TXL

Die Pläne für die Zukunft des Flughafens Tegel

Die Nachnutzung der fünf Quadratkilometer ist das größte Wirtschafts- und Stadtentwicklungsvorhaben der nächsten Jahrzehnte in Berlin.

Foto: Atelier Loidl / BM

Im Computer existiert sie schon, die neue Welt von Tegel. Mithilfe einer Stadtplanungssoftware wandert der Betrachter über den neuen Campus der Beuth-Hochschule im sanierten früheren Terminalgebäude, flaniert um den künstlichen See vor dem Sechseck und bestaunt die Science-Fiction-ähnlichen Gefährte auf den Wegen.

Sollte der Flughafen Tegel wie vom Senat geplant geschlossen werden, entsteht dort ein Ort der Zukunft. Urbane Technologien, also Mobilität, Energieversorgung, IT, Recycling sollen hier erdacht, erprobt und produziert werden. Studierende sollen auf Forscher, Gründer, eingesessene Unternehmer treffen. Neue Wohnungen leisten einen Beitrag gegen den Wohnungsmangel.

In einer lichten Altbau-Etage nahe des Olivaer Platzes bereitet ein 30-köpfiges Team der Tegel-Projekt GmbH die Zeit nach dem Flugbetrieb vor. Geschäftsführer Philipp Bouteiller ist zwar nicht gerade glücklich, dass der Start des Projektes „Urban Tech Republic“ wegen der dauernden Unklarheit über die Eröffnung des BER noch auf unbestimmte Zeit verschoben ist. „Andererseits sind wir auch froh über die Zeit, die wir bekommen haben“, sagt der frühere McKinsey-Berater. Nun seien die Pläne definitiv ausgereifter und besser, als sie es gewesen wären, wenn sie schon 2012 oder 2013 auf das Gelände gekommen wären. Nur der Vertrieb, der die fast 200 Hektar Gewerbeflächen an künftige Nutzer vergeben soll, sei „genervt“ von der Hängepartie.

Dabei sei die Nachfrage angesichts der schrumpfenden Flächenreserve in der Stadt durchaus da. Das Tegel-Gelände mit seinem Platz für 800 bis 1000 Unternehmen werde dringend benötigt, wirbt Bouteiller, der einst selbst eine High-Tech-Firma mitgegründet hat. „Die Lösung für Berlin kann ja nicht sein, die Firmen in den Speckgürtel zu schicken.“ Dann bräche nämlich auch die Verkehrsinfrastruktur unter der Last der Pendler zusammen. Und vielerorts in der Stadt gäbe es schon jetzt Konkurrenz zwischen Gewerbebetrieben und einem immer näher heranrückenden Wohnungsbau.

„Wohnen und Arbeiten zusammenzubringen, das heißt Stadtentwicklung“, so der Tegel-Projekt-Chef. Denn neben dem Technologiepark, der sich mit 70 Hektar Fläche für Gewerbe und 82 Hektar für Industrie um die im Terminal geplante Filiale der Beuth-Hochschule gruppiert, ist das Kurt-Schumacher-Quartier mit 5000 Wohnungen geplant. Zudem soll ein Areal als Grünfläche frei bleiben, das fast so groß ist wie das Tempelhofer Feld. Die großen Hangars will die Berliner Feuerwehr übernehmen, deren Akademie dort die Beamten den Ernstfall trainieren lassen möchte.

Beuth-Hochschule möchte dringend das Sechseck des Terminals beziehen

Bei Beuth warten sie dringend darauf, das Sechseck beziehen zu können. Die Hochschule leidet auf ihrem Weddinger Campus unter drangvoller Enge. 12.000 Studierende teilen sich 6000 Studienplätze. Schon wird gewarnt, man müsse demnächst ganze Studiengänge schließen. Für die Hochschule soll das Sechseck für 150 Millionen Euro hergerichtet werden. Allererster Schritt für eine Nachnutzung des Flughafens soll aber ein Gründerzentrum sein. Jungunternehmer sollen in das bisherige Terminal D einziehen können, wo dafür nur vergleichsweise kleine Umbauten nötig wären. Schon immer hatten die Tegel-Planer die Vorgabe, sofort nach der Schließung auf dem Gelände tätig zu werden. Der Senat wollte auf jeden Fall eine Debatte wie in Tempelhof vermeiden. Auch weil es dort keine durchdachten Pläne gab, stimmte das Volk 2014 dagegen, das Feld zu bebauen.

Die Beuth-Hochschule soll so etwas wie der wissenschaftliche Anker für ein neues Hochtechnologiezentrum werden. Die Planer visieren ein „zweites Adlershof“ an und beziehen sich dabei auf den erfolgreichen Technologiepark im Berliner Südosten, der sich seit Jahren zu einer Wachstumsmaschine der Berliner Wirtschaft entwickelt hat. Nicht von ungefähr firmiert die Tegel-Projekt als Tochterfirma der bewährten Adlershofer Betreibergesellschaft Wista. Aber auch im Südosten werden die Flächen für Unternehmen allmählich knapp. Und so hoffen die offiziellen Wirtschaftsvertreter der Stadt auf Expansionschancen auf dem Tegeler Rollfeld. Die Nachfrage sei da, wird versichert, auch wenn man wegen der unsicheren Terminlage natürlich noch kein Grundstück wirklich vergeben könne. Die nötigen Bebauungspläne seien aber so weit gediehen, dass sie gleich nach der Übernahme des Geländes an die Parlamente gehen könnten.

Die Verheißungen sind enorm. Die Volkswirte der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) haben die möglichen Effekte der Nachnutzung analysiert und die Folgen für den Rest der Berliner Ökonomie über die nächsten 20 Jahre hochgerechnet. Im optimistischsten Szenario gehen sie von bis zu 24.000 neuen Arbeitsplätzen in Berlin TXL aus, die weitere 34.000 Jobs im Rest der Stadt nach sich ziehen. Die Entwicklung löse zusätzliche Investitionen von 1,1 Milliarden Euro aus. Langfristig werde die Berliner Wirtschaftsleistung dadurch um 4,6 Milliarden Euro wachsen. Das wäre erheblich. Zum Vergleich: 2016 lag das Berliner Bruttoinlandsprodukt bei knapp 130 Milliarden Euro. Der Senat hätte nach den Berechnungen der IBB bis zu 780 Millionen Euro mehr in der Steuerkasse. Selbst im schlechtesten der drei berechneten Szenarios wären die Effekte immer noch halb so stark.

Chefplaner Philipp Bouteiller wäre aber mit einem großen Gewerbe- und Industriegebiet kaum zufrieden. Er träumt von einem Stadtteil der Zukunft, wo die Lösungen für morgen ersonnen, hergestellt und auch gleich im Echtbetrieb ausprobiert werden können. „Tegel ist ein Ort, um Pilotprojekte zu entwickeln und Dinge zu ermöglichen“, sagt Bouteiller. Wenn er die Pläne auf internationalen Konferenzen vorstelle, blicke er in leuchtende Augen. „Die hätten auch gerne solche Flächen.“

Dass seine Firma schon 29 Millionen Euro ausgegeben hat, findet der Geschäftsführer nachvollziehbar, wenn man die Dimensionen bedenke. Man plane fünf Quadratkilometer Stadt, und eine solide Planung bilde die Grundlage, um spätere Fehler zu vermeiden.

Um offen für zukünftige Entwicklungen zu sein, will die „Urban Tech Republic“ alle technischen Vorfestlegungen vermeiden. Alle Systeme sollen flexibel und nachrüstbar sein. An den Straßen werden vorsorglich Sensoren angebracht, wie sie für fast alle Smart-City-Themen nötig sind. Statt Straßenlaternen werde es Multifunktionssäulen geben, die mehr leisten, als nur zu leuchten. Unten sind sie Ladesäulen für Elektroautos, oben sollen sie Wlan-Felder ausstrahlen, Umweltdaten sammeln oder gleich das ganz schnelle mobile Netz des 5-G-Standards, das etwa autonomes Fahren ermöglicht. Leitungen und Rohre werden nicht einfach verbuddelt, sondern unterirdisch in sogenannten Infrastrukturkanälen geführt. Ein System, das sich die Planer von Flughäfen abgeschaut haben. Wenn irgendwann etwa neue Datenkabel erfunden werden, kann man sie einfach dort hineinlegen, ohne die Straßen aufreißen zu müssen.

Auch ein neues System zur Energieversorgung soll in TXL zum Einsatz kommen, die Detailplanung wurde gerade ausgeschrieben. Vereinfacht gesagt sollen Rohre mit warmem und kaltem Wasser parallel das ganze Gebiet durchziehen. Denn Wasser ist bisher das günstigste Speichermedium für Energie. An vielen Stellen können Nutzer selbst erzeugten Ökostrom dort einspeisen und auch die benötigte Energie entnehmen. Ein solches „Low Energy“-Netz in dieser Größenordnung gebe es noch nirgendwo. „Das schlägt die Fernwärme bei Weitem, wenn es um die Preise und die Effizienz geht“, schwärmt der Planer.

Regenwasser soll auf dem Gelände selbst gespeichert werden und verdunsten

Auch auf die Folgen des Klimawandels soll der High-Tech-Park vorbereitet sein. Weil es absehbar viel öfter als früher besonders stark regnen wird, wollte Bouteiller die Dimensionen der Entwässerung anpassen. Die geltenden Bauvorschriften ließen das aber nicht zu. Also dachten sie sich die Idee der „Schwammstadt“ aus. Der Regen soll auf dem Gelände möglichst in begrünten Dächern, auf zeitweise überfluteten Wiesen und Grünanlagen gespeichert werden. Dort verdunstet das Wasser und kühlt an den heißen Sommertagen, die auf Gewitterstürme folgen. „Urban Tech heißt ja nicht, alles mit Hochtechnologie zuzupflastern“, sagt Bouteiller. Klug planen könne auch bedeuten, Technik zu vermeiden.

So wie der Technologiepark beispielgebend sein soll für die Gewerbegebiete von morgen, so ist auch das Kurt-Schumacher-Quartier am östlichen Ende des Rollfeldes als Pilotvorhaben für die anderen großen Berliner Wohnungsbaugebiete ausersehen. Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) hat mit den am Bau von einmal 5000 Wohnungen beteiligten städtischen Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und Baugruppen eine Charta vereinbart. Auch in diesen Leitlinien geht es um das Speichern von Regenwasser, um Grünzüge zwischen den Wohnblocks, um Schulen und Kitas, ordentliche Anbindung an Bus und Bahn sowie um Carsharingstationen an den Rändern des neuen Viertels. „Diese Vereinbarung kann als Folie dienen für die künftige Quartiersentwicklung generell“, sagt die Senatorin.

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