Kolumne

Wenn's auf dem Wochenmarkt Theater gibt

„Dann hol’ ick erst mal die Möhrchen“ – Frau Keseling stapft durch Stadt und Land

An Tagen, an denen das Internet aufgebraucht scheint und neue Nachrichten nicht in Sicht sind, gehe ich auf den Wochenmarkt. Die Wahrheit ist, dass es dort eigentlich nichts gibt, das man nicht auch woanders bekäme – außer den Neuigkeiten vom Land. Wer glaubt, dass sich auf dem Markt die längsten Warteschlangen dort bilden, wo es die besten Waren gibt, irrt. Man stellt sich da an, wo die wichtigsten Leute stehen. Oder solche, denen man schon immer mal zuhören wollte. Umgekehrt ist eine Warteschlange auch ein prima Publikum, zwangläufig.

Meine Lieblingsstände sind Gemüse, Käse und Fisch. Der Gemüsemann besticht durchs sein ehrliches Angebot. War das Frühjahr kalt, gibt es den Spargel bei ihm ein paar Wochen später als bei den Ständen, die frohgemut "Beelitzer Spargel" aus Polen oder sonstwoher anbieten. Erdbeeren? "Da müssense früher kommen!" Okraschoten? "Sowat wächst bei uns nüscht. Aber nehm'Se doch Jewürzjurken! Die hamwa früsch einjelecht." Die Gurken waren diese Woche der Renner. Die Schlange ging quer über den Markt. Warum, fand ich erst nach einer Weile heraus.

Zuerst hatte ich das Geschick des Gemüsehändlers bewundert, der neben sehr erfolgreichen Verkaufsgesprächen elegant eine Kollegin und mehrere Helfer dirigierte. "Noch Sud auf die Gurken, die Dame?" – "Welcher Spargel besser schmeckt? Ach, nehmen Sie doch beide Sorten und probieren es aus!" – "Frau X, bitte holen Sie da hinten mal die Spargelkisten aus der Sonne!" – "Und dann hol'ick Ihnen erstmal die Möhrchen..." Und so weiter. An dem Tag war es eine ältere Dame, die ihm am Stand aushalf. Ich stellte fest: Einen Marktstand zu dirigieren ist ungefähr so anspruchsvoll wie die Regie um Theater. Und Schlangestehen ist offenbar eine aussterbende Kulturtechnik, ähnlich wie das Zuhören und -schauen im Theater. In diesem Fall riss mich ein Schrei aus der Versenkung.

"Eh! Hallo! Öööhh!" Ein Mann stand hinter uns und brüllte. Meine Mitwartenden grinsten wissend ins sich hinein. Einer murmelte: "Ach, der ist wieder seine Freunde besuchen." Ich drehte mich um. Gegenüber vom Gemüse stand an diesem Tag ein Polizeifahrzeug mit Partyzelt. Es war ein Infostand zum Thema Sicherheit. Was der Mann von den Polizisten wollte, bekam ich nicht mit, denn inzwischen war ich dran mit Gemüsekaufen. Danach musste ich weiter zu Käse und Eiern, wo es an diesem Tag um die aktuellen Baustellen in der Stadt ging. Mein eigentliches Ziel aber war der Fisch.

Fisch ist in Brandenburg eigentlich nichts, was man kauft. Fisch hat man oder man hat ihn nicht. In erstere Fall ist man Angler, was in unserem Dorf auf so ziemlich jeden Mann zutrifft, der dort aufgewachsen ist. Wenn man keinen Fisch hat, dann, weil man keinen Mann hat. Oder weil man ausschließlich Maränen möchte.

Die Kleine Maräne ist eine Delikatesse, die nur in sehr klaren Seen gedeiht und in nicht sehr großer Zahl. Deswegen verrate ich hier auch nicht, an welchem der beiden Fischstände auf unserem Markt man sie bekommt. Während ich noch mit dem Fischmann noch die Zubereitung frischer Maränen diskutierte (Ich: "Pfanne? Mehl? Welches Fett?" – Er: "Machen Sie es, wie Sie es immer machen!") drängelte sich eine Kundin von hinten an mir vorbei. "Der Bückling!", rief sie atemlos, "den Bückling! Schnell!" Ich schaute auf den einsamen Hering in der Auslage und auf die Frau, die mich anherrschte: "Oder wollten Sie den etwa haben? Sie sehen gar nicht nach Bückling aus!" Sie habe es übrigens eilig. Der Fischmann wickelte den Hering ein, kassierte und dann bemühten wir uns beide, nicht loszulachen.

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