Berlin-Mitte

So schön ist die restaurierte Staatsbibliothek

In der Staatsbibliothek Unter den Linden ist der Westflügel restauriert - mit prächtigen Räumen wie dem Roten Salon.

Barbara Schneider-Kempf – Generaldirektorin der Staatsbibliothek in den neuen Räumen

Barbara Schneider-Kempf – Generaldirektorin der Staatsbibliothek in den neuen Räumen

Foto: Reto Klar

Eigentlich könnten die Mitarbeiter der Staatsbibliothek ständig Partyhüte tragen. Schließlich gibt es im Haus Unter den Linden immer wieder etwas zu feiern – hier eine Schlüsselübergabe, da ein Richtfest oder eine feierliche Eröffnung. So ist das, wenn man ein Mammut-Sanierungsprojekt in verschiedene Bauabschnitte aufteilt, damit die Bibliotheksarbeit und das Ausleihen irgendwie weitergehen können. "Bei laufendem Betrieb", wie es so schön heißt. Seit 2004 wird das mächtige Gebäude in Mitte aus der späten wilhelminischen Zeit, das 1914 eröffnet wurde, saniert. Inzwischen sind rund 80 Prozent der Sanierung abgeschlossen. Dass diese Prozentzahl so hoch ist, liegt auch an dem neuen Schlüssel, der heute übergeben wird. Allerdings ganz ohne Pomp.

"Hier ist er." Jeanette Lamble von der Generaldirektion hält ihrer Chefin einen kleinen Schlüssel hin, wirklich klein, fast wie ein Schließfachschlüssel. Und der soll die Tür zu einem 170 Meter langen Gebäudeflügel mit imposanten sieben überirdischen Stockwerken öffnen? Der Flügel reicht von der Dorotheenstraße bis zum Boulevard Unter den Linden, immer entlang der Planckstraße. Es werden dort Magazinräume bezogen, Werkstätten, Veranstaltungssäle und die Räume der Generaldirektion. Sprich, auch das prächtige Büro der Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf.

Blick in die neuen Räume - in XXL

"Ich habe aber weiterhin zwei Büros", sagt die, den neuen Schlüssel jetzt in der Hand haltend. Zwei Büros, darauf legt sie Wert. Schließlich steht sie als Generaldirektorin der Staatsbibliothek zwei Häusern vor – Haus 1, der klassizistische Bau Unter den Linden 8, hat seinen Schwerpunkt in der Literatur bis 1945, Haus 2, der Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße 33, ist für den Nachkrieg zuständig. Und keines der Häuser soll sich durch das andere übervorteilt fühlen. Seit 2004 ist sie Leiterin der Stabi, wie man die Institution in Berlin liebevoll nennt. Bei der Amtseinführung hat sie sich selbst als "durch und durch pragmatisch und besonnen" beschrieben. Die 63-Jährige mit blondem Pagenkopf trägt einen Anzug in Tundragrau, darunter eine Businessbluse, die Perlenkette zurückhaltend. Nein, Partyhüte sind bestimmt nicht ihr Ding.

Doch ihr Strahlen ist unübersehbar, als sich nun die Tür zum neuen Reich öffnet. Heute ist der erste Tag des Umzuges. Unglaublich, was hier in den letzten Jahren passiert ist. Wo früher, zu DDR-Zeiten, die vier Büchertürme standen, fast möchte man sagen Büchersilos, ragt heute der Glaskubus des Architekturbüros HG Merz in die Höhe – ein moderner Lesesaal, der 2012 fertig wurde und längst von den Besuchern benutzt wird. Wenn man vom Flur in den Innenhof schaut, kann man ihn sehen, von der Straßenfront dagegen bleibt er verborgen. Früher wölbte sich an dieser Stelle ein prächtiger Kuppellesesaal. Doch den traf im Dezember 1943 eine Bombe, 1977 wurde die Ruine endgültig abgerissen und von besagten Büchermagazinen ersetzt. Jetzt thront also totale Moderne im Zen­trum.

Aber um den Abschnitt geht es jetzt nicht, den kennt man ja längst. Neu sind nun die Räume der Generaldirektion, und die liegen ganz vorne, direkt neben der repräsentativen Eingangsfront Unter den Linden, die noch abgesperrt ist. Deshalb müssen 170 Meter zwischen dem provisorischen Stabi-Eingang an der Dorotheenstraße und den neuen Dienstzimmern zurückgelegt werden. So wird das bis 2018/2019 bleiben. Lange Wege, lange Flure! Wäre nicht ein Roller praktisch, um die Strecke zurückzulegen? "Ach, laufen ist gesund", winkt Barbara Schneider-Kempf ab. Pragmatisch, tatsächlich.

Kommenden Sonnabend ist Tag der offenen (Baustellen-) Tür

Am kommenden Sonnabend wird dieser Flügel des Hauses einige Stunden für alle geöffnet sein, dann ist "Tag der offenen (Baustellen-)Tür". Ein bisschen Baustelle ist hier unten im Erdgeschoss tatsächlich noch, das offiziell nicht Erdgeschoss genannt wird, sondern 2. Stock, obwohl es doch ebenerdig liegt. Das liegt daran, dass sich unter uns noch zwei weitere Kellerstockwerke befinden, in denen Tresore stehen, die die sehr wertvollen Bücher und Manuskripte, die Raritäten, beherbergen. Im Treppenhaus hängen auffällige Lampen. "Das sind die Leuchtkissen", erzählt Schneider-Kempf. Es gibt sie überall im Haus, in drei Größen – ein Entwurf des Kölner Architekturbüros Kress & Adams.

Rund 350 Mitarbeiter der Staatsbibliothek werden in diesem Haus arbeiten, von den Buchbindern über die Verwaltung bis zu den Bibliothekaren. Insgesamt haben beide Häuser zusammen 860 Angestellte. Endlich ist das Ende des langen, langen Flures erreicht, wir biegen nach links. Dort sitzt ein Wachmann, denn dahinter geht es auf den Innenhof , den berühmten Brunnenhof, wo eigentlich der Haupteingang der Stabi liegt, der allerdings weiterhin eingerüstet ist. "Dürfen wir", fragt Direktorin Schneider-Kempf, der Wachmann nickt, wir treten hinaus. Wie hell plötzlich alles ist. Die von Großstadtabgasen längst düster gewordene Fassade ist gereinigt worden, trotz Gerüstes und heftiger Baustelle sieht schon jetzt alles viel freundlicher aus. Doch wo ist der Wein geblieben, der früher die Fassade zum Bibliothekseingang überwuchert hatte? Man habe versucht, ihn zu retten, sehr aufwendig sogar. Und an wenigen Stellen sei das auch gelungen. Aber in seiner Masse löste sich der Wein von der Fassade. "Es wird ein bisschen dauern, bis er nachwächst." Bis dahin aber ist der Schlesische Sandstein wunderbar zu sehen.

Beim Tag der offenen Tür wird auch wieder die Freitreppe zu sehen sein, die man vor der Schließung des Haupteinganges hinaufsteigen musste, um zu den Lesesälen zu gelangen. Wer diese Staatsbibliothek vor 2004 in Erinnerung hat, weiß noch, wie verwirrend und verschlungen dort die Wege waren; zu DDR-Zeiten hatte man Zwischengeschosse eingezogen, da der zentrale Lesesaal ja weggefallen war. Es war düster und ein wenig unheimlich. "Wie ein Bild von Piranesi", sagt Schneider-Kempf. Piranesi – der Künstler, der im 18. Jahrhundert die verschlungenen, dunklen Kupferstiche verlorener Orte in die Platten grub. Der Vorher-Nachher-Effekt, er ist bei dieser Gebäudesanierung groß.

Der Rote Salon - eines der schönsten Büros Berlins

Und auch für Barbara Schneider-Kempf ändert sich manches. Bezieht sie doch eines der schönsten Büros Berlins, den Roten Salon im siebten Stock. Ursprünglich saß hier der Generaldirektor, "alles Männer", bis die DDR aus dem Raum ein Magazin machte. Jetzt ist er wiederhergestellt, und die Farben sind ein Erlebnis: die Wände rot bezogen, so war es zu Zeiten des Architekten Ernst von Ihne auch. Die hohe Kassettendecke setzt Akzente in Gold, Rot und Grün, die dunkelbraunen Regale sind noch original. Dazu der Blick, die Flügeltüren öffnen sich genau zum Boulevard Unter den Linden – stellt man sich dort an die Steinbrüstung, möchte man glatt ein zweites Mal die Republik ausrufen. Solche theatralen Austritte gibt es selten in Berlin.

"Die hässlichen Aktenordner bleiben aber nicht da, oder?", fragt Direktorin Schneider-Kempf, als sie in ihre schweren, braunen Regale blickt. Nein, nein, beruhigen sie die Mitarbeiterinnen, das sei nur provisorisch. Moderne Akzente im Raum setzen ein Gegengewicht zur üppigen Gründerzeit. Da sind die petrolgrünen Stühle, die aus einem James-Bond-Film der 60er-Jahre stammen könnten. Genauso wie die Kugellampe an der Decke. Offiziell heißt ihr Direktorinnen-Zimmer übrigens "Rahel-Varnhagen-Raum". "Wenigstens nach einer Frau benannt", sagt Schneider-Kempf zufrieden.

Zum Abschluss noch zwei repräsentative Säle: der Theodor-Fontane-Saal für 100 Personen, dahinter der Wilhelm-von-Humboldt-Saal für dreimal so viele Menschen. Hier erkennt man deutlich die entschiedene und doch zurückhaltende Handschrift des Architekturbüros HG Merz, das auch in den Sälen für alles zuständig war: ob Farbe der Wände oder Art der Decke. Alt und Neu harmonieren in dezenter Symbiose. Ja, länger gedauert haben die Bauarbeiten schon, teurer sind sie auch geworden – man liegt jetzt bei 470 Millionen Euro. So absurd das klingt, im Vergleich zum Berliner Flughafen Peanuts. Und – es wird fertig! Die nächste große Schlüsselübergabe ist das Hauptportal. Den nimmt dann wieder Direktorin Schneider-Kempf in Empfang.

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