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Stadt der schönen schrägen Töne

Till Brönner will mit einem „House of Jazz“ die Musikszene Berlins stärken

Berlins Jazzszene brummt. Das ist den gestandenen Institutionen zu verdanken, die seit vielen Jahren allabendlich Live-Bands aus Deutschland, Europa und den USA, sowohl berühmte, als auch unbekannte, auf die Bühne holen. Den harten Kern bilden Adressen wie das A-­Trane in der Charlottenburger Bleibtreustraße, das b-flat in der Rosenthaler Straße oder auch die Kunstfabrik Schlot in den frisch renovierten Invalidenhöfen, die ebenso wie das b-flat in Mitte beheimatet ist. Daneben existiert ein gutes Dutzend Einrichtungen, in denen mehrmals wöchentlich Jazz "die erste Geige" spielt. Darunter sind das Quasimodo, Badenscher Hof, Junction Bar, Trompete, Aufsturz oder auch das Yorckschlösschen.

Dass die Szene brummt, liegt aber auch an anderen Faktoren. Zum einen nennt eine große Anzahl gut ausgebildeter, aktiver Jazz-Musiker die Hauptstadt ihr Zuhause. Das ist den starken Ausbildungsstrukturen zu verdanken, insbesondere dem Jazz-Institut Berlin (JIB), das 2005 von den bis dahin separierten Abteilungen der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" ("Eisler") und der Universität der Künste (UdK) gegründet wurde, um einen "gemeinsamen Kristallisationspunkt in der Jazz-Ausbildung mit internationaler Tragweite", wie es auf der Website der "Eisler" heißt, herzustellen.

Auch der Zuzug junger Jazzmusiker aus dem Ausland, die in Berlin gute Voraussetzungen für ihre Arbeit finden, inspiriert die Szene. Zudem hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Genres gewandelt. Verband man früher mit Jazzclubs verrauchte, mit älteren Herren gefüllte Kellerbars, ist Jazz heute jung, hip und vor allem experimentierfreudig. Das macht sich auch in der Festivalszene bemerkbar. XJazz ist ein seit 2014 alljährlich in Kreuzberg stattfindendes Festival, das die Brücke vom klassischen Jazz hin zu verwandten Genres wie Electronica und Neo-Classic schlägt und gerne auch mit poppigen Einflüssen kokettiert. Und auch das von den Berliner Festspielen kuratierte Jazzfest Berlin, das seit 2004 ausgetragen wird und alljährlich die Koryphäen des Genres einfliegt, erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Die jüngste Idee einer weiteren Schwerpunktsetzung stammt von Startrompeter Till Brönner, der mit dem früheren Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) Pläne ausarbeitete, die Alte Münze am Molkenmarkt zu einer wichtigen Spiel-, Aus- und Weiterbildungsstätte des Jazz auszubauen, zum sogenannten "House of Jazz". Doch der neue Kultursenator Klaus Lederer (Linke) lehnte diese Pläne laut Medienberichten jüngst ab. "In der Sache wurde viel, aber nicht immer ganz sauber berichtet", erklärt Till Brönner. Tatsächlich treffen sich der Jazzvirtuose und der Kultursenator erst am 20. Juli, um über die Pläne zu sprechen. Lederer lehnte bis dato nur die Finanzierungsvorschläge des Bundes ab, da er eine Einmischung in Landespolitik vermeiden will.

Brönner, das merkt man ganz klar, will für sein Projekt kämpfen. Auch wenn es um die Jazzszene "nicht zu gering" bestellt ist, bleibt "aber immer Platz für mehr", sagt der Trompeter. Ein Ende des Jazzhypes ist nicht zu sehen. Dafür, dass sein Status quo aber gesichert bleibt, wäre ein neues Institut, ein "House of Jazz" sicher hilfreich.

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