entertainment im Haus, wir haben genug davon in unserem Leben."

Alle Böden und Wände sind aus Beton, die Ausgangstür aus Stahl. Der kantige Industriecharme passt gut zum Objekt. Im Parterre des energieeffizienten Hauses gibt es mehrere Gemeinschaftsräume. In einem steht ein langer Holztisch mit Stühlen zum gemeinsamen Essen. In einem anderen gibt es eine Bar zur freien Nutzung mit Barhockern, in einem dritten Raum drei Sitzetagen mit vielen bunten Kissen gestapelt, zum Abhängen. Auf einem Pult liegen abziehbare Berlin-Stadtpläne, und eine riesige Stehlampe an einem Stahlträger reicht mit ihrem Lichtkegel tief in den Raum hinein. So lässt es sich hier gut leben.

Hinter den Aufenthaltsräumen befindet sich der zweite Hinterhof, ausgelegt mit weißen Kieseln an einem kleinen Hang und Sitzgelegenheiten unter einem altehrwürdigen Baum. Der Blick geht auf die Brandwand mit den rohen Ziegeln eines Nachbarhauses und auf den Hof eines weiteren Hauses. Hier fallen nun die bunten Blätter vom Baum. Manche Bewohner lesen sie auf und tragen die schönsten in ihr Zimmer, als Deko. Was übrig bleibt, wird von der Putzfrau beseitigt, die alle zwei Wochen das gesamte Haus reinigt.

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