Beruf

„Man bekommt mehr zurück als mangibt“

Helfen, trösten, aufheitern:Altenpflegerin Feriye Ögünc hat das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun

JUDITH JENNER

Der Arbeitstag von Feriye Ögünc beginnt an diesem Juli-Nachmittag, wenn andere schon an den Feierabend denken. Um 15 Uhr tritt sie die Spätschicht an der Diakonie Station Südstern an. Oft kommt die sympathische Frau mit den strahlenden Augen und den rot geschminkten Lippen schon eine halbe Stunde eher, um einen Kaffee zu trinken und mit ihren Kollegen zu quatschen. „Wir sind hier wirklich ein tolles Team, wie eine Familie“, sagt die 43-Jährige.

Das war ein Grund dafür, dass sie nach einem Praktikum und mehreren Jahren als Pflegehelferin in einer ambulant betreuten Demenz-WG der Diakonie hier auch ihre vierjährige berufsbegleitende Ausbildung zur Altenpflegerin absolvierte. Seit Oktober 2016 ist sie examinierte Pflegefachkraft und arbeitet im ambulanten Pflegedienst der Diakonie.

„Ich mag beide Tätigkeiten gerne“, sagt sie. Während sie in der Wohngemeinschaft den gesamten Tagesablauf der Patienten betreut, ist sie „on tour“ ausschließlich für ärztlich verordnete Pflege zuständig, also das Verbinden von Wunden oder die Medikamentengabe bei Patienten, die dazu nicht selbst in der Lage sind. Die Grundpflege wie das Waschen oder das Reichen von Essen und Getränken übernehmen Pflegekräfte, also zum Beispiel Krankenpflegehelfer.

Bevor sie sich auf den Weg zu ihren Patienten macht, liest Feriye Ögünc aufmerksam das Übergabebuch. Darin hat der Kollege vom Frühdienst vermerkt, wenn es Besonderheiten bei einem Patienten gab, zum Beispiel ein Notfall vorlag. Den Tourenplan stellt die Pflegedienstleitung zusammen. Auf ihrem Dienstsmartphone sieht Feriye Ögünc die Namen und Adressen der Patienten und welche medizinische Behandlung vorgesehen ist.


Auf ihrer Sechs-Stunden-Tour betreut sie 22 Menschen

Ihr durchgetakteter Zeitplan, in dem auch Wegezeiten genau kalkuliert sind, sieht Besuche bei insgesamt 22 Menschen in sechs Stunden vor. Da bleibt keine Zeit zum Trödeln. Feriye Ögünc schwingt sich auf ihr schwarzes Damenrad. In einem sportlichen Rucksack trägt sie den Aktenordner für die Dokumentation, Verbandszeug, Schutzkleidung und Blutdruckmessgerät bei sich.

Einen Führerschein hat sie nicht, und das ist auch keine Bedingung für einen Job in der ambulanten Krankenpflege. „Wir planen die Touren abhängig davon, ob unsere Leute mit dem Auto oder dem Rad unterwegs sind“, sagt Pflegedienstleiterin Anita Voigtländer. „Jemanden abzulehnen, weil er kein Auto fährt, können wir uns heute gar nicht mehr leisten.“

Die erste Patientin von Feriye Ögünc benötigt Hilfe beim Ausziehen der Stützstümpfe, die sie zur Thrombose-Prophylaxe trägt. Morgens hilft ihr der Frühdienst beim Anziehen, nachmittags der Spätdienst beim Ausziehen, und auch zum Waschen und Einkaufen kommt jemand vorbei. „Guten Tag, Frau D., wie geht es Ihnen heute?“, begrüßt Feriye Ögünc fröhlich die Kundin, nachdem sie einmal geklingelt und dann mit einem Schlüssel ihres dicken Schlüsselbund die Wohnungstür aufgeschlossen hat. „Kommt gleich wieder Ihre Nachbarin vorbei?“ Jeden Tag bekommt die alte Dame eine Stunde Besuch – sofern der Fahrstuhl in dem Kreuzberger Neubau funktioniert. Denn die drei Stockwerke, die sie von ihrer Nachbarin trennen, bleiben sonst für sie unüberwindbar. Für kurze Gespräche neben der Arbeit ist Zeit, für mehr allerdings nicht. Dann geht es weiter.

In der nächsten Wohnung ist für die Altenpflegerin mehr zu tun: Die Patientin hat eine Wunde am Fuß, die verbunden werden muss. Außerdem braucht sie Augentropfen, die sie sich nicht selbst geben kann. Wieder begrüßt Feriye Ögünc sie mit ihrem strahlenden Lächeln. „Wenn Sie kommen, dann geht die Sonne auf“, freut sich die Patientin.

So etwas hört die Altenpflegerin oft, und Sätze wie diese sind es, die sie in ihrer Arbeit bestätigen. „Man bekommt mehr zurück als man gibt“, sagt sie. Die Dankbarkeit der Menschen und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sind der Grund, warum sie jeden Tag gerne zur Arbeit geht, egal ob zum Frühdienst von 7 bis 13.30 Uhr oder zum Spätdienst von 15 bis 21 Uhr.

Natürlich hat der Beruf auch schwierige Seiten. Wenn Menschen sehr einsam sind oder schon junge Menschen aufgrund einer schweren Krankheit oder Behinderung auf Pflege angewiesen sind, dann gehen auch Feriye Ögünc diese Schicksale nahe. Doch mit den Jahren hat sie auch gelernt, sich abzugrenzen und die traurigen Geschichten nicht mit nach Hause zu nehmen. „Das sind Schicksale, die ich leider nicht ändern kann. Aber ich kann den Menschen in dieser Lage ein bisschen helfen“, sagt Feriye Ögünc. „Zu sehen, dass es ihnen durch meine Arbeit besser geht, macht mich glücklich.“

Immer wieder wird sie mit dem Tod liebgewordener Patienten konfrontiert. „Wenn ich dabei sein kann und einem sterbenden Menschen die Hand halte, ist das für mich eine Erleichterung, weil ich weiß, dass er nicht alleine war“, sagt sie. Doch danach heißt es: weitermachen. „Wenn ich jedes Schicksal lange mit mir herumtragen würde, könnte ich den anderen Patienten nicht gerecht werden“, sagt sie.


Die Reform der Ausbildung
soll den Beruf aufwerten


Auch ein Profi wie Feriye Ögünc kommt nicht mit allen Patienten gleichermaßen gut aus. Einige lassen den Frust über ihre Hilfsbedürftigkeit an den Pflegekräften aus. Wenn das der Fall sein sollte, hilft ihr Humor. Damit lassen sich viele besänftigen.

Schwieriger als die Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat, findet sie die gesellschaftliche Situation. „Es müsste viel mehr dafür getan werden, dass der Pflegeberuf mehr Anerkennung erfährt“, sagt Ögünc. „Schließlich arbeiten wir ganz nah am Menschen, das müsste entsprechend honoriert werden.“
Für einen Schritt in die richtige Richtung halten sie und Pflegedienstleiterin Anita Voigtländer die jüngst beschlossene Reform der Pflegeausbildung. Danach müssen sich Auszubildende nicht mehr zu Beginn entscheiden, ob sie in der Kranken-, Kinderkranken- oder Altenpflege arbeiten möchten. Nach einer zweijährigen Grundausbildung können sie als Pflegeassistenz in den Job einsteigen oder sich in einem weiteren Jahr auf eins der drei Fachgebiete festlegen. Parallel existieren die spezialisierten Ausbildungswege weiterhin.

„Auf diese Weise wird der Beruf aufgewertet und es gibt mehr Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Anita Voigtländer. Gerade in der Altenpflege soll die neue Regelung dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Auch eine bessere Bezahlung würde das Arbeiten in der Pflege attraktiver machen, stellt Feriye Ögünc fest. Verglichen mit technischen Berufen findet sie ihren Beruf immer noch unterbezahlt.

Für Feriye Ögünc beginnt der letzte Teil ihres langen Dienstes. Wenn sich die Cafés an der Bergmannstraße füllen, saust sie weiterhin von Tür zu Tür, um Medikamente zu geben oder beispielsweise Insulin zu spritzen. Zuletzt besucht sie Patienten mit multiresistenten Keimen, für deren Versorgung sie besondere Schutzkleidung anziehen muss. Wenn sie abends in die Diakonie-Station zurückkehrt und ihren Rucksack auspackt, dann weiß sie, was sie getan hat: geholfen, getröstet, aufgeheitert – und das Leben ihrer Patienten ein bisschen besser gemacht.