Beruf

Kniffelige Aufgabe

Berlin investiert in die Lehrer- und Erzieher-Ausbildung, doch der Wettbewerb unter den Ländern ist hart

FLORENTINE ANDERS

Ausgebildete Pädagogen werden derzeit überall gesucht und das ändert sich auch in den kommenden Jahren nicht. Jedes Jahr veranstaltet die Senatsverwaltung einen Berlin-Tag für interessierte Bewerber aus anderen Bundesländern, doch Lehrer und Erzieher sind in ganz Deutschland heiß begehrt.

Zum neuen Schuljahr mussten 2300 neue Lehrer eingestellt werden und auch im kommenden Schuljahr werden wieder mehr als 2000 Lehrkräfte benötigt. Der Grund: Die Pensionierungswelle erreicht jetzt ihren Höhepunkt, gleichzeitig wächst die Stadt. Vor allem der anhaltende Zuzug von Familien führt dazu, dass laut Prognosen der Senatsverwaltung für Bildung auch in den Jahren darauf der Einstellungsbedarf an den Schulen und Kitas hoch sein wird. Allein für die Betreuung in den Kitas müssen bis zum Jahr 2019/20 nach Angaben der Bildungsverwaltung 4800 Vollzeitstellen neu besetzt werden.

Da bleibt der Verwaltung nichts anderes übrig, als auch auf Quereinsteiger an Schulen und Kitas zu setzen, die ihre Ausbildung berufsbegleitend absolvieren. Bereits jeder dritte neu eingestellte Lehrer an Grundschulen ist ein Seiteneinsteiger. Zugleich werden die Ausbildungskapazitäten an Unis und Erzieherfachschulen massiv ausgebaut. Begonnen wurde damit zwar schon in den vergangenen Jahren, doch wie sich heute zeigt, nicht in dem Maße, wie der Bedarf gewachsen ist.

In der Erzieherausbildung wurde die Zahl der Absolventen innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2016 haben in Berlin 2400 Fachschüler die Ausbildung abgeschlossen. Doch das reicht bei weitem nicht aus, zumal nicht alle Absolventen auch in den Kitas und Schulen ankommen. Viele schließen ein Studium an oder wechseln in andere Bundesländer.

Die Ausbildungskapazitäten wurden berlinweit bis auf derzeit knapp 9000 Plätze aufgestockt. Neben den staatlichen Oberstufenzentren bieten zahlreiche freie Träger eine Erzieherausbildung an. In den vergangenen sechs Jahren sind in diesem Bereich 16 neue private Schulen hinzugekommen. Um die Ausbildung attraktiver zu machen, wird mittlerweile vom Land Berlin das Schulgeld für die Schulen in freier Trägerschaft übernommen.

Vereinfachte Regelungen gibt es auch für den Quereinstieg aus verwandten Berufen. So können jetzt beispielsweise ausgebildete Sozialassistenten an Kitas voll eingesetzt werden. Erst nach zwei Jahren müssen sie dann eine berufsbegleitende Ausbildung beginnen. Für die zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten reicht schon der Hauptschulabschluss, die sogenannte Berufsbildungsreife. Viele Schüler nutzen diese Ausbildung, um später eine Erzieherausbildung oder eine andere Ausbildung drauf zu setzen, denn der Abschluss gilt auch als Äquivalent für den Mittleren Schulabschluss. Die Obergrenze für den Einsatz von noch nicht voll ausgebildeten Pädagogen an Kitas wurde in diesem Jahr von 25 Prozent auf 33 Prozent hoch gesetzt.


Die Zahl der Uni-Absolventen soll von 1000 auf 2000 steigen


Auch die Berliner Universitäten bauen ihre Studienplätze in der Lehrerbildung kräftig aus. Dazu werden sie in den neuen Hochschulverträgen, die der Senat mit den Hochschulen für die Laufzeit von 2018 bis 2022 ausgehandelt hat, verpflichtet. Die Verträge müssen nun noch das Abgeordnetenhaus passieren. Festgelegt ist darin, dass die Universitäten die Zahl der Lehramts-Absolventen von derzeit 1000 bis auf 2000 erhöht, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden. Das Land stellt für die zusätzlichen Studienplätze 75 Millionen Euro bereit.

Erstmals wurde dabei eine detaillierte Festlegung nach Schularten und Fächern mit in den Vertrag geschrieben. Bei den letzten Verträgen hatte man das versäumt. Die Folge: Es wurden viel mehr Lehrer für Gymnasien und Sekundarschulen ausgebildet als für Grundschulen. Den hohen Bedarf gibt es aber derzeit vor allem an Grundschulen. Begründet hatten die Universitäten dieses Ungleichgewicht unter anderem damit, dass es mehr Bewerber gebe für das Lehramt an den weiterführenden Schulen, denn die Verdienstmöglichkeiten dort waren bisher nach dem Abschluss des Studiums deutlich besser. Das hat das Land Berlin nun geändert.

Seit diesem Schuljahr gilt, dass Absolventen an Grundschulen genau so hoch bezahlt werden wie Lehrer an Gymnasien oder Sekundarschulen. Für die Ungleichbehandlung gibt es auch keinen Grund mehr, denn die Studienzeit ist in Berlin nach der Reform der Lehrerbildung für Grundschullehrer genau so lang wie für Studienräte. Neu angestellte Vollzeitkräfte an Grundschulen erhalten somit seit dem neuen Schuljahr 5100 Euro im Monat und damit genauso viel wie Oberschulkollegen. Zuvor haben sie etwa 600 Euro weniger verdient. Berlin ist das erste Bundesland, das die Zweiklassengesellschaft unter den Lehrern abschafft. Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft müssten nun auch die Erzieher deutlich besser bezahlt werden, damit Berlin im bundesweiten Wettbewerb um die Pädagogen mithalten kann.

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