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„Komm mit, Baby, ich bring dich zum Film“

Klaus Lemke ist Kultfilmemacher. Der Autorin Caroline Rosales verdreht er seit Jahren den Kopf

Gute Begegnungen, wirklich gute, hat man im Leben höchstens eine Handvoll. Dieser Text handelt von einer. Es war vor elf Jahren, ich sitze an meinem Schreibtisch in der Redaktion, damals noch in Hamburg. Das Telefon klingelt. Die Chefsekretärin Susan ist dran. Sie möchte mich verbinden mit einem Klaus Lemke.

„Klaus Lemke“, frage ich sie fast entsetzt zurück. „Der Klaus Lemke? Der Regisseur von ‚Rocker‘?“

„Er hat explizit nach dir gefragt. Ich verbinde mal“, sagt Susan unbeeindruckt. Und ich bin elektrisiert. Zu dieser Zeit gab es unter den Kollegen meines damaligen Boyfriends, des Musikers Malakoff Kowalski, genau zwei Themen, die es abzufeiern galt: das „White Album“ der Beatles und den Film „Rocker“ von Klaus Lemke.

„Rocker“ ist bis heute in Hamburg und bei Cineasten Kult. Ein Motorrad-Gang-Melodram aus den Siebzigern voller Milieu-Poetik, in dem die Protagonisten sich selbst spielen. Die Zuschauer im Kino sprechen Sätze wie „Du bist doch ’n Kerl oder was, mach dich gerade!“ im Chor mit. Ich nehme den Anruf an und lasse das mit mir tun, was Klaus heute „Highjacken“ nennt. Er erzählt mir, dass meine Stimme „Bombe“ ist. Dass er nicht mehr genug davon bekommen kann. Kleine, süße Lügen, aber ich muss natürlich lachen. Klaus ist damals schon 65 Jahre alt, flirtet aber besser als jeder Twentysomething im Club. Wir sprechen über seinen Film „Finale“, den er gerade auf der Reeperbahn dreht. „Gegen den, Baby, ist Porno wie Klatschen mit einer Hand.“ Das sitzt. Wir sind im Geschäft.

Ich schaffe es nicht, ihn zu treffen, schicke aber unseren Fotografen Abi los, der Saralisa Volm, seine Hauptdarstellerin, damals 22 Jahre, in einem kurzen roten Kleid fotografiert. Der Zeitungsartikel erscheint: Lemke, der Schwabinger Cowboy auf dem Hamburger Kiez. Ein kleiner Scoop für die junge Reporterin. Drei Wochen später sehe ich Saralisa Volm auf einer mehrseitigen Fotostrecke im „Stern“ wieder. „Ein Lemke-Mädchen muss schön, gerissen und verwegen sein“, steht da. Ich bin begeistert. Klaus, der schon damals nie ohne offenes Hemd oder weißes T-Shirt und zerrissene Jeans aus dem Haus ging, ist zurück in München. Wir telefonieren viel.

Klaus erzählt mir von seiner Beziehung mit einer Agnelli-Tochter, dem Whiskey, den er sich mit Richard Burton in den Achtzigern beim „Bambi“ teilte, der Bardot und betrügerischen Produzenten, die ihm ein paar Tage Knast wegen unbezahlter Rechnungen einbrachten. Von seinem Film „Brandstifter“, den er im Jahr 1969 in München-Schwabing drehte. Sein damaliges Lemke-Mädchen hieß Iris Berben.

„Du hast Iris Berben entdeckt, Klaus?“

„Ja. Ich fuhr im Cabrio durch München, und da sah ich diese Frau auf dem Bürgersteig. Ich habe angehalten, die Beifahrertür aufgemacht und gesagt: ,Steig ein, Baby, komm mit, ich bring dich zum Film.‘“

„Klaus war über die Jahre hinweg immer der Rebellengeist, der so über mir geschwebt hat“, erzählte Iris Berben jüngst in einem Interview mit dem Zeit-Magazin „Mann“.

„Klaus, mach noch einen Film mit Iris“, bettele ich ihn schon damals an.

„Nein, Baby, daraus wird nichts“, sagt er trocken.

Klaus hasst den Mainstream. Bei ihm ist alles Untergrund, Trash, Trillerpfeife. Mit etablierten Schauspielern rede er nicht, lässt er Iris Berben schon damals kurz nach ihrem gemeinsamen Werk ausrichten. Als sie plötzlich ein deutscher Filmstar war, erzählt sie in besagtem Interview, wechselte er die Straßenseite, sobald er sie sah.

„Warum hast du das gemacht, Klaus?“

„Baby, ich bin nicht käuflich.“

So vergeht fast ein Jahr. Wir telefonieren. Wir reden über sein Leben und das Leben. Manchmal höre ich wochenlang gar nichts von Klaus, dann kommt eine SMS, die meist mit der Anrede „Traumfrau“ beginnt. Dann meistens ein neuer Filmplot. Die Plots können so klingen: „Berlin. Denn in dieser Stadt kriegst du nur, was du dir nimmst.“ Klaus zaubert mir das schiefe Lächeln ins Gesicht, das ich so dringend brauche. Immer.

Und er ist unberechenbar. Er singt mir auf die Mailbox meines Nokia-Handys. Französische Chansons. Mein Freund Kowalski ist mehr belustigt als entsetzt. Wir sind frisch nach Berlin gekommen, noch völlig überfordert von den Eindrücken der Stadt. Er will komponieren, ich will schreiben. Wir suchen Vorbilder. Auch er fängt jetzt an, mit Klaus zu telefonieren, und in wenigen Tagen hat er ihn mir ausgespannt. So ist das bei Klaus, der Laiendarsteller groß rausbringt wie einst Rainer Maria Fassbinder seine Stars. Er spricht mit Träumern, sie bleiben an ihm kleben.

Er entdeckte Wolfgang Fierek, Cleo Kretschmer. Saralisa Volm ist heute Filmproduzentin. Timo Jacobs, einer seiner Darsteller, brachte diese Woche seinen zweiten Film „Mann im Spagat“ in die Kinos. Schauspieler Henning Gronkowski, den Klaus „Teenager“ nennt, schneidet gerade seinen ersten Kinofilm. Jetzt will Klaus ausnahmsweise – etabliert hin oder her – mit „dem letzten großen Theaterstar“ Lars Eidinger drehen. Aber das ist heute noch Schnee von morgen.

Es ist das Jahr 2007, und Kowalski fängt an, mit Lemke zu arbeiten. Sie machen Musik für seine Filme. Klaus schickt ihm DVDs mit seinen alten Filmen aus den Sechzigern und Siebzigern. Alle haben tolle Titel: „Sylvie“, „Paul“, „Liebe so schön wie Liebe“, „48 Stunden bis Acapulco“. Kowalski soll seine Welt verstehen. Und das ist anfangs nicht leicht. Denn Klaus setzt bei musikalischen Kompositionen ausschließlich auf Gedankenübertragung. Mal pfeift er ihm eine vage Melodie in den Hörer. Mal sagt er Kowalski, er brauche für eine bestimmte Szene eine Nummer, die nach „American Gangster“ und Jean-Luc Godards „Außer Atem“ klingt. In den nächsten vier Jahren entstehen wunderschöne Klavier- und Gitarrenkompositionen, nachzuhören auf Malakoff Kowalskis letzten Soloplatten.

Klaus ist streng mit Kowalski, meinem teuren Freund, aber niemals ungerecht. Und er gibt zurück. Für Kowalskis damals neue Single „Andere Leute“ macht Klaus ihm einen Videoclip. Prompt werden sie in Oberhausen bei den Kurzfilmtagen fürs beste Musikvideo nominiert. Und dass, obwohl die beiden über die Jahre niemals zusammen im Studio oder im Schnitt saßen. Die Kommunikation lief ausschließlich über Handy und Post.

Ein typisches Gespräch zwischen den beiden klingt so: „Cowboy! Hör dir das Ende von ‚Acapulco‘ an! Hör auf zu trinken und dein Geld zu verballern. Geh jetzt ins Studio und mach endlich ein neues Stück Musik!“ – „Mein Mann“, kommt dann als Antwort. Klaus nennt Kowalski „Cowboy“, weil er alle Jungs so nennt. Und Cowboys brauchen klare Ansagen, sagt Lemke.

So entstand zum Beispiel „Acapulco Revisited“ – mit schwankendem Akkordeon, etwas Gitarre und ein bisschen Pfeifen dazu. „Schmutziger Süden“, „3 Kreuze für einen Bestseller“, „Berlin für Helden“, „Kein großes Ding“– so heißen die Filme, die sie dann gemeinsam machten. Meine Erinnerung: Ich laufe durch unsere Kreuzberger Altbauwohnung und höre Klaus und Kowalski am Telefon, das immer auf Lautsprecher gestellt ist. Sie pfeifen und summen sich etwas vor, quatschen stundenlang über Filme, streiten und lieben sich.

Für „Berlin für Helden“ kommt Klaus im Jahr 2011 endlich in die Hauptstadt. Der Film wird eine durchgeknallte Liebeserklärung an Berlin-Mitte. Saralisa Volm spielt wieder die Amazone, diesmal in Jeans-Hotpants. Henning Gronkowski ist ebenfalls mit dabei. Meine Freunde Anna Anderegg und Marco Barotti spielen auch mit. Mittlerweile bin ich Redakteurin bei einer großen Berliner Zeitung, hochschwanger mit meinem ersten Kind, Kowalski und ich sind inzwischen getrennt und beste Freunde. Ich beschließe, Klaus am Set zu besuchen, meine Wohnung ist nur wenige Hundert Meter vom Drehort im „St. Oberholz“ entfernt.

Es ist verrückt, wir kennen uns seit sechs Jahren, telefonieren mindestens einmal alle drei Monate, doch er hat mich noch nie gesehen. Als wir uns dann treffen, am Rosenthaler Platz, müssen wir beide lachen. Er hakt sich bei mir ein, legt seinen Arm auf meinen Oberarm, will mich gar nicht mehr loslassen. Es ist herzlich.

„Und wie findest du Berlin, Klaus?“

„Hier ist man von sich bekifft – was oft zu einer Selbstinszenierung wird, aus der man nicht mehr rauskommt.“

„Ich muss los, Klaus“, sage ich irgendwann. Ich will ihn nicht weiter stören. Er steht am Set, seine Schauspieler warten auf Anweisungen. 50 Euro kriegt ein Schauspieler bei Klaus am Tag. Das ist das System Lemke. Wer zu spät kommt, kann gehen. Wer zu viele Fragen stellt, kann gehen. Wer mit Kaffeebecher in der Hand kommt, ist sofort gefeuert. Wer diese Regeln kennt, steht ungern an seinem Set dumm rum. Aber Klaus ist ein Gentleman alter Schule.

„Ich muss los“, sage ich noch mal.

„Ich gehe, wohin du gehst.“

„Ich gehe zum Edeka.“

Er zieht seine Schiebermütze nach vorne.

„Dann los, Baby.“

Klaus, der Kultregisseur, lässt sein ganzes Set stehen, um die hochschwangere Bald-Mutti , die er vom Telefon kennt, zum Supermarkt zu begleiten. Das ist filmreif. And I’m in love!

In den nächsten zwei Jahren schreibe ich zwei Bücher und bekomme mein zweites Kind. Meine Tochter. Klaus dreht weiter Filme. Auf Fuerteventura, in München. Einige davon bricht er ab. Auch das ist das System Lemke. Die Hälfte der Filme schmeißt er noch vor dem Schnitt weg. „Und dann mal sehen, was der nächste Waschgang bringt“, sagt er. Ich rufe ihn an.

„Klaus, ich habe eine Tochter bekommen, ich konnte nicht anders, sie heißt Cleo.“

„Wenn sie 16 Jahre ist, Baby, schenke ich ihr alle elf Cleo-Filme“, sagt er gerührt. „Und dann hole ich sie zum Film“, scherzt er.

„Das kannst du vergessen.“

Cleo, meine Tochter – ich will, dass sie das Lebensgefühl Lemke in sich trägt. Dass sie so unerschrocken ist wie der freieste Mensch, den ich je getroffen habe. Klaus traf Cleo Kretschmer in den Siebzigern in München. „Erst als ich ,Rocker‘ gemacht hatte, war ich bereit, ein echtes Mädchen kennenzulernen – und das war Cleo“, erzählt er.

Vor ein paar Wochen hat mir Klaus seinen neuen Film „Making Judith!“ geschickt, den er Ende Juni auf dem Münchner Filmfest vorstellen wird. „Making Judith!“ ist einer der wenigen Filme, in denen er selbst mitspielt – und genau das macht ihn zum Niederknien schön. Das Lemke-Mädchen Judith Paus ist hübsch, blond und will zum Film. Klaus ist der Regisseur und lässt sie zappeln. Er inszeniert sich selbst als Macher, aber seine Hybris ist niemals ohne Selbstironie.

In der Ankündigung des Filmfests klingt „Making Judith!“ so: Alles über Casting. Über Lemke. Und Orgasmen durch Gedankenübertragung. Plus: „Alles über Finanzierung von Non-Government-Movies.“

Klaus’ Werk, das so locker und leicht ist wie ein Nouvelle-Vague-Film, wird sich unter all den Festival-Blockbustern behaupten müssen. Mit 76 Jahren ist Klaus derweil beschäftigt wie nie. Jetzt im Juni dreht er seinen nächsten Film. Der Arbeitstitel: „Kannibalen. Zärtlich“. Ich wünsche Klaus, dass „Making Judith!“ groß rauskommt. Wie „Rocker“. Das hat der Film verdient.

„,Making Judith!‘ ist ein Splitter vom Paradies. Ein kleiner Orgasmus für zwischendurch“, sagt Klaus am Telefon. Ich bin zu Hause und suche einen Titel für mein Romanmanuskript. Das Buch, das ich seit Jahren vor mir hertrage.

„Worum geht es, Baby?“

„Um Boulevardjournalismus, einen getriebenen Reporter ...“

„Nenn es ,Übel, aber Sex‘“, sagt Klaus. Ich muss lachen. „Das ist richtig gut.“ Ich lache noch mehr.

„Brauchst du noch was anderes, Baby?“

„Nein. Danke, Klaus.“

In zwei Wochen, erzähle ich ihm, werde ich für eine Nacht das Filmfest in München besuchen. Wir haben uns im Bayerischen Hof auf einen Tee verabredet. In diesem Sommer kennen wir uns elf Jahre. Es wird unser zweites Treffen.

„Unterwäschelügen“ von Klaus Lemke läuft am Dienstag, den 13. Juni , um 0.30 Uhr im ZDF