Marzahn

Die neue Seite der Plattenbauten

Die vorgefertigte Wohnungsbauweise ermöglicht viele Grundrissänderungen. Der Stadtumbau Ost wird mit Millionen gefördert

Marzahn. Wer in Berlin mit der S-Bahn nach Marzahn fährt, sieht das Plattenbaugebirge schon von Weitem. Es hat Ähnlichkeit mit dem Vorort einer US-amerikanischen Stadt: autogerecht gebaut, aneinandergereihte Hochhäuser zwischen Grünflächen, eine Shopping Mall, Fast-Food-Lokale und Discounter. Der Weg zu Fuß zur Adresse von Shirley Langfeld und Marco Heizmann, die in ihre Wohnung einladen, führt an einer vierspurigen Straße entlang zu einem von Autos voll geparkten Platz. Sie wohnen in einem Hochhaus, einer WBS-70-Platte mit knallfarbiger Fassade. Im 21. Stock bewohnt das junge Paar eine 100-Quadratmeter-Wohnung, die durch versetzte Wände aus zwei kleineren Wohnungen zusammengelegt wurde.

Als gebürtige Marzahnerin zeigt Langfeld vom Balkon auf die hochgewachsenen Bäume, die ihre Mutter vor 30 Jahren mitpflanzte. „Bei Subbotnik-Einsätzen am Sonnabend war ich dabei“, erzählt sie. Nach Jahren in Westfalen wollte sie nach Marzahn zurück. „Das ist meine Heimat, hier kenne ich mich aus. Die Infrastruktur ist stark verbessert worden, eine Milliarde Euro wurde in Marzahn investiert.“ Das Paar erklärt, gern für 820 Euro Warmmiete in der Großwohnsiedlung zu leben.

In Marzahn, der größten Plattenbausiedlung Europas, sind seit den frühen 1970er-Jahren 60.000 Wohnungen errichtet worden. Viele wurden inzwischen vergrößert, ganze Straßenzüge saniert, inzwischen leben fast wieder 260.000 Menschen in der alten Ost-Platte, wie 1989. Nach dem Mauerfall lag der Wohnungsleerstand bei 15, nun bei zwei Prozent. Das erwartete Ausbluten der Trabantenstadt fand nicht statt. Steffi Pianka, Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) mit dem größten Plattenbauvolumen der Hauptstadt, weiß genau, warum das so ist: „Der Plattenbau ist wie ein Baukasten – vielseitig.“ Die üblichen kleinen DDR-Standardwohnungen mit blinden Bädern und geringem Wohnkomfort würden nur noch als „solide Grundsubstanz“ betrachtet. „Nicht tragende Wände lassen individuelle Grundrisse zu, sogar Betonwände entfernen wir in den Häusern“, so Pianka. Das mache die Großwohnsiedlung wohnlicher, den Plattenbau nennt sie „eine wertvolle Ressource“. Marzahn bekommt ein Upgrade.

Kleine Wohnungen werden um- und ausgebaut

DDR-Hinterlassenschaften wie Marzahn, Halle-Neustadt, Leipzig-Grünau, Rostock-Lichtenhagen oder die Fritz-Heckert-Siedlung in Chemnitz waren Problembezirke, soziale Brennpunkte, vergleichbar mit den Banlieues in Paris. Das ändert sich gerade, der „Stadtumbau Ost“ mit Millionen an Fördermitteln funktioniert. Deutschland, das jedes Jahr etwa 350.000 neue Wohnungen braucht, modernisiert den Plattenbau. Heute werden keine Wohnungen dort „vom Markt genommen“, sondern um- und ausgebaut. Die Verschönerung macht sie aber auch teurer.

In den sanierten Plattenaltbauten kostet der Quadratmeter 8,80 bis 9,50 Euro, in unsanierten Häusern unter sechs Euro. Vor allem Personen, die single- oder seniorengerechte Apartments suchen, ziehen in die Platte. Auch Kreative, Marzahn erlebt einen starken Zuzug von Künstlern. Alleinerziehende, Familien und Paare mit geringerem Einkommen tendieren ebenfalls dorthin. Plattenbausiedlungen entwickeln sich zum inte­gralen Bestandteil der Großstädte. Nach Angaben des Bundesinstitutes für Bau- und Stadtforschung leben derzeit bundesweit fünf Millionen Menschen in Großwohnsiedlungen aus den 50er- bis 80er-Jahren.

„Solche Viertel noch mal zu reaktivieren, das ist wie einen abgeschalteten Kernreaktor wieder in Gang setzen“, sagt der Architekt Carsten Vogel. Der gebürtige Dresdner hat einst selbst im Plattenbau das Handwerk gelernt, heute führt er ein Büro in Berlin und würde nie eine Platte veredeln. „Weil das städtebaulich falsch ist“, argumentiert er. „In Trabantenstädten stimmt die soziale Mischung nicht, die Bewohner kommen zu wenig in Kontakt. Aufgrund meiner DDR-Sozialisation habe ich das erlebt. Das geht ursprünglich auf Le Corbusier und Tony Garnier zurück, die im 20. Jahrhundert die Idealstadt als ‚Cité industrielle‘ sahen. Sie wollten Städte bauen wie Autos.“

Was ist denn die heutige Stadtutopie? „Ganz einfach“, sagt Vogel: „Stadt ist dort, wo man flanieren möchte. Plattenbauten haben viele Städte verschandelt, vor allem im Osten. Aus Bauhandwerk wurde Bauindustrie.“

Ein Modellprojekt in Potsdam-Drewitz gilt als gelungener Versuch. Dorthin reisen ganze Gruppen von Stadtplanern aus anderen Ländern, um den Umbau eines Plattenbauviertels in eine „Gartenstadt“, wie sie offiziell heißt, zu begutachten. Der entscheidende Faktor: Die Siedlung, eines der letzten Neubauprojekte der DDR in den späten 80ern, hat nur Häuser mit fünf Stockwerken. Die 5900 Bewohner sind zu 90 Prozent Erstbewohner, das Drewitzer Konzept wurde vom kommunalen Unternehmerverbund Pro Potsdam entwickelt. Dort wusste man genau, was die Einwohner sich wünschten – eine übersichtliche, in sich intakte Siedlung mit viel Grün und Cityanschluss.

Die breite Konrad-Wolf-Allee verläuft heute in beiden Richtungen einspurig. So gewonnener Raum wurde von der Landschaftsarchitektin Pia von Zadow zum Park mit Spielplätzen umgewandelt, Fahrradwege und eine Straßenbahn führen in die Potsdamer City. „Allein dadurch haben wir 50 Prozent weniger CO2 im Viertel“, sagt Carsten Hagenau, dessen Projektorganisation seit 2011 die Entwicklung begleitet. „Es war ein Glücksmoment, als dann Kinder zum Spielen, Ältere zum Wasserbecken und Familien mit Picknickkörben kamen. Drewitz hat eine gute soziale Bilanz. Bald kommen auch Asylanten mit vielen Kindern, für sie wurden einige Wohnungen ausgebaut. Das neue Ärztehaus ist das beste in Potsdam und zieht auch Bürger anderer Stadtteile an.“

Ein Häuserblock mit 200 Wohnungen wurde schick umgestaltet, sein Plattenbau ist kaum noch sichtbar. Alle Wohnungen erhielten tiefe Fensterlaibungen, Balkone und bunte Sonnensegel. Durch den Einbau von Fahrstühlen wurden Grundrisse verändert, kleinere Wohnungen vergrößert, einige sogar im Maisonette-Stil. Außenwände und Dächer sind gedämmt, Solaranlagen erwärmen Brauchwasser. Die grüne Fernwärme wird zu den günstigen Zeiten eingekauft.

Günstige Preise durch hohe Stückzahl und Module

Die Zuschüsse für die energetische Sanierung stammen vom Land Brandenburg und der staatlichen Förderbank KfW. Diese alimentiert den Drewitzer Ansatz und weitere 63 Pilotprojekte mit 300 Millionen Euro. Das Bundesinstitut für Bau- und Stadtforschung sieht am Beispiel Potsdam-Drewitz bereits eine Vision. Das Bundesbauministerium hat mit der Bauindustrie, dem Wohnungswirtschaftsverband GdW und der Bundesarchitektenkammer eine europaweite Ausschreibung verkündet: Mehrgeschossige Wohngebäude sollen seriell entworfen werden.

Durch hohe Stückzahlen für vorgefertigte Module und Grundrisse bleiben die Preise niedrig. Die Auftraggeber müssen keinen Architekten mehr mit der Planung des ganzen Neubaus beauftragen und anschließend keine gesonderte Ausschreibung für die Bauausführung vornehmen. Der indus­trielle Bau wird zum Nachfolger des Plattenbaus, soll aber besser sein.

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