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Hat Ihnen die Schauspielerei Glück gebracht, Frau Anderson?

Gillian Anderson, Schauspielerin

Ein früher Sonntagmorgen im Berliner Regent Hotel. Gillian Anderson, die hier das Historiendrama "Der Stern von Indien" (ab 10. August im Kino) vorstellt, wirkt hellwach und hoch konzentriert, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Doch die 48-Jährige straft sich dann selbst Lügen, wenn sie offen und mit Sinn für Selbstironie über ihren wechselvollen Werdegang Auskunft gibt, der auch während der Zeit ihrer großen Erfolge nicht ohne Tiefpunkt war.

Berliner Illustrirte Zeitung: Die Welt kennt Sie immer noch als FBI-Agentin aus "Akte X". So gesehen ist es ungewöhnlich, Sie als lupenreine britische Gouverneursgattin in "Der Stern von Indien" zu erleben.

Gillian Anderson: Finden Sie? Ich bin in London groß geworden und vor 15 Jahren wieder dorthin zurückgezogen. Nach dem Ende der Serie habe ich dort Theater gespielt und mir ein Haus gekauft. Eigentlich wollte ich zwischen den Kontinenten pendeln, aber dann habe ich mich verliebt, habe geheiratet, auch wenn das inzwischen wieder vorbei ist, und der Rest ist Geschichte. Ich würde nirgendwo sonst leben wollen. Denn auch mit der Arbeit ist es hier besser.

Inwiefern?

Hier haben die Leute eine unkonventionellere Herangehensweise an Filme. Sie stecken mich nicht in eine Schublade, was man ja auch bei "Der Stern von Indien" sieht. Denn ich wollte und will beweisen, dass ich alles Mögliche spielen kann. Ich kann hier Filme machen, die ich respektiere und die ich mir selbst ansehen würde. Und ich liebe es auch, auf der Bühne zu stehen, was hier einfacher als in Hollywood ist.

Die ursprüngliche Serie endete nach 202 Folgen im Jahr 2002. Was war das damals für ein Gefühl?

Es war eigenartig. "Akte X" war ein so großer Teil meines Lebens – über neun Jahre dauerte das. Es hat mich völlig aufgesogen. Ich hatte kaum Zeit, Freunde zu treffen oder meine Rechnungen zu bezahlen. Und deshalb wollte sich ein Teil von mir komplett abschotten. Ich wollte vergessen, dass ich sie gedreht hatte. Danach ging ich einfach nur auf Reisen, wollte kein Fernsehen machen. Das war so ein Überlebensinstinkt. Deshalb weigerte ich mich einige Jahre, über "Akte X" zu sprechen. Ich war mir damals nicht sicher, ob ich je eine entspannte Haltung dazu bekommen würde. Aber inzwischen habe ich die nötige Distanz. Ich bin glücklich, dass ich Teil dieser Serie sein durfte und kann mich ganz locker darüber unterhalten.

Aber was genau ging Ihnen unter die Haut?

Es war einfach eine so lange Zeit. Die Stunden waren lang, die Arbeit hart. Deshalb konnte ich das Ganze erst mal nicht so richtig würdigen. Wobei ich da auch selbst Fehler gemacht habe. Im Lauf der Zeit habe ich dann begriffen, was das für ein Segen war. Ich hatte einen festen Job, machte tolle berufliche Erfahrungen und konnte eine Figur spielen, die Fernsehgeschichte geschrieben hat.

Hatten Sie damals Fehler gemacht?

Ganz am Anfang war ich noch jung und energiegeladen. Und meine Tochter war noch klein, also konnte ich sie überallhin mitnehmen. Also entschloss ich mich, während meines Urlaubs zwischen den Drehzeiten auch noch Pressereisen zu machen. Ich dachte mir: "So kann ich die Welt sehen, und jemand anders zahlt dafür." Aber das war einfach nur dumm. Wenn du drei Tage in Deutschland, dann drei Tage in Frankreich, drei Tage in Spanien hintereinander Termine absolvierst, dann bist du einfach nur platt.

Sie wurden dadurch auch weltweit berühmt. Wie schlimm war es, in der Öffentlichkeit erkannt zu werden?

Das hing immer von meiner Haarfarbe ab. Ich bin ja eigentlich dunkelblond, und auf diese Weise konnte man mich nicht so leicht erkennen. Aber sobald ich zum Scully-Rot wechselte, dann war das spürbar. Andererseits ließ sich das auch nicht so wirklich vorhersehen. Ich war mal im Urlaub auf Sri Lanka und dachte, ich könnte völlig anonym bleiben, und jeder hat mich erkannt. In New York wiederum befürchtete ich, dass es hart werden könnte, und dann ließen mich die Leute in Ruhe.

Sie ließen sich damals richtig als Sexsymbol feiern, posierten halb nackt für Magazine.

Das war ein Shoot, und eigentlich hatte ich am Anfang einen ganz konservativen Schlafanzug an. Aber irgendwie hat mich der Fotograf dazu überredet, den auszuziehen. Mein Agent war ganz geschockt. Aber das ist schon lange her.

Sie sehen immer noch blendend und fit aus. Es wirkt nicht so, als wäre da viel Zeit vergangen.

Ich versuche einfach nur gesund zu bleiben. Deshalb nehme ich wenig Mehl und Zucker zu mir. Das ist eine sehr große Herausforderung für mich, denn genau diese beiden Zutaten sind in 75 Prozent des Essens enthalten, das ich liebe. Ich bin ein großer Brot- und Schokoladenfan. Aber ich gebe zu: Wenn ich darauf verzichte, dann komme ich morgens leichter aus dem Bett und habe am Tag mehr Energie.

Und wenn Sie für die Serienrolle Ihr Aussehen veränderten, machte das eigentlich Spaß?

Das hing von der Situation ab. Für eine Filmrolle in London war meine Haarfarbe ein tiefes Magenta, dann musste ich aber nach Los Angeles, wo ich den "Akte X"-Kinofilm drehte, wo ich wieder umgefärbt wurde. Innerhalb kürzester Zeit verbrachte ich da 19,5 Stunden im Frisiersessel. Es war der absolute Aberwitz. Und vor Drehende des "Akte X"-Films bin ich aus Vancouver eingeflogen. Und ich musste um jeden Preis dafür sorgen, dass mein Haar perfekt blieb. Das klappte dann auch, aber ich weiß noch, was das für eine Erleichterung war, als nichts passierte. Denn die Fans verlangten eben eine Scully mit der richtigen Haarfarbe.

Sie drehten jetzt noch mal ein Revival von "Akte X". Hatten Sie keine Angst, dass Sie da noch mal von diesem Wahnsinn aufgesogen werden?

Es war überschaubar. Statt die Haare zu färben, nahm ich diesmal eine Perücke. Das sind ja nur drei Staffeln. Und inzwischen weiß ich, wie ich das alles geregelt bekomme. Ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, mein Familienleben an oberste Stelle zu setzen. Wenn ich Filme drehe, dann suche ich mir die Projekte so aus, dass ich möglichst viel Zeit mit meinen beiden jüngeren Kindern verbringen kann. Meine älteste Tochter ist ja schon erwachsen. Ich mag keine langen Trennungen. Die Sehnsucht nach meinen Kindern ist einfach zu groß. Abgesehen davon habe ich auch noch meine Hobbys. Ich liebe Kunst, gehe praktisch in jede Ausstellung, die nach London kommt. Jahrelang habe ich Gemälde gesammelt, bis meine Wände zu Hause voll hingen.

Sie hätten ja die alten Bilder runternehmen und sich neue zulegen können?

Für so etwas bin ich nicht organisiert genug. Außerdem mag ich es nicht, Bilder einzulagern. Ich will sie alle sehen können.

Worin zeigt sich Ihr Mangel an Organisiertheit sonst noch?

Ich weiß nicht, ob man das als desorganisiert bezeichnen kann. Aber als ich mit der Schauspielerei anfangen wollte, hätte ich das in meiner Naivität fast vermurkst. Ich fragte herum, wo man dafür studieren musste, und jemand nannte die Goodman Theater School in Chicago. Also bewarb ich mich da – aber nirgendwo sonst. Zum Glück wurde ich aufgenommen, aber ich hätte keine Ahnung gehabt, was ich bei einer Absage gemacht hätte.

Ihr Vater arbeitete doch in der Filmbranche. War das für Sie der Anstoß?

Nein, denn er hatte eine Postproduktionsfirma. Bei uns zu Hause liefen keine Schauspieler herum, und wenn ich einen Film im Kino sah, dann dachte ich nicht, dass das irgendwas mit seiner Arbeit zu tun hatte. Er hat mir allerdings Ratschläge gegeben, die nicht unbedingt ermutigend waren. Er war ein sehr praktisch veranlagter Mensch, und deshalb empfahl er mir, Textverarbeitung zu lernen. Das war die Zeit, wo die Computer so aufkamen. Ich studierte damals noch, und die Chance, mit der Schauspielerei Geld zu verdienen, war so gering, dass er meinte, ich müsse noch was anderes versuchen. Und wenn ich mich mit Textverarbeitung ausgekannt hätte, dann hätte ich auch andere Leute unterrichten können. Es war eigentlich ein idealer Plan. Aber was tat ich? Ich kellnerte lieber und machte Cappuccinos.

Ihre Mutter war Computeranalystin. Haben Sie von Ihren Eltern das IT-Talent geerbt?

Nicht, dass ich wüsste. Mit Computern bin ich nicht sonderlich begabt. Ich wusste auch schon früh, dass ich etwas mit Schauspielerei machen wollte. Allerdings war auch das kein Selbstläufer. Mit zwölf bewarb ich mich für eine Aufführung von "Alice im Wunderland", da waren noch 100 andere Mädchen, und ich wurde nicht genommen. Ich dachte mir: "Offenbar ist das nicht für mich bestimmt." Erst später habe ich dann erfahren, dass man mich fast besetzt hätte. Ich wurde nur deshalb nicht genommen, weil ich vorher nichts gemacht hatte und ein anderes Mädchen schon einen Namen hatte. Aber damals war ich entmutigt, es vergingen dann einige Jahre, bis ich wieder den Mut hatte, für eine Gemeindeaufführung vorzusprechen.

Weshalb gaben Sie nicht auf?

Weil ich mich als Außenseiterin fühlte. Ich mochte die Schule nicht besonders, hatte das Gefühl, ich würde nirgendwo richtig dazugehören. Aber bei dieser Inszenierung wusste ich plötzlich, wer ich war, war viel selbstsicherer. Es war, als hätte jemand eine Glühbirne in mir eingeschaltet. Ich war auf einmal glücklich. So machte ich weiter, fing an, Schauspielstunden zu nehmen.

Nur bei einer Sache in Ihrem Leben hatten Sie kein glückliches Händchen. Ihre beiden Ehen wurden geschieden. Würden Sie's noch mal versuchen wollen?

Ich weiß es nicht. Ausschließen kann man das nie. Hochzeiten können sehr schön sein, und sie geben einer Partnerschaft einen besonderen Kick. Aber ich bin jetzt sehr glücklich, mein Leben fühlt sich gut an. Warum sollte ich daran etwas ändern?

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