Beruf

„Sie können nicht nur nett sein“

Gabriele Müller rät Quereinsteigern als Coach auf ein klares Profil zu setzen

Gabriele Müller ist Vorstand der Berliner ISCO AG, eines privaten Weiterbildungsanbieters für Coaching. Die Diplompädagogin ist seit 25 Jahren als Coach, Fachautorin und Ausbilderin aktiv und hat bereits mehr als 500 Coaches ausgebildet. Kirstin von Elm verriet sie, worauf es beim Coaching ankommt.

Berliner Morgenpost: Frau Müller, wer kommt zu Ihnen, um das Coachen zu lernen?

Gabriele Müller: Das ist eine bunte Mischung. Ich habe oft Anfragen von Ärzten oder von Betriebswissenschaftlern, Ingenieuren und Juristen, die sich beruflich verändern wollen. Zum Teil arbeiten sie als Führungskraft oder im Personalbereich und sind so als Klienten schon mit dem Thema Coaching in Kontakt gekommen.

Wie wählen Sie Ihre Kursteilnehmer aus?

Die Interessenten bewerben sich online. Ich führe dann mit jedem ein einstündiges, kostenloses Kennlerngespräch und frage persönliche Ziele und Erfahrungen ab. Wichtig ist, dass ein Bewerber keine falschen Vorstellungen hat und in die Gruppe passt. Pro Kurs wähle ich ungefähr 10 bis 12 Leute aus. Grundsätzlich rate ich jedem, sich mehrere Anbieter persönlich anzusehen, um Vergleiche ziehen zu können.

Sie lehnen auch Kandidaten ab?

Ja, zum Beispiel sehr junge Bewerber. Coaching erfordert eine gewisse Berufs- und Lebenserfahrung. Wer selbst noch keine großen Veränderungsprozesse erlebt hat, der kann sie auch schlecht als Coach begleiten. Normalerweise macht eine Coaching-Ausbildung meiner Erfahrung nach erst ab etwa 30 Jahren Sinn.

Wie ist es mit dem Charakter – kann ich zum Beispiel als schüchterner Mensch ein guter Coach werden?

Ja, introvertierte Menschen sind oft besonders empathisch, das ist eine gute Voraussetzung. Ein Coach darf kein Selbstdarsteller sein, sondern sollte die Bedürfnisse und Anliegen seiner Klienten erkennen. Allerdings braucht jeder Coach Mut, konstruktive Kritik zu äußern, egal wer da vor ihm sitzt. Um Veränderungen anzustoßen, können Sie nicht einfach nur nett sein.

Kann man als Coach von seinen Honoraren leben?

Ich würde sagen ja, allerdings sollte man realistisch bleiben. Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Zwar ist Coaching heute viel etablierter, andererseits gibt es aber auch viel mehr Konkurrenz. Ich kenne Coaches, die sich vor Aufträgen kaum retten können, aber der Erfolg stellt sich nicht von alleine ein. Als Einsteiger sollten Sie eine Anlaufphase von zwei bis drei Jahren einplanen, die müssen sie finanziell durchstehen können.

Wie komme ich denn als Coach ins Geschäft?

Sie brauchen ein gutes Netzwerk. Wer das aus dem bisherigen beruflichen Umfeld mitbringt, ist im Vorteil. Am wichtigsten ist jedoch ein klares Profil: Welche Zielgruppe möchten Sie erreichen? Führungskräfte oder Mitarbeiter? Privatpersonen oder Unternehmen? Was macht Sie einzigartig und welchen besonderen Nutzen bringen Sie Ihren Kunden? Um auf Dauer Erfolg zu haben, ist es wichtig, seine Kompetenzen als Coach zu kennen und keine falschen Erwartungen beim Kunden zu wecken.

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